13.03.2018   von rowohlt

«Das könnte sie sein, die Zukunft der Schönheit»

Ritus der Initiation: Wie ein junger deutscher Dichter in New York sein musikalisches Erweckungserlebnis findet

© Rolf Haufs
© Rolf Haufs

Am 1. Mai 1966 gerät ein junger Deutscher aus der hessischen Provinz in einen New Yorker Jazzclub. Was der Saxofonist Albert Ayler da mit seiner Band auf die Bühne bringt, ist die unerhörteste Musik jener Zeit: wildester Free Jazz. Nach und nach beginnt der junge Mann, aus diesem Inferno an Tönen und Klängen das ganze Durcheinander der Gegenwart herauszuhören – den Mord an Kennedy, die Barbarei des Vietnamkriegs, den Kampf der Schwarzen, die Auschwitzprozesse, die Studentenproteste. Je mehr er sich einlässt auf die ekstatische Musik, desto näher kommt der angehende Dichter sich selbst, bis zum verdrängten Schmerz eines Vaterkonflikts. Diese Musik voller Wachheit und Wut lässt ihn körperlich fühlen, wie Zerstören und Zersetzen der Beginn alles Schönen sein kann.


FAZ: «So, wie Delius diesen Moment in den assoziativen Fluss seiner Prosa einbettet, wie er das Vatermotiv anspielt, variiert und schließlich zu einem durchdringenden Akkord verdichtet, gehört der Augenblick in Slug's Saloon zu den Höhepunkten der deutschen Gegenwartsliteratur, zu jenen Prosastücken, bei denen es egal ist, ob sie biographisch und zeitgeschichtlich beglaubigt sind oder nur große Wortkunst.» 
Der Tagesspiegel: «Diese schmale Erzählung löst ihr ästhetisches Versprechen ein. Sie besticht durch ihre Kongruenz von Form und Inhalt, dadurch, dass hier auch schmerzhafte Eingeständnisse ihren literarischen Raum finden.»
Mannheimer Morgen: «Wer im Chaos der Gegenwart die Zukunft der Schönheit sehen und sein schmerzliches Erwachen so brillant beschreiben kann, muss ein glücklicher Mensch sein – und ein genialer Autor.»

Von Albert Schweitzer über Albert Camus zu Albert Ayler


An jenem Abend ereignet sich Unerhörtes in Slug's Saloon. Ein deutscher Schriftsteller, in dem man mit einiger Berechtigung den jungen Friedrich Christian Delius erkennen zu können meint, ist mit zwei Bekannten zu dem Jazzklub an der Third Street, in einer besonders finsteren Ecke der Lower East Side herausgefahren; dort steht mit dem Saxofonisten Albert Ayler einer der größten zeitgenössischen Free Jazzer auf der Bühne. Atemberaubende Klangräume, schrille, kreischende, klagende Töne, zirpend, hämmernd, jaulend, dissonant: Was die fünf Musiker auf der schmalen Bühne des Slug's Saloon aus ihren Instrumenten auf die Hörnerven der Besucher loslassen, ist eine Zumutung, eine Provokation. Und wie sich am Ende des Abends erweist: ein bahnbrechendes, unvergessliches Erlebnis.


War das da überhaupt Musik? Auf den jungen Deutschen wirkt das, was unter Kennern als Free-Jazz-Geheimtipp gehandelt wird, wie das Inferno eines Überfallkommandos, bestehend aus Saxofon, Trompete, Bass, Geige und Schlagzeug. Nicht die Musik hat den Jungdichter aus Berlin in die Vereinigten Staaten gelockt. Er zählt zu jenen Autoren, die 1966 zur legendären Auslandstagung der Gruppe 47 in Princeton eingeladen waren. «Noch immer nicht hatte ich verstanden, wie frei ich in diesen amerikanischen Tagen war: nicht auf einer Bühne sitzend, nicht vor hundert klugen Leuten auf dem sogenannten elektrischen Stuhl, dem Vorlesestuhl der Gruppe der berühmten Schriftsteller, auf dem ich zweimal die Probe bestanden hatte und deshalb zum dritten Mal eingeladen war, sogar bis in die USA.» 


