18.05.2016   von rowohlt

«Das hört heute auf. Den Scheiß lass ich mir keine Minute länger gefallen …»

Ein saukomisches, todernstes Buch über Deutsche, Juden, Muslime – und einen Nazi mit Wolfgang-Petry-Frisur

© Sebastian Hänel
© Sebastian Hänel

In der Neujahrsnacht 2015 wurde ein junger Israeli in der Berliner U-Bahn angegriffen, nachdem er sich mit einer Horde angelegt hatte, die antisemitische Parolen grölte. Ein Mediengewitter war die Folge, PEGIDA solidarisierte sich, aus Israel kam die Empfehlung, in die Heimat zurückzukehren. Aber Shahak Shapira wehrte sich: Rassismus sei immer schlimm, egal gegen wen – im Übrigen fühle er sich in Berlin pudelwohl. Danach war die Hölle los, Fernsehstationen und Zeitungen weltweit berichteten, es hagelte Lob und Kritik. Nun schreibt Shahak über sein Leben – lustig, pointiert und nachdrücklich in seiner Botschaft: dass alle Menschen in Frieden zusammenleben können, wenn sie nur wollen. 


Dass Shahak Shapira sein eigenes Ding zu machen pflegt, zeigt seine Facebook-Seite. Mit Witz und Verve streitet er für seine Sache. So kündigt er für  die große Buchpräsentation in Berlin folgende Programmpunkte an: «Eine Lesung (ich kann aber nicht so gut lesen) – Bewegende Gedichte mit schiefem Gesang – Homoerotischer Ausdruckstanz – Amateurhaftes Stand-Up mit flachen Witzen aus dem Internet – Eine Live-Beschneidung mit einem Freiwilligen aus dem Publikum – Zahlreiche provokante Schlagworte wie JUDEN, HITLER, HOLOCAUST, EICHELKÄSE oder MARKUS LANZ.» Und: NPD-Mitglieder bekommen 50 Prozent Rabatt.


Von Oranit  und Tel Aviv über Laucha in Sachsen-Anhalt nach Berlin: Ein kleiner Streifzug in prägnanten Zitaten durch Shapiras Buch «Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen».

«Sonst haben sie gewonnen …»

Silvester. «Er starrt mich an, und ich halte dem Blick stand. Dann nickt er und dreht sich um. Das war ja fast zu einfach, denke ich mir. Doch auf halbem Weg ändert der Typ offenbar seine Meinung: Er dreht sich wieder zu mir und spuckt mich ebenfalls an. Diesmal trifft er nur meinen Schal. Jetzt reicht es mir. Zwölf Jahre lebe ich schon in Deutschland. In diesen zwölf Jahren musste ich einiges hinnehmen: Beleidigungen, Drohungen, Schläge – nur weil ich ein Jude bin. Das hört heute auf. Den Scheiß lass ich mir keine Minute länger gefallen. Dann stürmen die fünf auf mich los.


Von Oranit nach Laucha. Ich werde oft gefragt, wie ein vierzehnjähriger Israeli ausgerechnet in einem Kaff in Sachen-Anhalt landen konnte. Es ist ja auch absurd, aber welcher Israeli weiß schon, wie es in der ostdeutschen Provinz zugeht? Die Defizite in den neuen Bundesländern aufgrund der deutschen Teilung waren uns fremd, unsere Mauer in Israel steht ja noch, und genau wie Tel Aviv von weitem wie das Miami des Nahen Ostens funkelt, sieht Laucha auf den ersten Blick nicht viel anders aus als jedes andere langweilige Drecksloch in der Pampa. Wer hätte gedacht, dass die NPD bei der Kommunalwahl von 2009 mit stolzen 13,5 Prozent in Laucha das höchste Ergebnis in Sachsen-Anhalt einfuhr? Oder dass sich die rechtsextreme Szene hier ungestört austoben darf, angeführt vom örtlichen Bezirksschornsteinfeger, der exakt wie eine Mischung aus Adolf Hitler und Wolfgang Petry aussieht (Lutz Battke heißt der Mann – google it)? Ich nicht. Aber ich kannte damals auch nur Herbert Grönemeyer. Und Hitler.


Zweite Intifada: Gewalt und Gegengewalt. Mein letztes Jahr in Israel war eines der blutrünstigsten. Allein im März 2002, vier Monate vor unserem Umzug, starben über 130 israelische Zivilisten durch Selbstmordattentate. Einen Monat später kamen etwa 500 Palästinenser in einem Flüchtlingslager in Jenin zu Tode. Es konnte jederzeit und überall passieren. Zwanzig Tage, bevor wir Israel verließen, begann der Bau einer 759 Kilometer langen Absperrung, einer Mauer zwischen Israel und Westjordanland, und die Angst, die in Israel damals zur Tagesordnung gehörte, war vorerst in Vergessenheit geraten. Ich hatte in Israel nicht viel, was mir den Umzug erschwerte. Ich war nicht sehr beliebt in der Schule, hatte keine Freunde, und mein Erzeuger steckte seine Energie in seine neue Geliebte und eine denkbar hässliche Scheidung, die meine Mutter nach und nach geistig in den Ruin trieb.

