Im Gespräch

Nur zwei Geschlechter? Von wegen!

«Es gibt kaum ein Buch, das so dringlich ist wie dieses hier!» (Linus Giese)

Lydia Meyer sitzt draußen vor grünen Pflanzen und schaut direkt in die Kamera
© PNiedermayer

Unsere Sprache, unsere Medien, unser Alltag sind von der Annahme geprägt, es gebe nur zwei Geschlechter, die einander binär gegenüberstehen. Werbung, Spielzeug, Kleidung und Geschichten, Er- und Beziehungsmodelle, sogar Algorithmen und die Wissenschaften – unsere gesamte Kultur ist davon durchzogen. Aber das Zweigeschlechtersystem ist nicht nur unvollständig, es schließt auch aus. Für viele Menschen passt es nicht – es fühlt sich falsch an. Mit steigender Sichtbarkeit werden auch trans- und queerfeindliche Stimmen lauter und versuchen mit aller Kraft, die binäre Geschlechterordnung zu verteidigen. Dabei steckt in der Überwindung des starren binären Systems emanzipatorisches Potenzial für alle Menschen. Ein Buch für alle, die es wagen wollen, alte Normen und Zwänge hinter sich zu lassen.

DAS INTERVIEW

«Ich schreibe dieses Buch aus der Perspektive einer nicht-binären, weißen Person mit deutscher Staatsbürgerschaft, die im Westdeutschland der 1990er- und 2000er-Jahre aufgewachsen ist, einen geisteswissenschaftlichen Hintergrund hat und in Berlin lebt. Ich werde meist weiblich gelesen.» Diese Selbstbeschreibung haben Sie Ihrem Buch vorangestellt. Mit welcher Absicht tun Sie dies?
Im Buch schreibe ich in verschiedenen Zusammenhängen über vermeintliche Neutralität und über Personen, die ihre politische Haltung durch die Behauptung, unpolitisch, neutral oder objektiv zu sein, zu verschleiern versuchen. Als neutral gilt in Deutschland meist die weiße cisgeschlechtliche Perspektive, während andere Positionen als Aktivismus oder gar Ideologie abgetan werden. Dabei ist das, was uns als neutrale Perspektive verkauft wird, meist gar nicht neutral, sondern entspricht lediglich einer weißen cis hetero Norm und wird daher von ebendieser Norm selbst auch als weniger bedrohlich oder politisch wahrgenommen als Perspektiven, die dieser Norm – auf einer oder mehreren Ebenen – nicht entsprechen.
Keine Person, die über gesellschaftliche und politische Zustände und Veränderungen schreibt, ist neutral, und daher ist es nicht unerheblich, aus welcher Perspektive eine Person schreibt oder spricht. Außerdem war mir wichtig zu betonen, dass ich bestimmte Diskriminierungserfahrungen, die ich in diesem Buch thematisiere, selbst nicht mache. Dass ich meist weiblich gelesen werde, ist für mich zwar oft anstrengend, aber auch ein Privileg. Als weiße nicht-binäre Person, die einen deutschen Pass hat und weiblich gelesen wird, gehe ich mit anderen Privilegien durchs Leben als eine trans Frau, die von Rassismus oder auf andere Art und Weise von Mehrfachdiskriminierung betroffen ist.

