01.03.2014   von rowohlt

Zwischen Dublin und New York

«Mein Gott, was für ein Ton! Rauschhaft und voller Pathos greift dieser Teufelskerl den Lesern ohne mit der Wimper zu zucken an die Herzen!» (Peter Hennig)

© Philippe Matsas/Agence Opale
© Philippe Matsas/Agence Opale

Colum McCann steht für leuchtende Bilder, große Gefühle, großartige Prosa. Für Bücher, die wie Filme sind. In seinen Romanen, Essays und Erzählungen zeigt sich der seit langem in New lebende gebürtige Dubliner als wunderbarer Erzähler und kluger Zeitgenosse.


1986 gibt McCann seinen Job als Reporter der Irish Press in Dublin auf, um in die USA zu gehen. In den ersten Jahren schlägt er sich mehr schlecht als recht in New York durch, als Taxifahrer, später als Farmarbeiter und Lehrer. Aber was macht ein junger Mensch, der nichts sehnlicher will, als große Literatur zu schreiben und der ehrlich genug ist, sich einzugestehen, dass er nichts Wichtiges schreiben kann, weil er selbst noch nichts Wichtiges erlebt hat?

Der Himmel über und unter der Stadt

Er schwingt sich aufs Fahrrad und durchquert einmal das riesige Land: von Mexiko bis Kanada und von L.A. bis Boston. Nach zwei Jahren und 18.000 Kilometern hat er ganze Notizbücher vollgeschrieben. Mit Geschichten, die ihm Menschen unterwegs anvertraut haben – genau die Art von authentischen Erfahrungen, die ihm den Weg zu seinem ersten Roman Gesang der Kojoten bahnten.
Ohne dieses Talent, Menschen zum Erzählen zu bringen, wäre sein erster großer New-York-Roman nie entstanden: Der Himmel unter der Stadt. Dabei erweist sich McCann als furchtloser Rechercheur: Zahllose Male steigt er durch ein Erdloch in der Nähe des Riverside Parks am East River in das furchterregende Tunnelsystem der U-Bahn hinab. «Der Tunnel, in dem ich die meiste Zeit verbrachte, gleicht einer aberwitzigen Kunstgalerie. Überall riesige Graffiti: Martin Luther King oder Mona Lisa im Kinoleinwand-Format; J. F. K., über dessen Gesicht die Ratten laufen. Es gibt da unten Heroin-Tunnel, Crack-Tunnel, Tunnel, in die sich nicht mal die Cops reintrauen.»
Es sind zwei Geschichten, die in Der Himmel unter der Stadt durch Parallelmontage und Überblendung zusammenfließen: die des alten afro-amerikanischen Tunnelbauers Nathan Walker und die seines Enkels Clarence Nathan Walker, der sein Leben als Tunnelmensch Treefrog in der grausigen Unterwelt New Yorks fristet. «Ein ebenso poetischer wie politischer, ein ebenso symbolischer wie realistischer, sozialkritischer oder psychologischer Roman. Das macht seine Kraft, seine Spannung und seinen schillernden Reichtum aus.» (Süddeutsche Zeitung)

Geschichte und Gewalt

Nach der glänzenden Fiktionalisierung des Ballettmythos Rudolf Nurejew (Der Tänzer) bewegt sich Colum McCann mit Zoli erneut im Spannungsfeld von Ost und West. Zoli Novotna, die Protagonistin des Romans, ist eine der stärksten Frauenfiguren der jüngeren US-Literatur. McCann erzählt eine Geschichte von Bitterkeit, Verrat und spätem Glück. Zoli ist sechs, als ein Überfall der faschistischen Hlinka-Garden ihre Familie auslöscht; nur ihr Großvater Stanislaus und sie überleben das Massaker. Entlang des Weges der verstoßenen Roma-Dichterin Zoli durch halb Europa entwirft McCann ein farbiges Tableau aus den Jahren des Kalten Krieges. Im Zentrum des Geschehens: die vom Terror rigoroser Gleichmacherei im Namen des Kommunismus bedrohte uralte Kultur der osteuropäischen Zigeunersippen.
2009 erhält McCann den National Book Award für den Roman Die große Welt. Es ist das Jahr 1974: New York, weniger eine Stadt als ein auf wundersame Welt zusammengehaltenes Gewebe verschiedener Welten, droht auseinanderzufallen. Die Kriminalität nimmt Furcht erregende Dimensionen an, ganze Stadtgebiete verfallen, die Politik kapituliert vor Drogen, Dreck und Depression. Es sind die Nixon-Jahre, immer mehr US-Soldaten kehren in Plastiksäcken aus Vietnam zurück. Und dann das: An einem schönen Augustsommertag tanzt ein Artist auf einem dünnen Drahtseil Hunderte von Metern über Lower Manhattan zwischen den Doppeltürmen des World Trade Center dahin – ein unfassbarer Moment von Freiheit, Wagemut und Glück. Es ist dieses Bild, das Die große Welt zu einem Buch über 9/11 macht, Monate, bevor die Flugzeuge in die Türme rasen.

Irland – Colum McCanns Lebensthema

Irland und England, Politik und Gewalt – das schien lange eine never ending story zu sein. Sally McGonigle, McCanns Mutter, 1928 auf einem Bauernhof im County Derry geboren, ist Katholikin und «höchstwahrscheinlich Nationalistin». Im Krieg zwischen britischen Besatzern, Loyalisten und IRA schlägt sie sich trotz aller Sympathien für die Bürgerrechtsbewegung nie auf eine Seite. «Ach, wenn die doch einfach alle aufhören würden» – das ist ihre Haltung.
Die Geburt des Friedens aus der Erschöpfung heißt ein 2005 verfasster Essay McCanns. Dort erzählt er von einem elfjährigen Dubliner Jungen, den die Exekution einer bekannten Showband durch loyalistische Milizionäre im Jahre 1976 so aufbringt, dass er am liebsten sofort den IRA Boy Scouts beigetreten wäre, um blutige Rache zu nehmen. Dieser Junge war er selbst. Auch die Erzählung Hungerstreik ist lakonisch, intensiv – und sehr irisch. Es geht um Kevin, einen Jungen aus Derry, den seine Mutter einer folgenreichen Dummheit zu bewahren versucht. Es ist das Jahr 1981, die IRA hat ihren Hungerstreik begonnen. Bobby Sands ist der erste tote republikanische Gefangene, bald kommen zehn weitere hinzu. Für jeden toten Kämpfer soll sich ein anderer anschließen. Kevins Onkel ist einer von ihnen – und der Junge möchte ihn in seinem letzten Kampf nicht allein lassen …

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