«50 Shades of Braun»

Die Shapiras und der Bezirksschornsteinfeger. Allein der öffentlich bestellte Volksgenosse Fegermeister, Kamerad Battke in unserem Fall, (darf) in jedem Haus in Laucha antanzen, um nach den Kaminen zu schauen. Sogar in dem Haus, wo die drei Juden sich einquartiert haben, denn auch Juden brauchen Öfen und Kamine. Damit ihnen nicht kalt wird. Natürlich. Und so kam es, dass meine Mutter, eine Jüdin, die in Israel zu den Holocaust-Geschichten ihres Vaters aufgewachsen ist, einem Mann Zutritt zu ihrem Haus gewähren musste, der die Ermordung ihrer Familie mit voller Überzeugung und unumwunden bewundert. Jahrelang konnte sie nichts dagegen unternehmen, Vorschrift ist Vorschrift. Erst nach einem unendlich mühsamen Kampf mit den Behörden wurde das Kehrmonopol in unserem Fall ausnahmsweise aufgehoben (…)


Beleidigungen & Witze. Wer bestimmt also, was beleidigend ist? Die Gesellschaft? Vielleicht. Allerdings hielt die Gesellschaft vor 300 Jahren auch die Sklaverei für eine gute Idee, und heute guckt sie Frauentausch auf RTL II. Manchmal spielt die Beleidigung selbst kaum eine Rolle, sondern vielmehr, wer sie ausspricht. Der Unterschied zwischen einem Judenwitz, der von einem Juden erzählt wird, und einem Judenwitz, der von einem Nichtjuden erzählt wird, ist gigantisch. Dürfen also nur Juden Judenwitze machen? Auch unlustige? Sind die Deutschen Antisemiten, wenn sie lachen? Sind sie Antisemiten, wenn sie eben nicht lachen, damit der Jude ja nicht denkt, er sei witzig? Ich schätze mal, eine Religion ist wie Mutti. Es ist okay, wenn man selber ab und zu ein bisschen frech zu ihr ist, doch wenn ein anderer es wagt, Mama schief anzuschauen, dann kracht’s aber gewaltig!


«Angst? Nein. Die sollen Angst haben!», antwortete ich. Die Menschen, die in einem vollen Zug gegen Juden hetzen. Die Menschen, die andere diskriminieren, weil sie anders aussehen, etwas anderes glauben oder denken. Die Menschen, die uns unsere Freiheit mit Schlägen und Pistolen und Bomben wegnehmen wollen. Sollen die doch in Angst leben. Aber ich? Ich will das nicht. Ich weigere mich, in der Angst zu leben, die meinen Großvater bis ans Ende seines Lebens begleitete. Ich weigere mich, nach Israel zurückzukehren, um mich sicher zu fühlen, denn ich möchte mich an jedem Fleck dieser Erde sicher fühlen. Selbst in der leeren Gaskammer von Treblinka, in der so viele aus meiner Familie vor 75 Jahren ihre letzten Atemzüge taten, möchte ich ohne Angst aufgrund meiner Herkunft stehen. Sonst haben sie gewonnen.

«Es konnte jederzeit und überall passieren»

Markus Lanz … Weniger seriöse Organe wie die Süddeutsche oder die Frankfurter Allgemeine konzentrierten sich auf nebensächliche Details und erklärten mich prompt zum hottesten Shit in der jüdischen Trendszene. Sie bezeichneten mich als ‹Vorzeigejuden›. Der Begriff wurde von der ausländischen Presse aufgegriffen, und so machte ich weltweite Schlagzeilen als der ‹Flagship Jew›. Sogar Markus Lanz hat mich eingeladen. Und mir dann wieder abgesagt. Markus. Fucking. Lanz. Hat MIR abgesagt. Das ist so, als würde man vom hässlichsten Mädchen im Dorf beim ersten Date sitzen gelassen.


Weil ich Israel liebe … Ich möchte nicht, dass unsere Nachbarn uns so hassen, dass sie ihre Kinder schicken, um uns abzustechen. Ich möchte nicht, dass unsere Kinder schon eine Waffe in der Hand halten, bevor sie alt genug für ein Bier sind. Ich möchte nicht, dass wir Chanukka im Bombenkeller feiern und sie Id al-Fitr in den Trümmern ihrer zerbombten Häuser. Wofür? Was kann denn nur so wertvoll sein, dass Eltern ihre Kinder begraben müssen? Irgendein Tempel in Jerusalem? Jerusalem ist sowieso blöd. Souvenirläden und religiöse Fanatiker, viel mehr gibt’s da nicht. Schon morgen würde ich diese ganze Stadt weggeben, wenn dann niemand wieder für sie sterben müsste. Wir würden so viel Geld sparen, das wir jetzt für Waffen und Militär ausgeben – damit könnte man ganz Jerusalem noch einmal bauen. Aus Gold. Auf einer fliegenden Insel.»

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