17.10.2016   von rowohlt

Das Leben war monoton und schön

«André Kubiczeks ‹Skizze eines Sommers› ist das Buch eines Schwärmers, das zum Schwärmen einlädt» (Der Tagesspiegel)

Potsdam 1985, große Ferien. Doch der sechzehnjährige René bleibt dieses Jahr zu Hause. Die Mutter ist tot, der Vater in der Schweiz; er lässt René tausend Mark da, die er brüderlich mit seinen Freunden Dirk, Michael und Mario teilt. Sie alle spüren:  einen Sommer wie diesen wird es nie wieder geben für sie.  Die Jungs streifen durch die heiße, urlaubsleere Stadt und sitzen in Cafés herum, während sie darum wetteifern, besonders geistreich zu sein. Bei alldem geht es doch vor allem um eines: das richtige Mädchen zu finden … André Kubiczeks «Skizze eines Sommers» ist ein warmherziger, leichter Roman über die beste alle Zeiten, die Jugend mit ihrer schönen Tragik. 

Stimmen zum Roman


FAZ: «Kubiczek hat keinen Bald-ist-die-DDR-kaputt-und-das-liegt-schon-in-der-Luft-Roman geschrieben, sondern ein hinreißendes Prosastück über das juvenile Schwingen zwischen Wirklichkeiten und Wünschen, teuren Westimporten und erfinderischen Selbstentwürfen.»
Süddeutsche Zeitung: «Dieser Roman ist eigenständig. Und er ist es auf eine Weise, die selbst Skeptiker betört. (…) Mit ‹Skizze eines Sommers› hat Kubiczek seinen Ton genau getroffen: er ist ebenso lässig wie existentiell.»
Der Tagesspiegel: «Es ist André Kubiczek hoch anzurechnen, dass er all diese Figuren so großartig nachzeichnet, ohne ihnen zu nahezutreten in all ihrer Lebensunsicherheit und Ausprobierbereitschaft.»
NDR: «André Kubiczeks Roman hat den Titel ‹Skizze eines Sommers›, und zart skizziert wirkt auch dieser Text mit den hundert kleinen Geschichten über eine DDR-Jugend und das bedingungslose, unverstellte Staunen eines Jungen über die Sensationen beim Erwachsenwerden.»
Stern: «Kubiczek trifft genau den richtigen Ton für dieses nostalgische Sommerferiengefühl: schwebend, emotional, aber nicht kitschig.»

Die große Freiheit eines Sommers


«Keine Ahnung, wer zuerst kam, die Melancholie zu mir oder ich zur Melancholie…» So lautet der erste Satz des Romans. Wer mit sechzehn das Gefühl tiefer Melancholie nicht kennt, verpasst etwas. René vermag sein Leben in jenem Potsdamer Sommer in einen einzigen Satz zu packen: «Vater in der Schweiz, Mutter tot, Doppelkassetten-Recorder aus dem Shop.» Seine Mutter ist nach brutal hartem Leiden an Krebs gestorben, zwei Jahre ist das her. Sein Vater ist für sieben Wochen im kapitalistischen Ausland unterwegs, als treuer SED-Kader Teil der DDR-Delegation bei den Genfer Abrüstungsverhandlungen – von Glasnost und Perestroika noch keine Spur am Horizont. Er lässt seinem Sohn tausend Mark da, zusammen mit zwei weiteren Hundertmarkscheinen zu Renés 16. Geburtstag ein kleines Vermögen. 


Sturmfreie Bude, jede Menge Geld und beachtliche Vorräte an Napoléon-Weinbrand: der Sommer kann kommen. Rein äußerlich passiert in diesen langen Wochen wenig, für René aber markieren diese Tage eine Zeitenwende. Danach wird er von der EOS auf ein Eliteinternat in Halle an der Saale wechseln, was seine best buddies Mario, Dirk und Michael fast noch mehr bedauern als René selbst. Während Mario, Sohn eines Libanesen und einer Deutschen, sich mit seinen knapp fünfzehn Jahren einen Ruf als frühreifer Verführer hart erarbeitet hat, inszenieren sich René und die beiden anderen als coole Außenseiter. 


Sie lesen Baudelaire und Rimbaud, Verlaine und Oscar Wilde, Literaten, die von den SED-Kulturfunktionären samt und sonders als «dekadent» denunziert werden. Für René ist es ein Gefühl der Befreiung, als er in der «Wohngebietsbuchhandlung» eine edle Baudelaire-Ausgabe aus dem Hanser Verlag findet, «Le Spleen de Paris/Gedichte in Prosa» – und für Schwindel erregende sechzig Mark ersteht.

«Living on ice cream and chocolate kisses …»


Mindestens so wichtig wie seine Außenseiter-Lektüren ist für René die britische Industrial Music jener Jahre, in denen Maggie Thatcher sämtliche Bastionen alter Arbeiter- und Gewerkschaftsmacht in Großbritannien niederreißt, mit repressiven Gesetzen und Polizeigewalt. Alles, was jenseits des Rock- und Pop-Mainstreams herumgeistert, elektrisiert ihn: Killing Joke, The Cure, Cabaret Voltaire, Prefab Sprout, Sisters of Mercy – und nicht zuletzt die Post-Punk-Band Durutti Column, deren Song «Sketch for summer» Kubiczek die Steilvorlage für den Buchtitel liefert. 


Es ist die Zeit der Mixtapes: eine ungeheuer aufwändige Form (speziell unter DDR-Verhältnissen!), Liebeserklärungen in Form sorgsam komponierter Mixed-Kassetten auszusprechen. Ein Hoch auf den Doppelkassetten-Recorder aus dem Intershop! Kein Wunder, dass nicht wenige Mädchen unangepasste, sensible Jungs wie René attraktiv finden: Bianca, Connie, Rebecca. Aber keine reicht an «Fritzis große Schwester» heran, die in der Potsdamer Disco Orion nie zur falschen Musik tanzt. Für das «schönste Mädchen der Welt», das sich wie der Cure-Sänger Robert Smith kleidet, nimmt er eine Kassette auf, mit einer dunklen A-Seite und einer hellen B-Seite: schwarz lackiert, versteht sich.


Und «mit einem Mal ist sie weg, die Melancholie, die Gedanken an Leben und Tod und trostlose Freunde» – auch wenn es noch ein längerer Weg ist, den René zurücklegen muss, bis sie endlich da ist, die erste große Liebe. Schließlich ist Jungsein ganz schön kompliziert; anders als sein Kumpel Mario muss René erst erfahren, dass «Küssen fast so schwer wie Rauchen» ist. Und dass es den «einen, vollkommenen Moment» nicht gibt – das Leben ist einfach nicht so.

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