27.06.2016   von rowohlt

«Das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann»

Rowohlts top-top-top-aktuelles Frage-Antwort-Spiel zur Fußball-EM 2016: lustig, erhellend und fast ein bisschen literarisch (Martin Walser! Mario Basler! Cathy Hummels!)

© iStockphoto.com
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Das war's! Deutschland hat 1:3 gegen die Slowakei verloren. Lausiges Spiel, löchrige Abwehr, kaum Torgefahr, kein Ruhmesblatt für den Weltmeister. Wobei … pardon, wir sind in der Zeile verrutscht –wie blöd, Verzeihung! Das 1:3 war ja am 29. Mai, typisch EM-Vorbereitung. Am Sonntag gab es ein fettes 3:0 im EM-Achtelfinale gegen die Jungs aus Bratislava und Umgebung. Boateng, Gomez, Draxler: doch ein Ruhmesblatt! Aber jetzt fängt das Turnier erst richtig an. Im Viertelfinale wartet Spanien. Nein, Italien!


STEILPASS fragt nach, wo andere sich mit alten Antworten zufrieden geben. Und STEILPASS fordert: Mehr zerreißbare Trikots! Mehr Bälle, denen schon zur Halbzeit die Luft ausgeht! Mehr von allem, was Spaß macht! Und: Sofortige Entfernung Englands aus der EM (it's Brexit time, sweet little Britains!) und Ersetzung durch das tapfere Schottland! (Pardon, liebe Schotten: Das hat sich, Sensationsson & Sensationsdóttir sei Dank, seit gestern um 22.48 Uhr isländischer Zeit erledigt. Was reimt sich auf Brexit? Exit.)


Natürlich widmen wir uns auch weiter unserer literarischen Mission: der faktenreichen Widerlegung des Martin-Walser-Axioms. Dass es nämlich nur eine Sache gibt, die noch blöder ist als Fußball, nämlich das Reden über Fußball. Aber lesen Sie selbst!


Heute: Teil 3. Mit dabei u.a.: Pierre Littbarski, Horst Evers, Oliver Kahn, Cristiano Ronaldo, Gerhard Delling, Cathy Hummels, Horst Hrubesch, Mario Basler, Lukas Podolski, Max Merkel, Franz Beckenbauer, Udo Lattek und der neapolitanische Volksmund.

«Ich hab' ihn nur ganz leicht retuschiert »

Steilpass: Wie war das jetzt gegen die Slowakei, Herr Littbarski, Sie waren ja auch im Stadion …
Pierre Littbarski:  In der ersten Halbzeit haben wir ganz gut gespielt, in der zweiten fehlte uns die Kontinu..., äh Kontuni..., ach scheiß Fremdwörter: Wir waren nicht beständig genug!
Steilpass: Eigentlich wollten wir mit Ihnen über das Spiel vom Sonntag sprechen, nicht über den lustlosen 1:3-Kick vom Mai. Fragen wir doch mal Lukas Podolski, auch so ein Gesinnungs-Kölner. Glückwunsch, Poldi, zum ersten EM-Einsatz. Und dann gleich ein überzeugender Sieg!
Lukas Podolski: So ist Fußball. Manchmal gewinnt der Bessere. 


Steilpass: Irgendwie ist es nicht die EM von Thomas Müller und Mesut Özil. Müller: absolut torlos. Özil: Elfer verschossen, Ecken so lala …
Mario Basler: Hätte ich früher die Ecken so geschossen wie Özil, dann hätte ich mit 14 aufgehört.


Steilpass: Das hätte was gehabt … kleiner Scherz, Mario! Herr Bonhof, Sie als Gladbach-Veteran – wen würden Sie im Viertelfinale gegen Italien aufstellen, würde Jogi Löw Sie um Rat fragen? 
Rainer Bonhof: Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger in der Abwehr, Bruce Willis im Mittelfeld und Jean Claude van Damme im Sturm.


Steilpass: Toughe Grundformation! Kurze Bemerkung zu den Fans und ihren Anfeuerungsgesängen («Zieht den Schweden die Schrauben aus dem Schrank …»). Einer der geilsten Gesänge kommt (ausgerechnet!) aus Leverkusen: «Wir schlafen nicht in Betten / Wir schlafen nicht auf Stroh. / Wir schlafen auf Tabletten, / Das ist bei Bayer so.» Gerhard Delling, was kriegen Sie so mit an frischer Fanpower in den EM-Stadion?
Gerhard Delling: Hup, Holland, Hup – hat den Vorteil, dass man es auch bei Schluckauf weitersingen kann.
Steilpass: Dass Holland resp. die Niederlande in Frankreich gar nicht dabei sind – das wissen Sie schon, Herr Delling …
Gerhard Delling: Oh pardon, da hab ich mich wohl im Event geirrt …


Steilpass: Der sog. Turnierbaum hängt ja ziemlich schief in der Landschaft rum. Die Topteams hauen sich im zweiten Pfad auf dem Weg ins Finale gegenseitig weg. Ziemlich erzürnt dürfte man in Italien sein; schon im Viertelfinale gegen Spanien, das ist doch scheiße, auf gut Hochdeutsch gesagt, oder?
Neapolitanischer Volksmund: Frankreich oder Spanien, Hauptsache, es gibt was zu essen.