Die Zukunft ist nicht binär

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Wir sind von Geburt an von starrer Zweigeschlechtlichkeit umgeben: Mann oder Frau, er oder sie, Junge oder Mädchen. Was wären für Sie wichtige Zwischenschritte auf dem Weg in eine nicht-binäre Zukunft?
In einer nicht-binär strukturierten Gesellschaft würden wir Menschen nicht zwangsläufig in eine von zwei Kategorien einordnen, sondern es gäbe mehr Optionen. Wir würden Geschlecht als Spektrum verstehen statt als Kommode mit zwei Schubladen, die starr und unbeweglich sind. Das heißt nicht, dass niemand mehr Mann oder Frau sein darf, sondern es wäre einfach offener und flexibler. Für viele Menschen würde sich durch eine Öffnung des binären Systems gar nicht so viel ändern, und trotzdem müssten wir auf dem Weg dorthin viele sehr grundsätzliche Dinge anpassen. Dazu gehört neben dem grundsätzlichen Infragestellen der vermeintlich natürlichen binären Geschlechterordnung vor allem eine vernünftige rechtliche und medizinische Versorgung von trans und nicht-binären Personen sowie ein konsequentes Selbstbestimmungsgesetz, eine bessere Aufklärung über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Schule und Ausbildung, die über den Biologie-Unterricht hinausgeht, sowie eine sachliche und faktenbasierte Auseinandersetzung mit dem Thema in den Medien, in der Vorurteile und Desinformationen über queere Menschen nicht befeuert, sondern abgebaut werden. Ein Verbot sexistischer Werbung und ein allgemeiner Abbau von Geschlechterrollen, Klischees und Gender-Marketing wäre für mich ebenfalls ein Teil davon.
Auf dem Weg in eine nicht-binäre Zukunft müssten wir unsere Sprache – und damit auch unser Denken – entbinarisieren, und dafür müssen wir in einem allerersten Schritt anerkennen, dass Sprache und Denken überhaupt binär strukturiert sind. Das fällt vielen Menschen schwer, weil sie die binäre Geschlechterordnung für naturgegeben und alternativlos halten und wir im Patriarchat nicht gerade häufig dazu ermutigt werden, diese Ordnung infrage zu stellen. Doch die binäre Geschlechterordnung ist nicht die einzige Möglichkeit, Geschlecht zu organisieren. In einigen Gesellschaften haben Mehrgeschlechterordnungen eine lange Geschichte.

Mühsam ist unsere Sprache in erster Linie für diejenigen, die in ihr nicht berücksichtigt werden

Konsequentes nicht-binäres Sprechen ist herausfordernd. Generische Maskulina zu vermeiden ist leichter, als sich auf neutrale Pronomina/Neopronomina einzulassen. Oft hört man, es sei extrem kompliziert herauszufinden, ob bestimmte Personen mit sier, dey, ens, sie*er, xier, hen, nin oder ganz ohne Pronomen angesprochen werden möchten. Herausfordernd und mühsam – stimmt das überhaupt?
Mühsam ist unsere Sprache in erster Linie für diejenigen, die in ihr nicht berücksichtigt werden. Die Klagen darüber, wie anstrengend oder kompliziert genderneutrales Sprechen ist, kommen aber meist von Menschen, die sich darüber selbst vorher noch nie Gedanken machen mussten, weil sie in dieser Sprache eben ganz selbstverständlich repräsentiert sind. Nicht-binäre Menschen stoßen ständig an die Grenzen der binären deutschen Sprache, müssen sich ständig outen und andere bitten, sich mit ihnen gemeinsam sprachlich zu verbiegen – und sie dann auch noch häufig korrigieren, was oft als Angriff oder Pedanterie wahrgenommen wird. Das ist mühsam, aber das liegt nicht an Neopronomen, sondern am Status quo und einer Sprache, in der die Norm nach wie vor cismännlich ist, die uns ständig abverlangt, uns zweigeschlechtlich zu verorten, und die nicht viel Raum für Zwischentöne und Graustufen lässt.
Solange es keine offizielle Lösung gibt, die nicht-binäre Menschen inkludiert, sind Neopronomen ein Weg, das binäre Denken und Sprechen aufzubrechen. Sie zeigen eine Lücke auf, die sonst schlicht unsichtbar bleiben würde. Neopronomina und der Verzicht auf Pronomen sind ein Teil des Prozesses, unsere Sprache, unser Verständnis von Geschlecht und dazugehörige Strukturen der Realität anzupassen – und in der gibt es eben mehr als nur zwei Geschlechter.

