21.08.2019   von rowohlt

«Das Miteinanderreden ist ja auch ganz schön anstrengend.»

«Zeit-Magazin»-Chefredakteur Christoph Amend ist durch Deutschland gereist und fragt: «Wie geht's dir, Deutschland?»

Vor fünfzehn Jahren hat Christoph Amend die Großväter dieser Republik besucht. Er hat mit Richard von Weizsäcker, Egon Bahr, Hellmuth Karasek, Joachim Fest, Erich Loest und Horst-Eberhard Richter über ihre Erfahrungen mit diesem Land gesprochen. Nun trifft der Chefredakteur des «Zeit-Magazins» Frauen und Männer aller Generationen um herauszufinden, wie es Deutschland heute geht.
Mit den Antworten der Großväter von damals im Kopf besucht er unter anderem Herbert Grönemeyer, Hellmuth Karaseks Tochter Laura, Jens Spahn und das einstige «Mädchen der Nation» Lena Meyer-Landrut, er spricht auch mit seiner eigenen Mutter und seinem Vater und fragt: Was ist aus dem Land geworden, in dem ich groß geworden bin?

DAS INTERVIEW


Sie haben für Ihr Buch Frauen und Männer aller Generationen getroffen, um herauszufinden, wie es Deutschland heute geht. Allem voran die wichtigste Frage: Geht es Deutschland gut?

Die persönliche Situation ist bei vielen Menschen gut, auch wirtschaftlich geht es dem Land so gut wie seit Jahrzehnten nicht. Gerade deshalb hat mich interessiert, warum das Land seit drei Jahren so tief gespalten ist, dass selbst in vielen Familien und Freundeskreisen nicht mehr über Politik geredet wird.


Die Idee zu Ihrem Buch ist begründet in einem Satz, den Sie im Sommer 2018 in einer Nachrichtensendung gehört hatten: «Der Firnis der Zivilisation ist dünn.» Was genau hat Sie daran so fasziniert, dass aus diesem Satz ein Buch wurde?
Als ich ihn morgens im Radio hörte, dachte ich gleich darüber nach, dass ich ihn schon mal gehört hatte. Es dauerte einen Moment, dann fiel es mir ein: Egon Bahr hatte ihn mir vor fast zwei Jahrzehnten gesagt, als ich ihn für mein erstes Buch getroffen hatte. Damals erzählte er, wie er als Soldat im Zweiten Weltkrieg Flieger vom Himmel schoss, abends im Stroh lag und darüber nachdachte, was er da eigentlich getan hatte: «Der Firnis der Zivilisation ist dünn.» Als ich den Satz jetzt wieder hörte – es ging um die Vorfälle von Chemnitz –, habe ich gedacht, dass ich wieder durch Deutschland fahren möchte, um herauszufinden, was mit dem Land los ist, wenn wieder solche Sätze gesagt werden.


Neben Dieter Rams, dem legendären Industriedesigner der Firma Braun, sprechen Sie u. a. auch mit der Schauspielerin Lea van Acken, Lena Meyer-Landrut, Herbert Grönemeyer und Jens Spahn. Wie sind Sie auf diese Mischung gekommen?
Bei der 20-jährigen Lea van Acken, die «Anne Frank» in einem Kinofilm gespielt hat, hat mich der Blick ihrer Generation auf Deutschland interessiert. Sie hat mir dann erzählt, dass sie die AfD bereits im Schulunterricht durchgenommen hat. Lena Meyer-Landrut wurde zu einer Zeit zum «Mädchen der Nation», als Deutschland zu sich gefunden hatte, kurz vor der Fußball-WM 2006. Ich wollte wissen, wie sie über die Deutschen denkt – und über das Land, in dem sie aufgewachsen ist. Und Herbert Grönemeyer steht wie kaum ein Zweiter für eine Verwurzelung in seiner Heimat, im Ruhrpott. Deshalb bin ich mit ihm nach Bochum gereist, in seine Heimatstadt, um mehr über die Frage der Identität herauszufinden. Heute würde ich sagen: Jeder und jede hat ein eigenes Bochum. Es muss gar nicht im Ruhrgebiet liegen. Und bei Jens Spahn hat mich natürlich das besondere Verhältnis von Berlin zum Rest des Landes interessiert – ich habe ihn in einem der Hipster-Cafés in Berlin-Mitte getroffen, in denen Englisch gesprochen wird. Was er ja nicht mag.