Steilpass: Lieber Herr Faßbender, haben Sie einen kleinen Tipp für uns 08/15-Fernsehzuschauer bei Spielen, die grottenlangweilig sind, weil schon nach 10 Minuten alles und alle auf ein Elfmeterschießen hindämmern. Aushalten oder ausschalten?
Heribert Faßbender: Sie sollten das Spiel nicht zu früh abschalten. Es kann noch schlimmer werden.
Steilpass: Fredi, Toni?
Fredi Bobic: Man darf jetzt nicht alles so schlecht reden, wie es war.
Toni Polster: Man hetzt die Leute auf mit Tatsachen, die nicht der Wahrheit entsprechen.


Steilpass: Stimmt schon, unsere Fernseh- und Lebenszeit ist endlich. Da vorne sitzt Reporterlegende «Waldi» Hartmann, gestählt in zahllosen Interviewschlachten (auch mit reizbaren Zeitgenossen wie Rudi V. aus L.) Äh, Sie haben da ein bisschen Weißbierschaum am Mund, ja, genau da … is' weg jetzt! Was sagen Sie zu all den 1:0- oder 0:1-Spielen?
Waldemar «Waldi» Hartmann: Was Sie hier auf dem Rasen sehen, kostet viele viele viele Millionen Geld, wenn man diese Spieler kauft.
Steilpass: Das bringt doch nix, diese ewige Nörgelei über die Millionarios, die Jungspunde mit randvollem Bankkonto, Ferrari, Modelfreundin und Luxusimmobilie. Wir brauchen neue Konzepte. 
Erich Ribbeck: Konzepte sind Kokolores.


Steilpass: Na gut, wenn Sie meinen. Weitergefragt: Brauchen wir ab dem Viertelfinale nicht dringend einen lupenreinen Außenstürmer … sagen wir: wie Stan Libuda, Arjen Robben, weshalb nicht Leroy Sané?
Jens Jeremies: Das ist Schnee von morgen.
Franz Beckenbauer: Ja gut, ähhh, einen wie den Robben brauchen wir natürlich nicht. Er ist ein reiner Außenstürmer. So weit ich weiß steht das Tor aber immer noch in der Mitte.


Steilpass: Herr Kahn, wie halten Sie all das Gequatsche im ZDF-Studio mit Oliver Welke und seinen Sidekicks Sebastian Kehl und Holger «Taktikfuchs» Stanislawski nur aus? 
Oliver Kahn: Es ist schon verrückt, was der Fußball aus mir macht.
Udo Lattek: Sie können ruhig etwas lauter nicken.

«Für mich gibt es nur entweder – oder. Also voll oder ganz …»

Steilpass: Die heutige Spielergeneration tritt ja unfassbar brav und bieder auf. Keine Burger-Exzesse, keine Fluppen, kein Sex in der Halbzeitpause, praktisch kein Alkohol. Da ging's ja früher ganz anders ab …
Max Merkel: Im Training habe ich mal die Alkoholiker meiner Mannschaft gegen die Antialkoholiker spielen lassen. Die Alkoholiker gewannen 7:1. Da war's mir wurscht. Da hab i g'sagt: Sauft's weiter.


Steilpass: Heulen und Zähneknirschen in Österreich: als Gruppenletzter ausgeschieden, mehr Punkte auf dem Ö als in der Tabelle. Können Sie sich das erklären, Herr Nuhr?
Dieter Nuhr: Bei der Fußball-WM habe ich mir Österreich gegen Kamerun angeschaut. Warum? Auf der einen Seite Exoten, fremde Kultur, wilde Riten – und auf der anderen Seite Kamerun!
Steilpass: Verstehe einer die Österreicher!  Aber schön, dass Sie Kamerun ins Spiel bringen bei einer EM, noble Geste, gewiss. 
Max Merkel: Der Österreicher glaubt mit 18, er sei Pelé. Mit 20 glaubt er, er sei Beckenbauer. Und mit 24 merkt er, dass er Österreicher ist.


Steilpass: Nicht nur für Österreich und die Schweiz ist das Turnier zu Ende, auch für die bravourös spielenden Ungarn. Herr Möller, als Co-Trainer Ungarns an der Seite von Bernd Storck könnten Sie eigentlich sagen: alles richtig gemacht, Andy. Aber irgendwie schauen Sie ein bisschen grantig drein …
Andreas Möller: Mein Problem ist, dass ich immer sehr selbstkritisch bin, auch mir selbst gegenüber.


