Im Gespräch

«Ava hatte sich immer schon fortgeträumt ...»

Die Hamburger Auswandererstadt, Band 1: die mitreißende Saga von Bestsellerautorin Miriam Georg.

Miriam Georg im Interview: Miriam Georg lächelt in die Kamera.
© Franziska Kuttler

Jeden Tag arbeitet die junge Ava bis zur Erschöpfung auf dem Moorhof im Alten Land. Die Erinnerung an ihre Familie ist von Jahr zu Jahr mehr verblasst, kaum weiß sie noch den Namen ihrer Mutter. Irgendwann will Ava sie in Amerika wiederfinden. Claire Conrad ist reich, schön, rebellisch. Sie will reisen, die Welt sehen, aus den strengen Regeln der Gesellschaft ausbrechen, sie träumt davon, dass ihr Leben endlich anfängt. Wenn wenigstens der Reedersohn Magnus Godebrink um ihre Hand anhalten würde …
Hamburg ist in Aufruhr. Die Cholera hat ihre Spuren in der Stadt hinterlassen. Zahllose Reisende passieren die Hafenmetropole auf ihrem Weg in die Neue Welt, getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben. In der Auswandererstadt begegnen sich Ava und Claire – zwei Frauen, verschieden wie Ebbe und Flut. Doch das Schicksal schweißt sie untrennbar zusammen.

DAS INTERVIEW

Wirft man einen Blick auf Ihre Biografie (Studium der Europäischen Literatur, Korrektorin, Lektorin), könnte man denken, dass Sie seit Jahren einem Masterplan folgen, der Sie Schritt für Schritt Ihrem Traum, als freie Schriftstellerin zu leben, näher gebracht hat. Ist das so?
Man könnte es vermuten, allerdings ist es ganz und gar nicht so. Ich hatte nie vor, Schriftstellerin zu werden, und habe auch nie davon geträumt. Tatsächlich überrascht es mich immer noch beinahe jeden Tag, dass ich jetzt eine bin. Ich habe auch vor meinem ersten Buch, das 2017 erschien, nie wirklich geschrieben, außer ab und an mal eine Kurzgeschichte oder ein Jugendbuch, das ich mit 13 spaßeshalber begonnen und über die Jahre weitergeschrieben, aber nie beendet habe. Ich wollte immer etwas mit Büchern machen, vorzugsweise mit Literatur, und hatte ehrlich gesagt keine so konkrete Ahnung, wo das Ganze hinsteuern würde. Das Schreiben habe ich eigentlich eher zufällig angefangen, als ich merkte, dass ich doch nicht an der Uni bleiben und promovieren will, wie es eigentlich geplant war. Und zu meinem Glück und Erstaunen hat es funktioniert und macht mir großen, großen Spaß.

Wie sehr hat Sie eigentlich der Erfolg Ihrer Bestseller «Elbleuchten» und «Elbstürme» überrascht – oder ahnten Sie beim Schreiben, dass Sie da an zwei Goldstücken feilen?
Nein, ich war unglaublich überrascht von dem Erfolg und hätte ihn nie im Leben erwartet. Ich habe ja auch vorher schon einige Bücher veröffentlicht, unter anderen Pseudonymen, die alle recht gut liefen, jedoch nicht vergleichbar mit «Elbleuchten» und «Elbstürme». Aber ich bin auch jetzt, weit über ein Jahr später, noch immer jeden Tag glücklich darüber, wie gut die Bücher von den Leser:innen aufgenommen wurden.

Ich recherchiere bis zum letzten Schreibtag weiter – und meine Bücher liegen daher immer griffbereit.

