04.08.2018   von rowohlt

«Denn einfache Lösungen sind – einfach»

Spart Zeit. Hilft weiter. Tut gut: Christian Ankowitschs kluge, unterhaltsame Anleitung zur Problemlösung

Ärger im Job, Erziehungsfragen, Ehekrach – unsere Probleme erscheinen oft groß und verwirrend. Das lässt viele glauben, dass auch deren Lösungen groß, zeitaufwendig und mühsam sein müssen. Ein Trugschluss, wie Bestsellerautor Christian Ankowitsch weiß: Viele Probleme lassen sich auf einfache, zeitsparende und entspannte Weise aus der Welt schaffen, ohne sich mühselig in ihre Vorgeschichte zu vertiefen. Meist genügt es schon, kleine Details zu ändern, um nachhaltige Veränderung anzustoßen. Manche Probleme sind aus der Welt, sobald wir sie ignorieren – und andere, indem wir genau das Gegenteil dessen tun, was wir als Lösung vermutet hätten. Ein verblüffendes Buch voller Beispiele – haben Sie Ihr störrisches Kind schon mal mit der Wasserpistole beschossen? – und lebensnaher Tipps.


Zum Einlesen hier ein kleines Bündel schlauer Tipps …

Raus aus dem Problempingpong!

1. Alles hängt mit allem zusammen. «Wir Menschen haben keine Probleme. Also haben im Sinne von besitzen – so, wie wir kaputte Geschirrspülmaschinen besitzen, die es endlich zu reparieren gilt. Vielmehr erschaffen wir unsere Probleme – in diesem Fall durch unterschiedliche Vorstellungen von Nähe und Distanz. Zwischenmenschliche Konflikte sind also Sonderanfertigungen, die es so nur in konkreten Kontexten und zwischen bestimmten Menschen geben kann. Und die nur so lange existieren, wie die daran beteiligten Partner sie pflegen. Sobald einer damit aufhört, dem anderen den Rücken zuwendet, ist das Problem verschwunden. Was man von kaputten Geschirrspülern und Autos nicht behaupten kann. (…) Womit wir es also kennengelernt hätten, ein zentrales Geheimnis einfacher Lösungen: Weil alles mit allem zusammenhängt, braucht es keine großen Strategien. Vielmehr stören schon die beiläufigsten Interventionen die komplexesten Gebilde.»


2. Vergiss es. «Houston, haben wir überhaupt ein Problem? Eigentlich nicht. Wir müssen schon etwas dafür tun und eine Tatsache als Problem betrachten wollen. Das lässt sich glücklicherweise abstellen. Indem wir sie zum Beispiel einfach nicht zur Kenntnis nehmen. Indem wir sie beflissentlich übersehen, uns selbst vergessen oder unsere Arroganz pflegen. (…) ‹Das Beste freilich wäre wieder, die Wiener Maxime zu befolgen: Gar nicht ignorieren!› (Karl Kraus) Womit wir auch schon beim Thema wären. Viele Probleme entstehen nämlich erst, indem wir ihnen Beachtung schenken und sie nicht wieder aus dem Kopf bekommen. Der einfachste Weg, alldem zu entgehen, besteht darin, der Anregung von Karl Kraus zu folgen und den Dingen mit selbstverschlingender Ignoranz zu begegnen. Nicht nur Probleme zu ignorieren, sondern auch den Umstand, dass wir sie ignorieren.»


3. Denk dir etwas aus. «Es gibt keinen Moment unseres Lebens, in dem wir nicht auf irgendwelche Vereinbarungen zurückgreifen würden. (…) Es gibt verschiedene Begriffe für dieses Regelwerk. Einer davon lautet ‹Frame›. Verwendet wird er von vielen Psychologen, wenn sie jenen ‹begrifflichen und gefühlsmäßigen Rahmen» beschreiben wollen, ‹in dem eine Sachlage erlebt und beurteilt wird› (…) Die beste Nachricht besteht freilich darin, dass unsere Frames hausgemacht sind. Sonderanfertigungen. Zusammengebastelt. Hingefrickelt. Deswegen lassen sie sich auch modifizieren oder sogar ganz auflösen. Das gestaltet sich nicht immer ganz einfach, aber es ist machbar, wenn man weiß, wie’s geht. ‹Reframing› nennen die Psychologen diesen Vorgang.»