Steilpass: Stimmt, das ist ein Problem. Früher zerriss man sich das Maul über Alkoholexzesse und Spielerfrauen, heute über Tattoos und Frisuren …
Mehmet Scholl: Mein Traumberuf ist Spielerfrau oder Hund bei Uli Hoeneß.
Steilpass: Herr Scholl, bitte, jetzt fallen Sie mir schon wieder ins Wort! Das ganze Packing-Gedöns hat Sie offenbar sehr mitgenommen. Worauf ich in puncto Frisuren hinauswollte: Glatzköpfe sind ja nicht erst seit Pep Guardiola schwer in Mode, oder?
Mario Basler: Jetzt sieht er aus wie ein frisch lackierter Totalschaden.
Andreas Möller: Der Basler, der ist eh doof.
Mario Basler: Eigentlich bin ich ein Supertyp. Aber ich kann wohl auch ein richtiger Arsch sein!
Steilpass: Dieser Satz hat eine Wahrheit, würde Günter Netzer sagen. Aber jetzt mal Ruhe im Karton! Wir sind hier bei einem seriösen Verlag in Süd-Schleswig-Holstein und nicht an irgendeinem Stammtisch im Ruhrpott  …


Steilpass: Nun gut, zurück zum Turnier. Immerhin ist Portugal noch im Rennen. Aber immer diese Häme gegen den Weltfußballer CR7! Dieser gockelhafte breitbeinig-staksige Western-Anlauf beim Freistoß! Dieser angewiderte Blick, wenn Winzlinge wie die Nordlichter aus Island Portugal ein Unentschieden abtrotzen: Einfach kein Respekt! 
Cristiano Ronaldo: Sie beneiden mich, weil ich reich, schön und ein großer Fußballer bin.

«Jeder sollte an irgendetwas glauben. Und wenn es Fortuna Düsseldorf ist!»

Steilpass: Danke für die Steilvorlage, Campino! Noch eine Frage zur Rotation im DFB-Team: Vermutlich wusste Jogi Löw genau, was er tat, als er Jerome Boateng, seinen besten Spieler, ausgewechselt hat. Er hat es genauso gehalten wie einst Trainerguru Ristic …
Aleksandar Ristic: Ich habe absichtlich falsch ausgewechselt, damit wir nicht zu hoch gewinnen.


Steilpass: Aha, schön schlau. Fragen wir zwei Ex-Bundestrainer: Ist es eigentlich von Vorteil, nach so einem blitzsauberen Spiel wie gegen die Slowakei jetzt als Turnierfavorit dazustehen?
Erich Ribbeck: Das kann ein Nachteil oder ein Vorteil sein, sowohl für uns als auch für die gegnerische Mannschaft.
Franz Beckenbauer: I weiß es net. Frag den Löw, der weiß es auch net.
Werner Hansch: Man kennt das doch: Der Trainer kann noch so viel warnen, aber im Kopf jedes Spielers sind 10 Prozent weniger vorhanden, und bei elf Mann sind das schon 110 Prozent.
Hannes Löhr: Trainer reden zu viel über Taktik. Das beste System nützt nichts, wenn der Ball der größte Feind des Spielers ist.


Steilpass: Fragen wir den Spezialisten unter den Spielentscheidern: Wie halten wir den Gegner im Viertelfinale am besten in Schach?
Horst Hrubesch: Manni Bananenflanke, ich Kopf, Tor!


Steilpass: Statistisch gesehen gewinnt Deutschland praktisch jedes Spiel, das nach der Verlängerung ins Elfmeterschießen geht.
Werner Hansch: Ja, Statistiken. Aber welche Statistik stimmt schon? Nach der Statistik ist jeder vierte Mensch ein Chinese, aber hier spielt gar kein Chinese mit.
Steilpass: Apropos Chinese. Lieber Yang Chen, was für ein Trainertypus ist für Sie der ideale?
Yang Chen: Sagen wir es mal so: Wenn ich einen Sohn hätte, würde ich ihn nicht von Felix Magath erziehen lassen.


Steilpass: Eine kleine Abschweifung: die junge Frau im Allgemeinen und die Spielerfrau im Besonderen. Nervt Sie, Cathy Hummels, nicht auch die aktuelle «modische» Neigung, sich die Jeans durch mutwillig zugefügte Schnitte und Löcher zu verunstalten? Axel Hacke schreibt: «Nun ist ein Grad von Zerfaserung und artifizieller Verlumpung erreicht, der nicht mehr zu steigern ist …» 
Cathy Hummels: Ich möchte nicht aussehen wie alle anderen, sondern ich möchte immer noch so aussehen wie ich.
Steilpass: Was rufen Sie denen, also uns in der STEILPASS-Redaktion zu, die wir unter dem Zerfaserungs- und Zerlöcherungsphänomen leiden?
Cathy Hummels: Lasst euch nicht von Leuten, die keine Erfüllung in ihrem Leben haben, runter ziehen!


Steilpass: Danke, Cathy! Zum Abschluss eine kurze Nachfrage an Horst Heldt, der sich gerade kröperlich und seelisch von seiner Zeit beim FC Schalke 04 erholt: Als Spieler und Manager sind Sie weit herumgekommen. Gibt es etwas, woran sie nach all den Jahren im Fußball ganz fest glauben?
Horst Heldt: An die fünf lebenswichtigen Bausteine von Nutella.


Steilpass: Zuckersüße Antwort. Herzlichen Dank Ihnen allen! Für heute zurück in die Funkhäuser. Guten Abend allerseits!



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