Im Gespräch

Fünf Fragen an Wolf Harlander

Wenn Fiktion auf Realität trifft: Wolf Harlander entwirft ein Szenario, das Experten für sehr wahrscheinlich halten: einen totalen Internetausfall innerhalb der nächsten Jahre.

Interview mit Wolf Harlander
© privat

In Ihrem neuesten Thriller erzählen Sie sehr anschaulich davon, wie der Ausfall des Internets große Teile Europas lahmlegt. Fast alle Kommunikationswege sind abgeschnitten. Schnell bricht Panik aus. Wie abhängig sind wir alle längst vom Internet?

Wir hängen geradezu existenziell am Internet – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn unser gewohntes Leben, wie  wir es kennen und schätzen, wäre bei einem Netzausfall mit einem Schlag vorbei. Auch wenn es vielen nicht bewusst ist: Ohne die Datennetze im Hintergrund würde der Verkehr zusammenbrechen, Flugzeuge blieben zwangsläufig am Boden, Züge könnten die Bahnhöfe nicht mehr verlassen. Viele Industrieunternehmen müssten ihre Produktion einstellen, Einzelhändler erhielten keinen Nachschub mehr, Banken stünden innerhalb von Tagen vor der Insolvenz. Wasser, Strom, Kommunikation – alles, was wir für unseren Alltag brauchen, wäre von heute auf morgen lahmgelegt. Dagegen erscheint die Tatsache fast schon harmlos, dass wir natürlich auch unser Handy nicht mehr nutzen oder nicht mehr im World Wide Web surfen könnten, ebenso bliebe der Fernsehbildschirm schwarz. Das Internet ist die Achillesferse Einer ganzen Gesellschaft.

Ein quasi totaler Internetausfall – wie wahrscheinlich ist so ein Szenario?

Die Experten sind sich einig: Das Internet wird in den kommenden zehn Jahren komplett ausfallen. Das hat mehrere Gründe. Unsere Datennetze sind stark verwundbar –viel stärker, als viele Menschen vermuten. Denn die Technik und die Software haben nicht im erforderlichen Maße mit der modernen Entwicklung Schritt gehalten und gelten als anfällig. Zugleich haben die Cyberangriffe in den vergangenen Jahren Extrem zugenommen, und die Zahlen steigen weiter an. Kriminelle und Terroristen oder auch Staats-Hacker finden reichlich Lücken, in die Datennetze einzudringen und größtmöglichen Schaden anzurichten. Der «Global Risks Report» beispielsweise nennt Cyberangriffe auf das Internet und kritische Infrastrukturen als eines der Top-5-Risiken. Solche Internetausfälle, wenn auch nicht gleich im globalen Maßstab, gehören mittlerweile zu den negativen Begleiterscheinungen der alltäglichen Internetnutzung für uns alle: Jeden Tag werden Internetstörungen gemeldet, es gibt fast kein großes Unternehmen, das nicht bereits von Ausfällen des Datenleitungs-Netzwerkes betroffen war. Das Bundeskriminalamt erfasste im Bereich Cybercrime im vergangenen Jahr allein in Deutschland 9000 Angriffe pro Monat. Und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik registriert pro Tag über 300 neue Schadprogramme. Kurz gesagt: Man kann solchen Angriffen kaum entgehen.

Gerade im letzten (Corona-)Jahr hat sich sowohl das private wie auch das berufliche Leben vieler Menschen ins Digitale verlegt: Welche Chancen sehen Sie in der zunehmenden Digitalisierung unserer Gesellschaft? Und vielleicht auch: welche Gefahren?

Das Internet hat uns diese neuen Formen der Heimarbeit erst ermöglicht. Praktisch jeder hat heute einen privaten Anschluss ins Web – sei es über die Datenleitung zu Hause oder über das Mobiltelefon. Damit können nun Büro-Jobs bequem vom heimischen Wohnzimmer aus erledigt werden. Und die digitale Vernetzung hilft uns, mit unseren Verwandten und Freunden in Kontakt zu bleiben, sich weiterhin auszutauschen, ein Schwätzchen zu halten – wenn auch nur virtuell. Und ohne dass wir es merken, werden viele Arbeiten des Alltags bereits von Computern und Mikrochips erledigt – das fängt bei der Kaffeemaschine an und hört bei der Steuerung von Autos längst nicht auf. Das ist bequem, das ist hilfreich, wir alle haben uns an solchen Komfort gern gewöhnt. Gleichzeitig drängt sich damit die naheliegende Frage auf: Was geschieht, wenn wir plötzlich gezwungen sind, auf diese liebgewonnenen Vorzüge der vernetzten Digitalisierung zu verzichten?

Ihre Thriller behandeln immer wieder sehr aktuelle Themen – in «42 Grad» waren es der Klimawandel und Wassermangel: Wie stoßen Sie auf Ihre Themen?

Ich war schon immer überaus neugierig und habe mich von klein auf mit den verschiedensten Themen beschäftigt, Neues ausprobiert und versucht zu verstehen, was eigentlich hinter den Dingen steckt. Das war mit ein Grund, warum ich ursprünglich Journalist geworden bin. Und in diesem Beruf gehört es gewissermaßen dazu, sich mit aktuellen Entwicklungen auseinanderzusetzen und sich zu fragen, wohin diese Entwicklungen noch führen können. Eine gute Portion Vorstellungsvermögen ist dabei ebenfalls hilfreich.

Sie selbst sind Jahrgang 1958, aufgewachsen in einer Zeit, in der das World Wide Web – der unbegrenzte Zugang zu Informationen – höchstens eine wilde Zukunftsvision war. Können Sie persönlich sich ein Leben ohne Smartphone, ohne Internet heute überhaupt noch vorstellen?

Für viele, und da schließe ich mich überhaupt nicht aus, ist mittlerweile das Internet genauso wichtig fürs eigene Leben wie das Atmen. Ob Computer oder Handy – das Gefühl, ständig mit Freunden und der Welt verbunden zu sein, ist elementar. Und gerade für mich als Autor ist das Web ein unverzichtbares Hilfsmittel geworden. Andererseits vergessen wir schnell, dass solche Errungenschaften wie Smartphone oder ein umfassendes Web mit Shopping-Portalen und Kommunikationsplattformen gerade mal zwanzig Jahre alt sind. Ich lehne mich manchmal zurück und frage mich: Wie hat das alles früher ohne Internet und Mobiltelefon funktioniert? Gab es davor überhaupt ein Leben? Da ist es beruhigend zu wissen: Ja, früher kamen die Menschen tatsächlich auch gut ohne diese Dinge zurecht – und waren trotzdem glücklich.

 

 

Wolf Harlander

Wolf Harlander

Wolf Harlander, geboren 1958 in Nürnberg, studierte Journalistik, Politik und Volkswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Nach einem Volontariat bei einer Tageszeitung und der Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule arbeitete er für Tageszeitungen, Radio, Fernsehen und als Redakteur der Wirtschaftsmagazine Capital und Wirtschaftswoche. Für seinen ersten Thriller «42 Grad» wurde Harlander ausgezeichnet mit dem Stuttgarter Krimipreis und der MIMI 2021, dem Publikumspreis des Deutschen Buchhandels. Er lebt heute als Autor in München.

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