4. Sprich schön. «Wollen wir einigermaßen gut durchs Leben finden, dann müssen wir uns einen Reim darauf machen. Ohne ein gewisses Grundverständnis der komplexen Welt würden wir es morgens nicht einmal bis zur Espressomaschine schaffen, geschweige denn, sie in Betrieb zu nehmen. Kurz: Wir brauchen ‹Konzepte›, um unser Leben zu bewältigen … Folgen wir der These von Lakoff und Johnson, dann entwickeln wir diese lebenswichtigen Konzepte und Frames mit Hilfe eben dieser Metaphern. Das heißt: Wir leihen uns Erfahrungen aus einem (uns verständlichen) Bereich, um damit Erfahrungen in einem anderen (abstrakten) Bereich zu strukturieren und zu erklären. (…) Die allermeisten unserer Sprachbilder sind Erbstücke. Wir haben sie von unseren Eltern übernommen, von Freunden, von der Gesellschaft, bewusst und unbewusst. Es gibt unzählige, immer wieder entstehen neue, jedem fallen auf Anhieb welche ein, weshalb wir sie auch ständig gebrauchen. (…) Doch es liegt an uns, ob wir diese Metaphern weiter verwenden, sie modifizieren oder durch neue ersetzen.»

Am eigenen Schopf aus dem Problemsumpf ziehen!

5. Mach etwas anders. «Oft genügt es bereits, winzige Details zu verändern. Und schon verschwinden die hartnäckigsten Probleme. Das hat wenig mit Hexerei, aber viel mit vernetztem Denken zu tun. (…) Beginnen Sie stets mit dem Einfachsten und gehen Sie mit der konkreten Situation, in der Sie sich befinden, anders um. Sobald Sie sich an den Gedanken gewöhnt haben, dass bereits kleinste Verhaltensänderungen helfen können, wird nichts mehr vor Ihnen sicher sein. Keine Gewohnheit, die Sie nicht auf den Kopf stellen könnten, um ein wenig Unruhe in Ihr Problemmuster zu bringen. Ob Sie nun einen anderen Weg zur U-Bahn nehmen, mit dem «falschen» Arm zuerst in die Jacke schlüpfen oder Ihr Frühstücksritual variieren – egal. Machen Sie, was immer Ihnen plausibel erscheint.»


6. Pflege deine Vorurteile. «Es spricht also einiges dafür, uns dieser Routinen zu bedienen, wenn wir nach einfachen Lösungen suchen. Jedoch sollten wir sehr genau hinsehen, welche wir konkret aktivieren wollen. Denn diese Routinen sind nicht die Quintessenz rationaler Planung, sondern das Produkt willkürlichen Experimentierens. Denn genau dazu zwingt uns die Komplexität unseres Ameisenhaufens. Weil er uns keine Chance lässt, analytisch und abwägend vorzugehen (zu großes Chaos), sind wir dazu genötigt, die ‹Versuch-Irrtum- Methode› (trial and error) anzuwenden. Also so lange herumzuprobieren, bis wir eine Lösung gefunden zu haben glauben, um sie bei nächster Gelegenheit ein weiteres Mal anzuwenden. Sind wir auch damit erfolgreich, speichern wir sie als Routine ab. So entstehen mit zunehmendem Alter immer umfangreichere Sammlungen von Automatismen, besser bekannt unter der Bezeichnung ‹Erfahrungen›.»


7. Befreie den Hamster. «Viele Probleme erhalten wir am Leben, indem wir sie auf stets dieselbe untaugliche Weise zu lösen versuchen. Zeit, dieses Spiel zu beenden. Und unseren (metaphorischen) Problemhamster zu befreien. Dann kann nämlich etwas Neues entstehen. Und wird es auch (…) Die Lösung kann … darin liegen, dieses eingespielte Regelwerk zu stören. Und wie bekommt man das hin? Indem man sich nicht regelkonform verhält. Das war’s auch schon. Dann muss die Problemproduktionsmaschine ins Stottern kommen. Und das tut sie erfahrungsgemäß auch. Das bedeutet: Wir können Probleme auch dann lösen, wenn wir sie kaum kennen und keine Ahnung davon haben, wer an ihnen beteiligt ist. Weil ja alle mit allen verbunden sind und wir ganz offensichtlich Teil des Problemnetzwerks, können wir – überspitzt formuliert – irgendetwas machen und werden Erfolg damit haben. Einzige Voraussetzung: Unser Störmanöver muss tatsächlich quer zum gewohnten Ablauf des ganzen Kuddelmuddels liegen.»


8. Liebe deine Probleme. «Schon Sigmund Freud hat die These vertreten, dass es einen ‹sekundären Krankheitsgewinn› gibt. Und erklärte das Phänomen anhand einer Klientin, die ‹ziemlich regelmäßig den Ausweg in die Neurose› gesucht habe, weil sie sich in ihrer unglücklichen Beziehung nicht anders zu helfen wusste. (…)Wir sollten also bei hartnäckigen Problemen davon ausgehen, dass sie uns einen (verdeckten) Gewinn verschaffen. Schon allein deshalb, weil diese Einsicht uns entlastet. Wir werden aufhören, in unserem Verhalten einen Beweis der eigenen Unfähigkeit zu erkennen. Vielmehr werden wir es schätzen lernen als zwar anstrengende, aber offensichtlich erfolgreiche Strategie, unseren Alltag zu stabilisieren. Überspitzt formuliert könnte man sagen: Manchmal können wir Probleme lösen, indem wir sie aufrechterhalten.»

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