Im Gespräch

«Die Revolution hat die vorige Generation für uns gemacht.»

Das glänzend erzählte Porträt einer Frauengeneration

Foto der Autorin Pascale Hugues
© Dagmar Morath

Zwölf Straßburger Mädchen. Sie alle schreiben 1968 in das Poesiealbum von Pascale Hugues. Fünfzig Jahre später macht sich Hugues auf die Suche nach diesen Mädchen, erzählt von ihren Leben als erwachsene Frauen. Und porträtiert eine Generation: Zu jung für die Revolution von 1968, nutzen sie die Pille, die Abtreibung, die einvernehmliche Scheidung, das Recht, in Hosen ins Büro zu gehen und ein Gehalt zu bekommen, ohne ihren Mann um Erlaubnis zu fragen – all diese Errungenschaften, für die Generationen von Frauen vor ihnen gekämpft haben. Jede von Pascale Hugues´ ehemaligen Klassenkameradinnen hat versucht, dem Frauenbild zu entkommen, das sich so deutlich in dem kleinen Poesiealbum widerspiegelt. Aber sie alle spüren, dass die unsichtbare Macht dieser Rollenzuschreibungen bis heute wirkt.

«Eine Ethnologin, die gekommen ist, um diesen kleinen, aus der Vergangenheit aufgetauchten Stamm zu erforschen»: So haben Sie Ihre Rolle in dem Mädchenschule-Projekt beschrieben. Was ist die wichtigste, schönste, überraschendste Erkenntnis der Ethnologin Hugues?

Zu entdecken, wer diese kleinen Mädchen waren. Als Kind fragt man nicht nach der sozialen Herkunft der anderen, nach ihrer Familiengeschichte, nach dem Land, aus dem sie stammen, oder wie sie nach Frankreich gekommen sind. Dieses Buch hat es mir erlaubt, sie kennenzulernen und den langen Weg ihres Lebens noch einmal Schritt für Schritt gemeinsam mit ihnen zurückzulegen.

Hat es lange gedauert, bis Sie Ihre «Albummädchen» gefunden haben und treffen konnten?

Ja, natürlich. Als Erstes musste ich sie ausfindig machen, was nicht einfach war, weil Mädchen heiraten und den Namen wechseln. Für diejenigen, die im Elsass geblieben sind, war es relativ leicht – ich fand einen Cousin, einen Bruder, die mich auf die Fährte gesetzt haben. Hingegen suche ich noch immer nach zwei kleinen Algerierinnen – die Bensalem-Schwestern –, von denen ich keine Spur gefunden habe. Es wäre spannend gewesen,  die Geschichte dieser Mädchen zu erfahren, die mit der ersten Immigrationswelle nach Frankreich gekommen sind, als Algerien gerade nach einem furchtbaren Krieg die Unabhängigkeit erlangt hatte.

Jahrzehnte hatten Sie keinen Kontakt zu den gut zwanzig Mädchen, mit denen Sie die Sainte-Madeleine-Schule in Straßburg besucht haben. Und dann beginnen Sie, nach den «fossilen Splittern» zu suchen, «um das kollektive Bild unserer Kindheit wieder zusammenzusetzen». Wissen Sie noch, wie Ihnen die Idee zu dem Buch kam?

Beim Aussortieren meiner Berliner Bibliothek ist mir mein Poesiealbum in die Hände gefallen. Es stammt aus dem Jahr 1968. Wir waren neun, zehn Jahre alt. In Frankreich gab es diesen Brauch nicht. Nur im Elsass. Ein Erbe der deutschen Zeit, das nach den Kriegen durch die Maschen des Säuberungsnetzes gefallen ist. Ich fragte mich spontan: Was wohl aus ihnen geworden ist? Und ich las die kleinen Gedichte, die meine Freundinnen mir ins Album geschrieben hatten, noch einmal mit Erwachsenenaugen. Ein Schock! Die Anweisungen, die den Mädchen gegeben wurden, waren schrecklich: Sei klein, lieb, brav, folgsam. Schlag keine Wellen. Mach dich nicht interessant. Sei wie das Veilchen im Moos und nicht wie die Rose, stolz auf ihre Pracht. Ich fragte mich, welche Wirkung all diese moralisierenden Direktiven auf das Leben von uns Frauen gehabt haben. Haben wir sie befolgt? Oder ist es uns gelungen, uns davon zu befreien? Ich hoffe, wir sind heute alle Rosen, die stolz sind auf ihre Pracht.

In den Gesprächen mit den Klassenkameradinnen von einst geht es um viele schwere Themen: häusliche Enge, Armut, abwesende Väter, Scheidung, Migration, Sexualität, Abtreibung, Pille, finanzielle Unabhängigkeit, Feminismus ... Und doch spricht Myriam von «unseren armseligen kleinen, bis zum Gehtnichtmehr anonymen Leben». Ist das nicht paradox?