Die Pathologisierung trans und nicht-binärer Menschen ist nicht auf rechte Freaks und Leute aus dem Umfeld des christlichen Fundamentalismus beschränkt. In Ihrem Buch setzen Sie sich vehement mit den Positionen «rechtsliberaler» Kolumnist*innen und transexkludierender Feminist*innen (TERFs) auseinander. Welche Gefahr geht von diesen Gegner*innen eines nicht-binären Lebensentwurfs aus?
Diese Personen sprechen sich nicht gegen Lebensentwürfe aus, sondern gegen reale Menschen, deren Rechte und Existenz. Eine Geschlechtsidentität ist was anderes als «Ich zieh jetzt in ein Tiny House». Das ist kein Lebensentwurf, sondern eine fundamentale Säule der Identität – und das ist ein großer Unterschied.
Die Gefahren, die von derartigen Positionen ausgehen, sind für queere Menschen sehr real. Trans- und queerfeindliche Hasskriminalität stieg in den letzten Jahren weltweit stark an, und auch in Deutschland – ja, auch in Berlin – wurden in den letzten Jahren mehr queerfeindliche Straftaten gemeldet. Der Mord an Malte C. auf dem CSD in Münster, die transfeindliche Attacke auf eine trans Frau in einer Bremer Straßenbahn – all das passiert in einem gesellschaftlichen Klima, das einen Nährboden für trans- und queerfeindliche Gewalt bietet. Das haben aber immer noch viel zu wenig Menschen auf dem Schirm, weil sie Transfeindlichkeit als «Nicht mein Problem» abtun. Diese Egal-Haltung finde ich erschreckend.
Beängstigend an diesen Positionen ist aber nicht nur deren Inhalt, sondern auch die Tatsache, dass sie von vielen Medienhäusern als legitime Meinungsäußerung oder Teil einer vermeintlichen Debatte verkauft – und so normalisiert – werden, obwohl es sich dabei oft um menschenverachtende Ressentiments handelt. Menschen, die derartige Positionen vertreten, geben sich häufig als liberal und libertär – oder gern auch als vermeintliche Kinder- und Frauenschützer*innen –, vertreten aber transfeindliche, biologistische, antiemanzipatorische und reaktionäre Positionen, die häufig von Desinformationen durchzogen und mit antisemitischen, rassistischen und misogynen Narrativen verknüpft sind. Das sollte viel breiter thematisiert werden.

Es braucht mehr Menschen – vor allem in Medienhäusern –, die dafür sensibel sind.

Gouverneur Ron DeSantis, eine der Trump-Alternativen der US-Republikaner, fordert, in Florida Unterricht über sexuelle Orientierung komplett zu verbieten. Wäre ein ähnliches konservatives Rollback in Deutschland vorstellbar?
Ich halte es auf jeden Fall für sehr wichtig, die trans- und queerfeindlichen Tendenzen, die unsere Gesellschaft durchziehen und die häufig ja gleichzeitig auch auf anderen Ebenen demokratie- und menschenfeindlich sind, genau im Auge zu behalten – gerade in Kombination mit Querdenker*innen, Reichsbürger*innen, anderen Verschwörungsideolog*innen und diesem schrägen Verständnis von Wissenschafts- oder Meinungsfreiheit. Darin zeichnet sich ja etwas ab, was trans, queere und auch von Rassismus betroffene Menschen schon lange als bedrohlich empfinden, was aber nur selten klar benannt wird.
Nicht von trans Personen geht eine Gefahr aus, sondern von autoritären Denker*innen, die Geschlecht als Schublade und Sexualität als Einbahnstraße verstehen und die alles, was von ihrer Norm abweicht, als Gefahr für andere konstruieren, pathologisieren, verdrängen oder sogar ausrotten wollen. Es braucht mehr Menschen – vor allem in Medienhäusern –, die dafür sensibel sind. Warum beteiligen sich einige große Medienhäuser lieber an den Erzählungen von einer vermeintlichen Translobby, statt sich mit real existierenden Gefahren auseinanderzusetzen, die beispielsweise von der Anti-Gender-Bewegung, TERFs, Incels und christlichen Fundamentalist*innen ausgehen?

Lydia Meyer
© PNiedermayer

Über Lydia Meyer

Lydia Meyer setzt sich als Autor*in, Redakteur*in und Konzepter*in in unterschiedlichen Formaten und Medien mit Sex, Gender, gesellschaftlichen Normen und deren Verwobensein auseinander. Vorher studierte Lydia Meyer Kulturwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Leipzig und Berlin, arbeitete u.a. für Zeit Online und die Kooperative Berlin und entwickelte dort die YouTube-Serie «Auf Klo» sowie das queerfeministische Format «Softie» in Kooperation mit dem Missy Magazine für funk. 2020 erschien «Sex und so. Ein Aufklärungsbuch für alle» im Ullstein Verlag.