01.02.2013   von rowohlt

Alice Schwarzer über Simone de Beauvoir

«Immer wieder hingerissen bin ich von der Klarheit ihres Denkens …»

© Rowohlt Archiv
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«Ich möchte vom Leben alles …»

«Immer wieder hingerissen bin ich von der Klarheit ihres Denkens, der Unteilbarkeit ihres Gerechtigkeitssinns und der Kühnheit ihrer Visionen in den politischen Essays, allen voran «Das andere Geschlecht». Gerührt bin ich von ihrer Leidenschaft und Verletzlichkeit, die in den Memoiren und Briefen offenkundig wird.  Und beschämt bin ich, dass ich zwei ihrer schönsten Bücher bis heute nicht gelesen hatte: ‹Die Welt der schönen Bilder› und ‹Eine gebrochene Frau›.»


Ihr Werk sei ihr Leben, das war für Simone de Beauvoir Programm. «Und in der Tat: Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Es sind Werk und Leben, die diese einflussreichste weibliche Intellektuelle des 20. Jahrhunderts zum role model für mehrere Frauengenerationen gemacht haben.»


Im unbedingten Willen, sich politisch einzumischen, sind Schwarzer und Beauvoir einander sehr ähnlich, Schwestern im Geiste. Als die deutsche Journalistin Simone de Beauvoir im Mai 1970 zum ersten Mal in Sartres Ein-Zimmer-Appartement am Boulevard Raspail begegnet, ist sie von  der «ganz und gar unerhörten Erscheinung» beeindruckt – und eingeschüchtert: «Sie hatte keine Zeit zu verlieren, war in den Diskussionen von schneidender Klarheit und mitreißendem Anarchismus.»

Zufallsliebe und notwendige Liebe

Nicht zufällig hat Alice Schwarzer ihrem Beauvoir-Lesebuch einen Passus von programmatischer Resolutheit vorangestellt, den die französische Intellektuelle am 3. Juli 1947 in einem Brief an ihren fernen Geliebten, den amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren, formuliert hatte:


«Ich möchte vom Leben alles. Ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein … Sehen Sie, es ist nicht leicht, alles, was ich möchte, zu bekommen. Und wenn es mir nicht gelingt, werde ich wahnsinnig vor Zorn.»


Liberté, Égalité, Fraternité, die großen französischen Pathosformeln: Für das Leben und das Lebenswerk von Beauvoir und Sartre besitzen sie eine konstitutive Bedeutung. Beide nahmen sich die Freiheit, zu leben, wie sie wollten, zu lieben, wen sie wollten. Simone war 21, als sie und Sartre, Castor und Pollux, auf einer Bank am Louvre jenen berühmten Pakt schlossen, der nach beider Vorstellung für alle Zeiten ihre Beziehung jenseits aller bürgerlichen Konvention regeln sollte: «Bei uns beiden handelt es sich um eine notwendige Liebe: Es ist unerlässlich, dass wir auch die Zufallsliebe kennenlernen»: Mit diesen Worten Sartres wurde das legendäre Initiationserlebnis fixiert.


Sartre, der Jahrhundertdenker, Vorbild und wandelnde Provokation, Idol und Ärgernis und das Gegenteil eines bekennenden Monogamisten. Sich an einen solchen «l'homme-siècle» zu binden – das konnte nur eine Frau, die in sich ungeheuer stark war: radikal in ihren intellektuellen Ambitionen, raumgreifend im Ausleben ihrer Weiblichkeit. Und «niemand hat so brillant Zeugnis abgelegt über das Frausein im 20. Jahrhundert und unsere Geschichte – und niemand ist mit solchen  Siebenmeilenstiefeln in das 21. Jahrhundert vorangeschritten.»

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