12.10.2016   von rowohlt

«Auch nicht eine unserer Taten vergeht spurlos. Ich habe Angst …»

Das autofiktionale Universum des Literaturnobelpreisträgers – vollendet: Imre Kertész' Aufzeichnungen 1991–2001

Wohl bei keinem anderen Schriftsteller bilden Werk und Tagebuch ein so enges Geflecht wie bei Imre Kertész. Die von ihm veröffentlichten Extrakte aus seinen Diarien sind, im Wortsinn, existentielle Literatur. Den Anfang machte nach der Wende sein berühmtes «Galeerentagebuch», die erschütternde Dokumentation seiner 30-jährigen Isolation und geistigen Geheimexistenz im sozialistischen Ungarn zwischen 1961 und 1991. Unter dem Titel «Letzte Einkehr» folgten 2013 Aufzeichnungen aus dem Jahrzehnt 2001 bis 2009, in dem er sich von Ungarn abwandte und Berlin zu seiner Wahlheimat machte. «Der Betrachter» mit Notaten aus den Jahren 1991 bis 2001 schließt nun die Lücke zwischen beiden Tagebüchern. 


F.A.Z.: «Die nachgelassenen Betrachtungen des Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész sind ein literarisches und intellektuelles Ereignis.»
Welt Online: «Es ist ein großes emotionales und intellektuelles Abenteuer, Imre Kertész bei dem Erinnerungskampf mit seiner eigenen Geschichte zu folgen. Seine Reflexionen über den Zusammenhang von Ästhetik und Moral und seine radikale Auseinanderstezung mit der Natur des Menschen bedeuten für den leser eine tiefgreifende Herausforderung.»


Diese Jahre sind auch für Kertész Aufbruchsjahre. Er erfährt eine späte, unverhoffte Anerkennung seines Schaffens, in Ungarn, vor allem jedoch in Deutschland, Westeuropa und schließlich, mit dem Nobelpreis, weltweit. In seinen Tagebucheintragungen setzt er sich mit der «Fatalität Ungarn», mit dem neu aufkeimenden Nationalismus und Antisemitismus ebenso auseinander wie mit der ihm mit wachsendem Ruhm zufallenden, ungeliebten Rolle einer «öffentlichen Existenz». Berührende Passagen sind dem Abschied von der langjährigen Lebensgefährtin Albina gewidmet, die 1995 an Krebs starb.


Elf Textpassagen aus elf Tagebuchjahren:

«Chronik als Selbstprüfung. Alles niederschreiben, so wie es kommt»


1991. «Der wichtige Rat Sandor Marais: Komme jeden Tag mit Größe in Berührung, es vergehe kein Tag, ohne ein paar Zeilen Tolstoi gelesen, ein großes Musikstück gehört, ein Gemälde oder wenigstens eine Reproduktion gesehen zu haben. – Vergiß nicht den Traum, der dich neu gebar. Mein Leben wird von einem geheimnisvollen Tiefsee-Golfstrom gelenkt; ich bin, existiere nur dann im tiefen, glücklichen Sinn des Wortes, wenn ich seine Strömung spüre.»


1992. «Endzeitstimmung. Meine komische Vorahnung, eines Tages im Exil leben zu müssen, scheint sich zu bewahrheiten – vorausgesetzt, ich würde überhaupt noch die Zeit zur Flucht haben. – Die entscheidende Mehrheit der Intellektuellen dieses Landes scheint die ideologische Diktatur zu wollen. Warum, das habe ich noch nie so einfach und klar gesehen. Die ideologische Diktatur funktioniert über Kontraselektion und schafft sichere Lebensbedingungen für jede mittelmäßig oder noch niedriger befähigte Existenz. (…) Inzwischen wird der fatale Irrtum Nietzsches sichtbar: Die ‹Schlechtweggekommenen› schließen sich im Nazismus und Kommunismus in der jeweils siegreichen Ideologie zusammen und entschädigen sich durch Welt- und Wertezerstörung. Nicht die Eliten, die Lebenstüchtigen zerstören und morden – denn dazu sind sie, die blonden Bestien, die Übermenschen, nicht fähig: Die grauen Bestien sind es, die morden, denn sie sind wiederum zu nichts anderem fähig.»


1993. «Die Aufnahme meiner Arbeiten im Ausland zeigt, in welchem Ausmaß man mich hier, wo ich lebe, niedergehalten hat. Bedaure ich das? Ich bedaure nichts, ich bin in die tiefste Hölle hinabgestiegen, und das ist keine Übertreibung; ich bin ein ‹Dudelsackpfeifer› geworden – aber jetzt muß ich weiterziehen; ich will nur mehr für die musizieren, die die Musik verstehen und lieben, und dabei will ich auf mein Instrument und auf meine Finger aufpassen, auf meine Kehle, solange sie dem Instrument noch irgend etwas entlocken kann.»