Die bittere Armut der Moorbauern im Alten Land Ende des 19. Jahrhunderts, die Cholera-Epidemie in Hamburg 1892 mit Tausenden Toten, Hagenbecks «Menschenschauen», die Auswandererstadt auf der Veddel, die kriminellen Geschäfte mit der Massenemigration, die Selektion in Ellis Island: Für «Das Tor zur Welt» müssen Sie ungeheuer viel gelesen und recherchiert haben. Wie sehr mögen Sie diesen Teil der literarischen Arbeit, die ja in der Regel dem Schreiben selbst vorausgeht?
Ich habe mittlerweile einen Stapel mit Recherchebüchern zu Hamburg, der mir bis zur Taille reicht (er liegt in meiner Küche auf dem Boden). Also ja; ich musste sehr, sehr viel lesen und recherchieren, aber nichts könnte mir mehr Spaß machen. Besonders die Kaiserzeit und die Jahrhundertwende haben mich schon immer interessiert – und was gibt es Schöneres, als über aufregende vergangene Zeiten zu lesen und dafür auch noch bezahlt zu werden? Bei mir geht die Recherche aber dem Schreiben nicht wirklich voraus, ich mache das immer parallel und versuche alles, was ich lese und verwenden möchte, sofort irgendwie textlich umzusetzen, sei es in einem Satz oder einer angerissenen Szene. Ich hasse Notizen, und wenn ich mir welche mache, schaue ich sie niemals an. Daher musste ich einen eigenen Umgang mit dem Ganzen finden. Das ergibt oft ein großes Durcheinander, ist für mich aber die beste Methode, ich recherchiere bis zum letzten Schreibtag weiter – und meine Bücher liegen daher immer griffbereit.

Der Roman lebt vom Aufeinanderprall konträrer Figuren und Temperamente: Ava und Claire auf der einen, Will, Magnus und Quint auf der anderen Seite. Was reizt Sie an dieser «dynamischen Konstellation»?
Gleich zwei Hauptfiguren und damit auch zwei love interests zu haben war wirklich eine Herausforderung, das werde ich nächstes Mal sicher anders machen. Trotzdem war es ein Vergnügen, mit den Figuren zu spielen und sie umeinander herumschleichen zu lassen. In diesem Fall hat mir ganz besonderen Spaß gemacht, den aufsässigen Charakter von Claire zu entwickeln. Obwohl ich sie wirklich mag, ist sie mir von ihren Anlagen und ihrem stürmischen Temperament her eher fremd, und ich musste mich daher sehr in sie hineindenken. Es ist nicht leicht, eine Figur zu erschaffen, die ständig unsympathische und nervige Sachen macht (und sagt), der die Leser:innen aber trotzdem gerne folgen – und diese Challenge hat mich gereizt. Ava war einfacher, wie man sich sicher vorstellen kann, es war dann aber wiederum schwer, die Figuren einander nahezubringen.
Ich mag keine männlichen Protagonisten, die von Anfang an heldenhaft daherkommen, deswegen war mir Quint immer sympathisch, ich konnte gut mit ihm arbeiten. Will ist nach außen hin glatt gebügelter (und hat mich damit manchmal genervt), hat dafür aber große innere Konflikte, durch die man sich ihm nahe fühlen kann.
Claire und Ava sind beide auf ihre Art ganz besondere Frauen und brauchten daher Männer, die es mit ihnen aufnehmen können und die ihrer würdig sind. Diese Konstellation zu erschaffen hat mich viel Zeit und Haareraufen gekostet – und dann funkt ja auch noch Magnus ständig dazwischen! Es gibt durchaus Stellen, an denen mir die ganze Konstellation nicht so gelungen ist, wie ich es mir gewünscht hätte, trotzdem war es ein tolles Schreiberlebnis.

Gibt es eigentlich für die Figur des Dr. Schwab, dessen Vorstellungen über weibliche Hysterie Existenzen vernichten können, ein verbürgtes «Vorbild» in der Realität?
Nein, Dr. Schwab ist (Gott sei Dank) erfunden, seine Handlungen und Vorstellungen haben aber leider durchaus sehr reale Vorbilder. Ich fürchte, dass ich mich mit dieser Figur wirklich nicht weit aus dem Fenster gelehnt habe. Frauen wurden früher so schnell in Anstalten gesteckt, dass es aus heutiger Sicht einfach nur empörend und erschreckend ist. Hysterie war eine, wie wir heute wissen, erfundene Krankheit, griff um sich wie eine Seuche – jedes falsche Wort konnte einer Frau zum Verhängnis werden. Jemand wie Claire wäre ganz sicher große Gefahr gelaufen, von ihrem Ehemann oder Vater der Hysterie bezichtigt zu werden, und hätte dafür wahrscheinlich sogar weit weniger aufsässig und schwierig sein müssen, als ich sie zeige.

