13.01.2016   von rowohlt

Das Mädchen, das niemand gesehen hat

Eine außergewöhnliche Heldin, ein spektakulärer Plot: Thriller-Autor Achim Freudenberg im Interview

© iStockphoto.com
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«Traf eben den Informanten. Fetter Fisch. Muss dringend mit dir sprechen. Dein Name fiel.» Das sind die letzten Worte, die die Radiojournalistin von ihrem besten Freund per SMS erhält. Danach ist der investigative Journalist Felix spurlos verschwunden, seine Wohnung verwüstet. Ein Autounfall bringt bei Eva Bottin eine tief in ihr schlummernde Fähigkeit ans Licht: Sie kann mit Toten Kontakt aufnehmen – und die Toten mit ihr. Da tritt ein unbekanntes Mädchen in Evas Leben – ein Mädchen, das niemand gesehen hat … Eine Story mit extremer Sogwirkung: Achim Freudenbergs Thriller «Das Mädchen auf der anderen Seite».


Wir wollten vom Autor erfahren, was man erlebt, gefühlt und gelesen haben muss, um sich eine Heldin wie Eva Bottin auszudenken ...

DAS INTERVIEW

Wie kamen Sie zum Schreiben?
Ich war ein verträumtes, blässliches Kind, das stapelweise Bücher aus der Bücherei auslieh und verschlang. Bücher waren mein Universum. Schon damals habe ich den Wunsch entwickelt, eigene Geschichten aufzuschreiben; besonders Geister- und Detektivgeschichten begeisterten mich. Mit 14 Jahren begann ich «Pit und Felix und die Spur der Erpresser» zu schreiben. Auf einer surrenden, elektrischen Schreibmaschine. Natürlich habe ich es nie zu Ende geschrieben, aber mein Wunsch, Schriftsteller zu werden, war entfacht. Bis zur ersten Veröffentlichung sollten jedoch noch ein paar Jahre vergehen.


Haben Sie schon immer Krimis und Thriller gelesen?
Bis ich ernsthaft mit dem Schreiben begonnen habe, habe ich kaum Krimis gelesen, ein wenig Highsmith, ein bisschen Barbara Vine; das war’s dann aber auch schon. Dann kamen mit Mitte Dreißig zwei Bücher, die eine Initialzündung für mich waren: Simons Becketts hochspannendes Buch «Chemie des Todes» und Mo Hayders faszinierendes Debüt «Der Vogelmann». Von da an habe ich Blut geleckt. Und seitdem komme ich nicht mehr davon los.


Wie kamen Sie auf die Idee mit dem Totenkontakt?
Liegt das nicht auf der Hand, wenn es um Tote geht und um Verbrechen? Das erste Buch, das ich geschrieben habe, quasi mein Gesellenstück, fand keinen Verlag und wanderte in die Schublade. Ich musste mich entscheiden, ob ich jetzt weitermache oder nicht. Wollte ich. Die nächste Idee drängte schon an die Oberfläche und meine Protagonistin Eva Bottin sollte weiter ausgebaut werden und zusätzliche Fähigkeiten erhalten. Dazu kam und kommt eine leicht familiäre Vorprägung und ein Hang zum Übernatürlichen. Der Rest ergab sich dann schnell. Mir ist durchaus bewusst, dass dies im Krimibereich selten vorkommt und eher im Mystery und Horrorgenre verortet ist. Der Grat ist schmal, auf dem man als Spannungsautor wandelt, aber genaue das war es, was mich daran extrem gereizt hat. Also habe ich es ausprobiert.

«Ich kann Präsenzen von Toten im Raum spüren»

Hand aufs Herz – schon mal selbst Totenkontakt gehabt? Oder ist alles fiktiv?
In der Tat habe ich von meiner Mutter eine leichte Begabung geerbt; bei ihr ist das stärker ausgeprägt. Ich kann Präsenzen von Toten im Raum spüren, aber sehen kann ich sie nicht, wie Eva das kann. Als ich meine Idee zu Eva und der Gabe des Totenkontakts im engen Freundeskreis erzählte, trauten sich ein paar wenige, von ihren erstaunlichen Erfahrungen zu berichten. Und ich war überrascht, wie verbreitet und vielfältig diese sind. Ansonsten habe ich viel recherchiert im Netz. Aber Vieles ist esoterischer Quatsch, der mich null anspricht. Der Rest ist schlichtweg Fiktion.


Ihre Geschichte spielt in Köln. Warum gerade hier?
Ich bin seit 1999 in Köln und je länger ich hier lebe, umso verliebter bin ich in die Stadt. Selbst heute entdecke ich immer noch Neues. Köln ist eine Stadt von derber Schönheit; keine perfekte, geleckte Stadt, sondern einen mit Makeln und Widersprüchen. Eine mit vielen Unterströmungen, aber stets zugewandt und auf eine skurrile Art herzlich. Das machen die Menschen, die hier leben. Der Rheinische Frohsinn, den viele Immigranten so ansteckend finden, ist kein Mythos. Leeve und leeve losse. Gerade weil in dieser Stadt alles möglich scheint und viele Kontraste herrschen, fand ich Eva Bottin hier gut aufgehoben. Zudem ist es eine quirlige Medienstadt, die viel Radio und Fernsehen beheimatet.

Eva Bottin: eine Heldin, die kam und blieb

Warum ausgerechnet eine Radiojournalistin als Hauptprotagonistin?
Eva Bottin hat ihren Weg zu mir gefunden; nicht ich zu ihr. Sie kam aus heiterem Himmel und blieb. Erst mit der Zeit wurde mir klar, wie klasse sie ist. Als Journalistin ist sie neugierig und interessiert von Berufswegen, in ihrer Persönlichkeitsstruktur ist sie unnachgiebig, dickköpfig und alles andere als leichtgläubig. Und als Journalistin mit einem gewissen Bekanntheitsgrad öffnen sich ihr die Menschen und Türen manchmal recht schnell. Das sind deutlich bessere und spannendere Vorzeichen, als wenn sie Polizistin wäre.


Wie geht es weiter mit Eva Bottin?
Ich bin in den letzten Zügen für den nächsten Band mit Eva Bottin, der sie tiefer in ihre Gabe eintauchen lässt. Diesmal steht sie vor dem Rätsel eines unbekannten, nicht identifizierbaren Toten, dem sie bei einem Aufenthalt in Mailand begegnet. Aber das ist erst der Anfang, einer außergewöhnlichen Geschichte, die sie kreuz und quer durch die Stadt treibt. Mehr will ich noch nicht verraten.

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