Überdrehte Kunstdebatten, Partys, Dichter-Eitelkeiten mit Allen Ginsberg und anderen Exzentrikern der US-Literatur – die Princeton-Reise der Gruppe 47 (die bei Delius nie so genannt wird) neigt sich dem Ende zu, es ist der letzte Abend in den USA. «Ich war am Rande dabei gewesen, fand vieles komisch, vieles peinlich und hatte genug von all dem Getue dieser Tage, von den Paradiesvögeln und dem Getratsche über den Österreicher, der sich auf dem Empire State Building vor Fernsehkameras als neuer Kafka ausgerufen hatte.» Wer jener Österreicher war, der sich mit Wut und Wucht als literarisches enfant terrible inszenierte – auch das ist hinreichend bekannt.

«Alle sieben Sprachen des Schweigens waren mir vertraut …»


Während die energetische Musik von Aylers Jam-Session den Besucher aus dem fernen Westberlin von einem akustischen Schock in den nächsten stürzt, setzen sich in seinem Kopf Bilder in Bewegung. Bilder vom Mord an Präsident John F. Kennedy in Dallas («weil es auch mein Kennedy war»); vom Body Count in den «Schlachtfeldern und Schlachtwäldern und Schlachtsümpfe» von Vietnam («Aylers Saxofon schrie gegen den Krieg»); von der Demo am Berliner Amerika-Haus, den eigenen frühen Schreiberfahrungen, dem Gedicht «Letzte Meldung», das es bis ins Radio brachte (und ihm, dem literarischen Novizen aus dem nordhessischen Korbach, 50 Mark).


Bilder von der angespannten Beziehung zum Vater, einem prinzipienstrengen evangelischen Pfarrer, von der poesiebefeuerten ersten großen Liebe – und dem Erschrecken über den Apotheker in seinem Städtchen, mit dessen Tochter er im Tanzkursus Foxtrott und Rumba eingeübt hatte – jenem Mann, der Eichmanns Stellvertreter in Budapest gewesen war. «Auch ich hatte das nicht glauben wollen, wie konnte ein freundlicher Schlipsträger, ein Rasierwasserverkäufer ein Massenmörder sein, auch ich wollte mir nicht vorstellen, dass ein Drogist und ein hoher SS-Mann, Mitorganisator des Judenmords, eine Person sein sollten …»


Je später der Abend, umso inniger harmoniert das Klanggewitter auf der Bühne von Slug's Saloon mit dem Gefühl des 23-jährigen Schriftstellers, einem Akt der inneren und äußeren Befreiung beizuwohnen. «Die Töne brechen auf, die Zeiten auch … Ayler und seinen Männern war ich dankbar, sie hatten mich eingebürgert in die Vereinigten Staaten der Poesie und der Bomben, der Freiheit und der Todesschüsse, der Ekstase, des Anpackens, des Vorwärtsschauens und der Geschwindigkeiten, der Gastfreundlichkeit und der Offenheit –»


Bleibt die Frage, was es mit dem Titel dieser literarischen Selbstbefragung des Büchner-Preisträgers auf sich hat – Die Zukunft der Schönheit. 1966 hatte der italienische Filmregisseur und Dichter Pier Paolo Pasolini bei einem Vortrag in der Berliner Kongresshalle die Begriffe futuro und bellazza verwendet. Auch wenn nicht gesichert ist, ob der Übersetzer tatsächlich die «Zukunft der Schönheit» beschworen hatte – dieses Wortpaar, diese Idee hörte sich einfach zu verführerisch an! «Alles ist gut, vielleicht sogar schön. Das könnte sie sein, die Zukunft der Schönheit, die nichts beschönigt, die den Dreck nicht verdrängt, nicht flieht vor dem Schrecklichen und Lügen nicht verkleistert, die Sehnsucht nach den Geheimnissen der Form –»

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