05.09.2012   von rowohlt

Begehren, Verführung, Liebe

«Ein großartiges Buch. So beschwingt, schalkhaft und verführerisch hat Martin Walser lange nicht mehr geschrieben.» (Der Spiegel)

© Karin Rocholl
© Karin Rocholl

Ob das ein Zufall ist? Fast auf den Tag genau hundert Jahre, nachdem Franz Kafka und Felice Bauer begannen, einander Briefe zu schreiben, ist das neue Werk eines Mannes erschienen, der 1951 über Kafka promovierte: Martin Walser. Nach dem großen Roman Muttersohn, von vielen als «Liebes-Evangelium» bezeichnet, und dem eindringlichen Essay Über Rechtfertigung, eine Versuchung jetzt ein überraschendes Divertimento allegro: der scharfzüngige Briefwechsel eines Mannes mit einer Frau, zweier Übermütiger im Geiste. In Das dreizehnte Kapitel präsentiert uns Martin Walser das diffizile Handwerkszeug des Verführers.

 Süddeutsche Zeitung: «Ein furioses Buch, mit dem Martin Walser der Literatur über die Liebe eines ihrer schönsten, wahrsten und schmerzlichsten Kapitel geschenkt hat. Ein Meisterwerk der Schreib- und Empfindungskunst, ein Roman, der ein ‹ein Sachbuch der Seele› ist, wie Basil einmal sagt.»

Liebe als Naturereignis

Aussichtslosigkeit kann die schönsten Blüten hervorbringen. Zwei Ehepaare, bestens situiert, erfolgreich, die Partner lieben sich, nach langen Jahren unaufgeregt, aber auf neue Weise sogar intensiver, niemand will hier ausbrechen, und doch –. Gerade weil alles so festgefügt ist, öffnet sich ein kleines Türchen nach draußen und – die beiden Protagonisten selbst sind am stärksten überrascht von ihrem eigenen Verhalten – man ist empfänglich. Was auf Seiten der Frau kein bisschen verwundert: Wird man von einem wie Basil Schlupp umworben, diesem Schriftsteller mit höchstem Erregungs- und Phantasiepotenzial, kann man sich als Frau wohl nur zur Königin erhoben fühlen und schwach werden.
Schlupp kann sich mit einem jeden Satz ebenso leicht als pubertierender Jugendlicher, um kein draufgängerisches Klischee verlegen, wie als analytischer Kopf, brillant mit Walter Benjamin und der Geistesgeschichte jonglierend, präsentieren. Vor allem aber kann er eines: zeigen, wie aufgewühlt, berührt, bis ins Mark getroffen er ist, seit er SIE gesehen hat. «Seit ich Sie gesehen habe ... Das Naturereignis, das mich getroffen hat ... Diese flammenhaft aufschießende Illusion, ich könne mich an Sie wenden ... Ich sah Sie, und war verloren ... Liebe Maestra, ich warte immer auf Sie ...» Bis hin zum Höhepunkt, der ultimativen Feststellung: «Ich bin ein anderer. Und das durch Sie.»
Basil Schlupp läuft zu großer Form auf, nachdem er bei einem Empfang des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue sie, Maja Schneilin, gesehen hat, Gattin eines gefeierten Molekular-Biologen und selbst Professorin der Theologie. Hingerissen von seinen Worten und Preisungen, öffnet sie sich seinen lockenden Zumutungen und gerät selbst in einen Offenbarungs- und Erzählstrom, der sie auf ungeahnte Weise emporhebt. Ein Mann und eine Frau, die mit jedem Brief sich weiter in ein Abenteuer hineinbegeben, von dem sie nicht wissen, wohin es sie führt.

Der Worterotiker

Zwei «Dekorateure des Nichts», wie Schlupp sie bezeichnet, haben sich gefunden: «nichts ist außer Wörtern», in der Theologie ebenso wie in der Literatur. Auf einer Höhe, intellektuell wie emotional, fliegen die Bälle zwischen ihnen hin und her, Theologie, Träume, Privates wird berührt, vor allem aber: Sehnsuchtslandschaften werden entworfen. Sie: «Ich möchte Sie verführen zum Brückenbau ins Voraussetzungslose. Wir wissen nicht, wo wir landen werden …» Er: «Durch Sie spüre ich, dass mir der Wahnsinn abhanden gekommen ist …»
Doch es wird kein grenzenloses Sichverlieren, beide sind fest geerdet. Sie wissen in jedem Moment, was sie tun. Gerade das lässt sie ihr kalkuliertes Überschäumen genießen. «Unsere Rechtfertigung war die Aussichtslosigkeit», schreibt Maja gegen Ende: «Wir haben geflirtet mit der Unmöglichkeit.» Dem Letzten verweigern sie sich. Nur noch einmal zufällig – eine Szene wie in einem Stück von Botho Strauß: Er kommt auf demselben Flughafen-Terminal an, wo sie im nächsten Moment abfliegt, durch eine Glasscheibe hindurch sehen sie sich – kommt es zu einer Fast-Begegnung zwischen ihnen.
Zum Realismus dieses Flirts gehören bei Martin Walser natürlich die Ehepartner dazu. Gleich auf der ersten Seite führt Schlupp, der Erotiker des Worts, seine Ehefrau Iris ein: «Wenn ich nicht Iris hätte, auf die ich mich stützen kann, ich fiele andauernd um.» Iris ist sein Halt, sie agiert im Offenen so pragmatisch wie weitsichtig im Verborgenen. In ihrem geheimen Manuskript – die Drehbuchautorin fürs Fernsehen träumt von einem Roman –, das Basil natürlich liest, notiert sie einmal: «Männer. Ihr liederliches Verhältnis zur Sprache. Sie glauben, man könne lügen. Lügen sei möglich. So unentwickelt sind sie. Als käme durch Lügen nicht genauso viel Wahrheit heraus als durch Wahrheit.»

Flirt mit dem Unmöglichen


Auch Maja hält zu ihrem Mann. Als er an einem bösartigen Tumor erkrankt, wacht sie an seiner Seite. Nach seiner vermeintlichen Heilung brechen sie zu einer langen Fahrradtour durch den Nordwesten Kanadas auf. Die Briefe, die sie von unterwegs an Basil schickt, berichten von einer Begegnung mit großer, wilder Natur. Für sie beide aber wird es eine Reise ohne Wiederkehr.
Walser versteht es mit leichter Hand, Satz für Satz die größten Erregungszustände zu entwerfen. Der Briefroman ist Liebesmonolog, Entwicklungsroman, intellektuelles Spiel und Geschlechterdrama in einem. Und ganz nebenbei: ein verhaltenes Hoch auf die Ehe. Zuletzt wird Iris ihrem Mann den Titel ihres nie vollendeten Manuskripts schenken: Das dreizehnte Kapitel.
Eine Geschichte über die Sehnsucht nach Erleben, danach, sich lebendig zu fühlen, was manchmal heißen muss: auszubrechen. Beide Schreibende wollen das nicht wirklich. Sie wählen den Brief als den Ort, wo das Unmögliche möglich wird. Hier hat die Affäre ihren Platz, als Energieaustausch «von Wort zu Wort zu Wort»: «Die Ermöglichung des Unmöglichen, das auch als Ermöglichtes unmöglich bleibt.» Martin Walsers Roman ist die vollendete Umsetzung dieses schönen Paradoxons.
Autor: Werner Irro


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