16.05.2018   von rowohlt

Blut ist dicker als Wasser

Die «Bullenbrüder» suchen zwei Vermisste. Und sollen ganz nebenbei Mamas Traumhochzeit ausrichten – die fünfte!

© Mirjam Knickriem
© Mirjam Knickriem

Kriminalkommissar Holger Brinks wird mit einem Vermisstenfall betraut: Victoria Sommer, eine der drei Gründerinnen der «Smooth Sisters» – ein Smoothie-Startup kurz vor dem Durchbruch –  ist verschwunden. Privatschnüffler Charlie Brinks soll derweil für eine alte Flamme deren Ehemann Robert beim Seitensprung ertappen; doch auch der verschwindet  auf mysteriöse Weise. Weil beide Fälle auf perfide Weise zusammengehören, ermitteln die Bullenbrüder notgedrungen gemeinsam. Was  irgendwie zu händeln wäre, müssten  die beiden nicht Mamas geplante Hochzeit mit dem zwanzig Jahre jüngeren Marlboro-Verschnitt Rodrigo auszurichten. In Holgers Garten. Mit 200 Gästen und irrem Tamtam. Danke, Mama! 

Spurlos verschwunden: «Smooth Sister» Victoria


Der Sommer-Clan ist, weit über das offizielle Berlin hinaus, eine große Nummer. Die Eltern: ein glamouröses Botschafterpaar. Der Vater Top-Diplomat, seine Frau eine Ex-Beauty-Queen. Zwei der drei Töchter haben beachtlichen Promifaktor. Eloise, 29, schönheitschirurgisch von Kopf bis Fuß durchgearbeitet, wird in den Boulevardblättern dank rasant wechselnder Affären mit schauspielernden oder fußballernden Schönlingen gern als «Luder-Lou» tituliert. Ihre zwei Jahre ältere Schwester Pamela tritt einen Hauch dezenter auf, aber auch nur einen Hauch; im Gegensatz zu Eloise scheint sie aber gewisse Basiserfahrungen im Verdienen von eigenem Geld zu besitzen. Nur – was wären Pam & Lou mit ihrer «Smooth Sisters GmbH» ohne das hässliche Entlein der Familie, ohne Victoria?


Victoria ist der Kopf der «Smooth Sisters» – intellektuell gesehen. Ohne sie, die Tüftlerin, die auf der Suche nach neuen Smoothie- und Superfood-Ingredienzien überall auf der Welt Berge und Täler, Dschungel und Steppen durchstreift, könnten die beiden anderen Smoothie-Mädels einpacken. Blöderweise ist Victoria eines Tages verschwunden; keine Spur, weder in ihrer Wohnung noch im Labor. Am Abend zuvor hatte es ein Treffen der Schwestern mit ihrem Anwalt Dr. Bergvogel gegeben, um die Modalitäten eines – millionenschweren – Verkaufs der «Smooth Sisters GmbH» an einen potenten Investor zu diskutieren. Der immense Marktwert des Start-ups verdankt sich einem neuen Fermentierungsverfahren, das dafür sorgen soll, dass man beim Konsum eines Superslim-Smoothies 200 bis 300 Kalorien verbrennt: eine Revolution auf dem Schlachtfeld der Wunderdiäten. Abnehmen, ohne etwas dafür zu tun – der neue heiße Kick für die Community der Selbstoptimierer.


Und hier kommen die Bullenbrüder ins Spiel, von denen man das vielleicht wissen sollte: Holger hat als Kriminalkommissar in Berlin lange und hart daran gearbeitet, als Old-School-Typ zu gelten.  Haus, Frau, Kind, Karriere, alles tipptopp (zumindest auf den ersten Blick). Dagegen ist Charlie, nach bürgerlichen  Erfolgskriterien betrachtet, ein Freak, das Gegenteil eines High-Performers. Mallorca, DomRep, Neuseeland, USA – ständig büxt er aus, wenn es mal nicht rund läuft. Was bei ihm praktisch immer der Fall ist, vor allem, wenn mal wieder eine seiner Traumfrauen das Weite gesucht hat. 