Welche der Begegnungen hat Sie am meisten überrascht?
Überraschungen gab es bei jeder Begegnung, das war überhaupt eine geradezu beglückende Erfahrung: Wenn man sich Zeit für andere Menschen nimmt, zuhört, nicht sofort urteilt, wird man oft überrascht. Als ich Ilyas Akdemir, der mit sechs aus der Türkei in meine Grundschulklasse nach Hessen aufs Land kam, jetzt nach vielen, vielen Jahren erstmals wieder getroffen habe, hat er mir erzählt, dass er gar kein Türkisch konnte, als er nach Deutschland kam. Er kommt aus einer Stadt im Süden der Türkei, in der Arabisch gesprochen wird. Er hat mir erzählt, dass er erst in Deutschland Türkisch gelernt hat. Da war ich baff.


In Ihrem ersten Buch «Morgen tanzt die ganze Welt» hatten Sie Hellmuth Karasek porträtiert. In «Wie geht's dir, Deutschland?» treffen Sie seine Tochter, die Wirtschaftsanwältin und TV-Moderatorin Laura Karasek. Wie war die Begegnung für Sie?
Besonders, weil ich ihren Vater immer mochte für seine offene Art. Hellmuth Karasek wurde 1934 im heutigen Tschechien geboren, er hat mir damals einen Satz gesagt, den ich mit dem Blick von heute ganz anders verstehe: «Ich bin ein Flüchtling. Ich bin es früh geworden und immer geblieben.» Laura Karasek hat mir erzählt, dass ihr Vater immer mit leerem Koffer in den Urlaub gereist sei, in der Familie haben sie ihn deshalb «unsere Geldvernichtungsmaschine» genannt. Er hat ihr sein Verhalten so erklärt: «Ich kann keinen Koffer packen, das überfordert mich, weil ich doch nie Besitz hatte.»


Sie zitieren einen Artikel aus The Economist, in dem es um einen jungen Deutschen geht, Stefan Beneke: «Um einen Kompromiss zu finden», heißt es da, «muss man verstehen, und um zu verstehen, muss man reden. Der erste Schritt ist reden.» Ist es das, woran unsere Gesellschaft insgesamt krankt: dass wir zu wenig ernsthaft miteinander reden, dass wir uns abschotten?
Ja, und ich glaube, dass dies ein deutsches Muster ist, das sich von Generation zu Generation vererbt. Früher wurde in den Familien wegen der Nazi-Vergangenheit oft nicht über die heiklen Themen gesprochen. Das Land hat damals immer nur nach vorne geschaut, weil der Blick nach hinten oft kaum erträglich war.


Ihr Buch beginnt mit Ihrem Vater und endet mit ihm. Sie beide verbindet, wenn man das so sagen darf, eine Streitkultur, zumindest wenn's um Politik geht. Sie reden miteinander. Trotz oder gerade wegen Ihrer unterschiedlichen politischen Ansichten. Viele führen diese Gespräche mit ihren Kindern oder Eltern nicht. Warum ist das gerade in der heutigen Zeit so wichtig?
Das Miteinanderreden ist ja auch ganz schön anstrengend. Ich verstehe jede und jeden, die sagen, dass sie die paar Stunden oder Tage, die sie mit den Eltern verbringen, sich nicht durchs Streiten über die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel verderben wollen. Aber es ist wichtig, einander zuzuhören, wenn wir nicht wollen, dass sich die tiefe Spaltung weiter verfestigt.


«Als junger Mensch war ich supernaiv. Ich habe nie gedacht, dass Deutschland etwas ist, das mich betrifft», sagt Lena Meyer-Landrut bei Ihrem Treffen. Glauben Sie, das trifft auf die heutige junge Generation auch noch zu? Was erhoffen Sie sich von ihr?
Die Jugend von heute ist ja wahrscheinlich die politischste seit langem, nicht nur in Deutschland. Die geht ihren Weg.

Wie geht's dir, Deutschland?

Wie geht's dir, Deutschland?

Vor fünfzehn Jahren hat Christoph Amend die Großväter dieser Republik besucht. Er hat mit Richard von Weizsäcker, Egon Bahr, Hellmuth Karasek, Joachim Fest, Erich Loest und Horst-Eberhard Richter über ihre Erfahrungen mit diesem Land gesprochen. Nun trifft der Chefredakteur des „Zeit-Magazins“ Frauen und Männer aller Generationen um herauszufinden, ...  Weiterlesen

Preis: € 22,00
Seitenzahl: 224
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00139-1
20.08.2019
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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