Das Tor zur Welt: Träume

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Jeden Tag arbeitet die junge Ava bis zur Erschöpfung auf dem Moorhof im Alten Land. Jede Nacht träumt sie vom Meer. Die Erinnerung an ihre Familie ist von Jahr zu Jahr mehr verblasst, kaum weiß sie noch den Namen ihrer Mutter. Irgendwann will Ava sie in Amerika wiederfinden. 

Claire Conrad ist reich. Sie ist schön. Und in ihrem willensstarken Kopf stehen die Zeichen auf Rebellion. Sie will reisen, die Welt sehen, aus den strengen Regeln der Gesellschaft ausbrechen, sie träumt davon, dass ihr Leben endlich anfängt! Wenn wenigstens der Reedersohn Magnus Godebrink um ihre Hand anhalten würde …

Hamburg ist in Aufruhr. Die Cholera hat ihre Spuren in der Stadt hinterlassen. Zahllose Reisende passieren die Hafenmetropole auf ihrem Weg in die Neue Welt, getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben. In der Auswandererstadt begegnen sich Ava und Claire – zwei Frauen, verschieden wie Ebbe und Flut.

Doch das Schicksal schweißt sie untrennbar zusammen.


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Sie scheinen ein Faible für Fortsetzungsromane, für Zwei- und Dreiteiler zu haben; auch die neue hanseatische Saga «Das Tor zur Welt» erscheint in zwei opulenten Teilen. Unter tausend Seiten scheint ein Miriam-Georg-Romanplot nicht zu haben zu sein, oder?
Genau, unter tausend geht nichts! :) Tatsächlich sind meine Bücher, wenn sie erscheinen, immer schon radikal von meiner Lektorin gekürzt worden. Ich neige zum Ausschweifen und habe das inzwischen akzeptiert. Für mich brauchen Charaktere, mit denen man wirklich mitleidet, einfach Zeit zur Entwicklung. Und wenn es zusätzlich um ein so breit angelegtes Porträt der Gesellschaft geht und man so viele verschiedene Facetten zeigen will, benötigt das einfach einen gewissen Umfang, sonst sind die Figuren nicht echt genug, und alles wirkt wie eine Folie. Ich selbst lese leidenschaftlich gerne dicke Bücher, in die man sich so richtig hineinfallen lassen kann, und obwohl ich auch lieber kürzer schreiben würde (weil weniger Arbeit), schaffe ich es einfach nicht. Außerdem – wer liebt nicht einen guten Cliffhanger? Wenn es keinen zweiten Teil gäbe, könnte man ja nicht ungeduldig auf die Auflösung warten, das wäre doch schade.

Wie kommt es, dass Sie als Hessin aus Amöneburg sich in den vergangenen Jahren literarisch auf das historische Hamburg kapriziert haben? Wäre es da nicht vorteilhaft, direkt in Hamburg zu leben – und nicht im multikulti-bunten Berlin-Neukölln?
Tatsächlich nicht wirklich, aus dem alten Hamburg ist ohnehin kaum noch etwas vorhanden, und alles, was ich an Quellen und Inspiration brauche, finde ich dankenswerterweise online und in Büchern. Wenn wir immer über den Ort schreiben würden, an dem wir leben, wäre ich wahrscheinlich wirklich schon längst hier weggezogen, denn Berlin-Neukölln ist zwar bunt und spannend, aber nicht sehr geeignet für historische Romane. Dafür inspiriert es mich aber sehr, hier zu leben, und trägt dazu seinen Teil zu meiner Arbeit bei.

 Ich habe aber eine ziemlich gute Routine für mich gefunden, und die heißt Ausgleich.