Dass Charlie nach der Rückkehr aus den USA seine Brötchen ausgerechnet als Privatdetektiv zu verdienen gedenkt, klingt in Holgers Ohren mehr als bizarr. Andererseits – wenn Charlie sich mit irgendwas gut auskennt, dann mit Ermitteln, Überwachen, Beschatten. Weil ihn die schöne Hayat aus ihrem Leben (und was schwerer wiegt: aus ihrer Wohnung) rausgeschmissen hat, residiert er «übergangsweise» im Garten seines Bruders. Was Holger wenig amused; schließlich hat er sich «nicht achtzehn Jahre jeden Monat sechshundert Euro vom Gehalt abgespart und seinem Bruder überwiesen, damit ihm das ererbte Haus endlich allein gehört, um Charlie anschließend bei sich einziehen zu lassen». Aber da Blut bekanntlich dicker als Wasser ist (und Sandra, seine Frau, und die Kinder ihm sonst auf ewig wegen seiner Hartleibigkeit verachtet hätten), darf Charlie seine Luftmatratze im Gartenhaus ausrollen.

Last Exit Cali!


Was wir als Leser schnell wissen, die Bullenbrüder aber erst ziemlich spät kapieren: Sie sitzen am gleichen Fall. Während Holger die verschwundene Smoothie-Mixerin sucht, versucht Charlie, seiner Ex-Geliebten Carmen aus der Patsche zu helfen. Um bei der anstehenden Scheidung finanziell bessere Karten zu haben, braucht sie Beweise für die eheliche Untreue ihres Gatten. Kurz gesagt: Charlie soll kompromittierende Fakten auftreiben, in Bild, Ton oder was auch immer. Ein lukrativer Auftrag: ansprechendes Honorar plus «hammerguten Sex» mit seiner Auftraggeberin. Die niemand anders ist als die Frau von «Smooth Sisters»-Anwalt Dr. Robert Bergvogel. Der kurz darauf verschwunden ist, ebenso spurlos wie seine Klientin Victoria …


Irgendwie ahnt man, dass diese Sache nicht gut ausgehen kann. Für keinen der Beteiligten. Weil der Mensch schlecht, gierig und dumm ist – wer weiß das nicht. Das ist aber nur die eine Seite der Geschichte. Die andere verdanken wir dem komödiantischen Talent von Rath & Rai. Die Bullenbrüder – Eingeweihte erinnern sich vielleicht – sind mit einer recht unkonventionellen Mutter gesegnet, pardon: geschlagen. Anita, laut Reisepass muntere 68. Sie die von sich behauptet, «jedes Jahr ein Jahr jünger» geworden zu sein, hat wenig anbrennen lassen – mittlerweile hat sie vier Ehen hinter sich. Ihre Lover werden immer jünger. Und immer exotischer.


Anitas neuester Schrei heißt Rodrigo. Kolumbianer aus Cali, Rodeo-Reiter, ein Marlboro-Typ mit Schraubstockhändedruck und anderen bemerkenswerten Attributen des Mannseins. Und wo soll Anitas fünfte Traumhochzeit stattfinden? Natürlich im Garten von Holger, den seine Mutter noch immer «Puffelchen» nennt. Gefeiert werden soll in großem Stil: mit rund 200 Gästen, einem ganzen Ochsen am Spieß, weißen Tauben, einer Mariachi-Gruppe aus Mexiko und einem extra aus Mumbai eingeflogenen spirituellen Meister, der auf den schlichten Namen Om Kapoor Sharma hört. All das sollen Anitas Jungs ausrichten, wer sonst.


Aber hatten die Bullenbrüder nicht einen Fall an der Angel – eine Entführung, einen Mord, was auch immer? Als ob eine wie Anita auf derlei Alltagslappalien Rücksicht nehmen könnte!

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