26.10.2016   von Lars Vasa Johansson

Lars Vasa Johansson: Über das Schreiben

Der schwedische Autor («Anton hat kein Glück») erzählt, wie er zum Schreiben kam und warum sein erstes Werk nie einen einzigen Leser fand

© privat
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Als meine Großmutter ein Gespenst sah, spaltete sich die Familie in zwei Lager: Diejenigen, die ihr glaubten, und diejenigen, die glaubten, sie werde allmählich senil. Ich fand ihre Begegnung mit dem unseligen Geisterwesen ziemlich spannend, aber ich war erst neun Jahre alt und landete gegen meinen Willen auf der Seite der Realisten und Skeptiker.
Um meiner Großmutter dennoch zu zeigen, dass ich sie unterstützte, griff ich zu Stift und Block und arbeitete hart an einer knapp eine Seite langen Geschichte darüber, wie Großmutter oben auf dem Dach in einem dramatischen Fechtduell gegen das Gespenst kämpfte.


Am Mittsommerabend sahen wir uns wieder, und ich schmuggelte die Geschichte zu ihr. Ich wurde ganz nervös, als ich neben ihr stand und wartete, während sie meine Niederschrift las. Was, wenn sie die Geschichte nicht mochte? Wurde darin zu viel gefochten? Oder zu wenig?


Als sie schließlich den Blick vom Papier hob, fragte sie mich, wer ich sei und was ich in ihrem Haus zu suchen hätte. Großmutter war mit großen Schritten auf dem Weg in einen Nebel der Vergesslichkeit. Mein erstes Werk wurde also ein gigantisches Fiasko. Ich erreichte nicht einen einzigen Leser.


Als selbsternanntes Autorentalent wurde ich von Bitterkeit erfasst und gab allen außer mir selbst die Schuld dafür. Gleichzeitig aber wurde auch ein Funke in mir entfacht. Das Schreiben hatte solchen Spaß gemacht. Nur ich, das Papier, der Stift und meine Phantasie. Darum habe ich beschlossen, mir auch weiterhin Geschichten ausdenken, für jemand Besonderen, für alle, für niemanden, für mich – bis auch ich eines Tages ein Gespenst sehe und im Nebel verschwinde.

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