Ihre Produktivität ist verblüffend. Wie schaffen Sie es, drei Romane im Jahr zu schreiben – was bleibt da vom Leben außer Korrespondieren, Recherchieren und Schreiben?
Ich frage es mich auch manchmal … Es gibt Phasen, in denen nicht viel bleibt. Aber ich schreibe generell sehr schnell, und ich verwerfe auch nicht viel, meistens bleibt es bei der ersten Version, die ich in die Tasten haue (und dann natürlich noch zigmal überarbeite und schleife). Ich habe aber eine ziemlich gute Routine für mich gefunden, und die heißt Ausgleich. Wenn ich viel unternehme, bin ich auch sehr inspiriert, deswegen achte ich sehr auf die berühmt-berüchtigte Work-Life-Balance. An Tagen, an denen ich zehn Stunden vor dem Laptop sitze, produziere ich nämlich meist weniger und auch schlechtere Seiten als an Tagen, an denen ich nur fünf Stunden arbeite und vorher oder nachher etwas Schönes unternehme. Wenn ich inspiriert bin, braucht es oft gar nicht so lange, mein Tageslimit an Wörtern zu erreichen. Unterwegs kommen mir die besten Ideen, und wenn ich erst eine Idee habe, geht es eigentlich immer ruck, zuck.

Auf Instagram finden sich nicht nur Bilder von Büchern, die Sie lesen (Sylvia Plath, Roland Barthes, Jonathan Franzen, Bill Bryson, Rachel Cusk etc.), sondern auch hinreißende Fotos eines Hundes (das dürfte Rosali sein). Was macht diese kleine gehörlose Hündin so besonders?
Genau, das ist Rosali, wie sie leibt und lebt. Sie ist wirklich kein typischer Hund, sie mag Menschen nicht besonders gerne (außer mich natürlich ;)), und sie ist stur wie ein Esel. Ich liebe es, dass sie ihren eigenen Kopf hat und ihre eigenen Regeln aufstellt. Wenn man sie zwingen will, etwas gegen ihren Willen zu tun, hat sie ein ganz eigenes empörtes Grunzen, das sie einem an den Kopf wirft – und einen extrem strafenden Blick, der einem ein sehr schlechtes Gewissen machen kann. Sie ist überzeugte Veganerin, sie liebt es, heiß zu baden. Und ihr größtes Hobby ist: Schlafen.

«Schreiben ist derzeit mein einziger Job» (Betonung auf: «derzeit»). Dieser Satz steht in einem Porträt über Sie. Wenn Sie sich fünf, zehn oder fünfzehn Jahre in die Zukunft fantasieren oder träumen: Wo und wie leben Sie da, welche neuen Projekte könnten Sie begeistern? Wäre das zum Beispiel eine Option: Autorin und Filmemacherin in Rom, die in ihrer (karg bemessenen) Freizeit hinreißenden Schmuck entwirft?
Tatsächlich träume ich meist eher vom Faulenzen und Lesen und nicht so viel vom Arbeiten, aber das wäre schon eine ganz wunderbare Zukunftsvision – obwohl ich statt der Schmuckgestaltung lieber malen und einen riesigen Blumengarten entwerfen würde. Aber ein Häuschen in Italien und die Mitarbeit an einem Drehbuch sind in der Tat Träume von mir, und Rom ist meine Lieblingsstadt … Außerdem möchte ich natürlich noch sehr viele weitere spannende Romane schreiben und die Leser:innen mit meinen Cliffhangern ärgern.

Die Hamburger Auswandererstadt

Alle Bücher von Miriam Georg
Miriam Georg

Miriam Georg

MIRIAM GEORG, geboren 1987, ist die Autorin des Zweiteilers «Elbleuchten» und «Elbstürme». Beide Bände der hanseatischen Familiensaga wurden von Leserinnen und Lesern gefeiert, sie schafften auf Anhieb den Einstieg auf die Bestsellerliste und wurden zum Überraschungserfolg des Jahres. Die Autorin hat einen Studienabschluss in Europäischer Literatur sowie einen Master mit dem Schwerpunkt Native American Literature. Wenn sie nicht gerade reist, lebt sie mit ihrer gehörlosen kleinen Hündin Rosali und ihrer Büchersammlung in Berlin-Neukölln.