Tatsächlich hat keine meiner Freundinnen ein spektakuläres Schicksal, keine ist berühmt geworden. Wenn man aus einem «bescheidenen Milieu» stammt, wie der Euphemismus heißt, mit dem man die Armen umschreibt, kommt man gar nicht auf den Gedanken, dass sein Leben von Interesse sein könnte. Also haben sie sich gefragt, was denn an ihnen so interessant sei, dass ich Lust hatte, ein Buch über sie zu schreiben. Für sie sind die Bücher mit Heldinnen bevölkert, großen Liebhaberinnen, großen Leistungen … Für mich gibt es kein banales Leben. Und fügt man alle diese Kleinigkeiten aneinander, ergibt sich das Porträt einer Epoche und einer Generation.

«Babyboomer der zweiten Stunde», an den Barrikaden von 68 knapp vorbeigeschrammt: «Eine bedeutungslose Generation ohne Label, ... eine große, unförmige demographische Kohorte, die jetzt auf die Rente zusteuert.» Was ist das Besondere, das Spezielle an Ihrer Generation?

Nichts, und genau das interessiert mich. Wir sind lange nach dem Krieg geboren worden und zehn Jahre zu spät, um Achtundsechziger zu sein. Die Revolution hat die vorige Generation für uns gemacht. Die sexuelle Befreiung, die Frauenrechte … Wir haben von all diesen Errungenschaften profitiert. Es ist ein bisschen, als hätten wir in weiche Pantoffeln schlüpfen können, die andere für uns bereitgestellt hatten. Das ist bequem, aber auch ein kleines bisschen traurig … Wären wir vielleicht lieber selbst auf Barrikaden gestiegen?

Rund ein halbes Jahrhundert nach der Sainte-Madeleine-Zeit sehen Sie Pilar, Jeannine, Roseline, die Pascales, Giacomina und die anderen Mädchen wieder. Klassentreffen scheinen ein «deutsches Ritual» zu sein, kein französisches. Wieso eigentlich – sind Franzosen weniger nostalgisch oder sentimental?

Es gibt in Frankreich nur wenige Rituale, die mit der Schule zu tun haben. Kein erster Schultag mit Schultüte und Familienessen. Die Eltern stellen ihre Kinder bei Schulbeginn vor der Schule ab, und das war’s. Keine Abifeier, kein Abiball, keine Abifahrt. Die Abinoten las man damals noch von großen Tafeln in den Gängen des Gymnasiums ab und ging wieder nach Hause. Meist verliert man sich danach aus den Augen. Ich habe meine deutschen Freundinnen stets beneidet, wenn sie mir von ihrem Klassentreff erzählt haben. Mit diesem Buch habe ich mir auch einen gegönnt.

«Es scheint mir, es gibt eine unwandelbare Essenz, einen inneren Wesenskern, dem weder die verflossenen Jahre noch die unterwegs gesammelten Erfahrungen etwas anhaben können.» Wie verändern wir uns im Laufe des Lebens, tun wir es überhaupt – ist das nicht genau die zentrale Frage, der Ihr Buch nachgeht?

Schauen Sie sich mal ein altes Klassenfoto genau an. Studieren Sie die Augen, die Körperhaltung … Sie werden sehen, dass alles bereits da ist. Anne-Marie mit den lebhaften Augen und dem vor Energie strotzenden Körper ist heute eine schöne, schlanke Frau Anfang sechzig  mit langen braunen Haaren, die vier Sprachen fließend spricht, Yoga und Tourenrad praktiziert, dank Videos auf YouTube ein Studium nachholt, das ihr als junges Mädchen verwehrt war, weil man in spanischen Einwandererfamilien mit vierzehn von der Schule abging, um sein Leben zu verdienen. Erst recht, wenn man ein Mädchen war. Pascale L. sitzt ganz hinten im Schulzimmer, neben dem Heizkörper. Sie ist pummelig, trägt einen dicken, von ihrer Mutter gestrickten Pulli, kreuzt die Arme, als wollte sie sich beschützen. Sie hat ein gutmütiges Lächeln. Pascale L. ist heute eine ängstliche Frau, die in ihrem Leben nie viele Risiken eingegangen ist. Sie ist seit vierzig Jahren mit demselben Mann verheiratet, dem ersten und einzigen in ihrem Leben. Sie arbeitet seit vierzig Jahren in derselben Krankenkasse, in der ihr Mann Buchhalter ist. Sie gehen jeden Morgen gemeinsam zur Arbeit, essen mittags gemeinsam in der Kantine und kehren abends zusammen im Bus nach Hause.

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Pascale Hugues

Pascale Hugues

Pascale Hugues, geboren in Straßburg, ist Journalistin und Schriftstellerin. Mit ihrem ersten Buch «Marthe und Mathilde» gelang ihr auf Anhieb ein großer Erfolg. Für ihr Buch «Ruhige Straße in guter Wohnlage» erhielt sie den Prix Simone Veil und den Europäischen Buchpreis. Pascale Hugues ist Deutschlandkorrespondentin des französischen Nachrichtenmagazins «Le Point», Kolumnistin beim «Tagesspiegel» und schreibt regelmäßig für verschiedene deutsche Medien. Sie lebt in Berlin.