1994. «Es ist vollkommen offensichtlich, das ich hier keinen Platz habe – formulieren wir es genauer: daß mein Platz nicht in der ungarischen Literatur ist. Die ungarische Literatur hat mich bereits verstoßen, als ich zu schreiben anfing: (…) Wenn ungarische Literaturgeschichte geschrieben wird, findet sich darin keine Zeile über mich – was ehrenvoller ist, als wenn man versuchen würde, mich als den katastrophischen Chronisten eines Minderheitenbewußtseins einzustufen. Vielleicht mahnt die Qualität meiner Schriften sie: Besser, sie übergehen mich gänzlich, als daß sie mich bagatellisieren.»

«Schreiben als frevelhafte Form der Existenz»


1995. «Wozu hat sie mich hier zurückgelassen, wozu bleibe ich in dieser Schattenwelt? (…) Wie fehlen mir die Nachmittage im Krankenhaus, von denen ich mit Tränen in den Augen wegging … Ihre schwache Hand, wie sie sie zum Winken hob … Gestern hat sie mir noch den Kopf gestreichelt, mich umarmt, geküßt … Ihr Körper ist verrückt geworden, hat sich von ihr losgerissen und sie mir genommen … Ich bereue alles ganz ungeheuer und werde es auf ewig bereuen …»


1996. «Aus Auschwitz Kunst zu machen – das ist die ernsthafteste Herausforderung für jeden Künstler, und egal, ob ich an Beethoven, Tolstoi oder Rembrandt denke: sicher ist, keiner von ihnen hätte der Herausforderung widerstehen können, sie hatten den Spielraum gefunden, der die Sache (Auschwitz) ebenso heiligt, wie er im Geist der Kunst eine ewige Form schafft, zur trauerdurchdrungenen Freude der Menschen.»


1997. «Schläge mit Demut zu ertragen ist leichter, als Anerkennung mit Demut anzunehmen. Das Glück hilft, genauer die Liebe. Die enge Dimension der Beziehung zweier Menschen ist das richtige Gegengewicht zur Maßlosigkeit, die der Bodenlosigkeit verwandt ist. Überhaupt beschäftige ich mich mehr mit dem ‹Betrieb› und meinem literaturbetrieblichen Markenzeichen als mit Fragen wie der, ob mir die Kraft bleibt, weitere Werke hervorzubringen (deren Plan indes felsenfest steht: Liquidation, Der Einsame von Sodom, Die heimliche Todeslust).»

«… und auf einmal überkommt mich Freude: Solange du lebst, sei glücklich …»


1998. «Den Kampf gegen jede Kapitulation fortsetzen. Viel an den Trost des Todes denken. Hybris und Eitelkeit widerstehen. Hier – und dieses ‹hier› kann so stehen, in Anführungszeichen, also ausgedehnt auf die Welt, und doch auch hier, hic et nunc – wird alles getan, um meinen Namen auszulöschen und mein Werk zu vernichten. Meine Werte bewahren, die exterritorialen Werte, außerhalb der Gesellschaft.»


1999. «Manchmal erfaßt mich Angst, es könnte meinen Büchern an Kenntnis der menschlichen Seele mangeln, an Wärme – überhaupt an Liebe.»


2000. «Noch nie war die Geschichte vom häßlichen Entlein so zutreffend (prägnant) wie in meinem Fall. Es hat lange gedauert, bis ich als Schwan daraus aufsteige, siebzig Jahre. (…) Jetzt erwache ich mit Freude, mit dem Lächeln M.s, und wage, glücklich zu sein: Ist das erlaubt – mir? Ist nicht Glück an sich schon Hybris? Das ganze Leben mahnt zur Demut: Du wirst sterben, also kümmere dich um dein Leben wie um einen teuren Wertgegenstand, der ständiger Aufsicht bedarf, den göttliche Hände dir anvertraut haben, für den du verantwortlich bist und der dennoch nicht dir gehört …»


2001. «Heute, nach einem Anfall von Tachykardie, hat mich die tiefe Traurigkeit der Verurteilten erfaßt; immer mehr Indizien, immer weniger Aufschub, du stirbst und hast deine Sache noch nicht zu Ende gebracht; und vielleicht bist du darum zum Tode verurteilt, wegen dieser Sünde, zu glauben (solange es glaubhaft war), du lebst ewig. Wie die großen Romantiker kann ich sagen, mein Herz schlägt wild; nur schade, daß bei mir die Tachykardie die Ursache ist. – Doch ein Blick auf meinen Arbeitstisch und den verödeten Garten im Hintergrund – und auf einmal überkommt mich Freude: Solange du lebst, sei glücklich, weil allein das Glück des Lebens würdig ist, sonst vegetiertest du würdelos …»

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