Iryna Fingerova im Interview zu ihrem Roman «Zugwind»
Iryna Fingerova über den Verlust von Identität und Heimat, über Krieg, Frustration und Ohnmacht - aber vor allem über die Hoffnung
Der Roman ist stark durch die Begegnungen der Erzählerin Mira, einer Hausärztin, mit ihren Patient:innen strukturiert – vom Mann mit dem Wecker gegen Selbstverletzung bis zum Methadon-Patienten, der Brötchen verkauft. Haben Sie diese Fälle aus Ihrer medizinischen Praxis "gesammelt" und fiktionalisiert, oder dienen diese Figuren eher als allegorische Träger verschiedener Traumasymptome?
Der Roman war ursprünglich als Non-Fiction-Projekt gedacht und basiert auf meiner Arbeit als Ärztin in Deutschland über mehr als fünf Jahre, davon rund drei Jahre in der hausärztlichen Versorgung. Gleichzeitig sind diese Geschichten zwangsläufig fiktionalisiert, weil Ärzt:innen der Schweigepflicht und strengen Datenschutzgesetzen unterliegen. Ich habe die Fälle also festgehalten, aber verändert: Wenn im Buch ein Mann vorkommt, konnte es im echten Leben eine Frau gewesen sein; ich habe Alter, Geschlecht, Haarfarbe oder Herkunftsland angepasst. Im Kern erzählen diese Geschichten jedoch reale Erfahrungen. Vollständig erfundene Figuren gibt es nur sehr wenige.
Mitten im realistisch geschilderten Alltag von Mira, der durch die Arbeit in der Praxis, Mutterschaft und dem Krieg in ihrem Heimatland geprägt ist, taucht plötzlich die „YouBank“ auf, bei der Mira „Kraft auf Kredit“ aufnehmen kann. Warum plötzlicher dieser Ausbruch in den magischen Realismus?
Der plötzliche Ausbruch in den magischen Realismus hat einen einfachen Grund: Ich liebe ihn =) Durch Cortázar und Borges – und natürlich durch García Márquez – habe ich schon mit elf oder zwölf Jahren begriffen, dass ich schreiben will. Für mich ist magischer Realismus keine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern eine sehr präzise Art, sie zu beschreiben. Unser Leben ist voller Absurditäten, Zufälle und Chaos. Das Einzige, was wir tun können, ist, dem mit Humor und Poesie zu begegnen – genau das versuche ich in diesem Buch.
Mira rettet eine Vase mit Hochzeitswünschen aus Odesa, deren Inhalt sie und ihr Mann eigentlich erst nach zehn Jahren lesen wollten. Inwiefern kann uns die Vergangenheit dabei helfen, die Gegenwart zu bewältigen?
Miras Blick auf die Welt ist stark von magischem Denken geprägt, von Symbolik und einer gewissen Form von Fatalismus. Anders könnte sie keine Dichterin sein. Die Vergangenheit hilft uns, die Gegenwart auszuhalten, weil wir nicht außerhalb unserer Geschichte existieren. Unsere Identität entsteht aus Erfahrungen, aus Momenten, in denen wir uns selbst begegnet sind. Migration – oder das Herausgerissenwerden aus einer vertrauten Umgebung – bedeutet oft einen Verlust dieser Identität. Die Vergangenheit erinnert uns daran, wer wir sind. Besonders Gegenstände aus früheren Lebensphasen, Dinge, die man anfassen kann, oder Reisen an Orte der Kindheit, holen Erinnerungen zurück, schaffen neue innere Verbindungen. Man leidet dann nicht nur darunter, dass man im Jetzt nicht so gesehen wird, wie man es sich wünscht – etwa wegen sprachlicher Barrieren –, sondern erinnert sich auch daran, wer man einmal war. Und das gibt Hoffnung.
Es gibt eine schmerzhafte Szene im Zug, in der eine Schaffnerin Mira herablassend und rassistisch behandelt und sie daraufhin auf der Toilette weint, weil sie sich ihrer Kompetenz beraubt fühlt. Was bedeutet es, in einer anderen Sprache als der Muttersprache zu leben, zu arbeiten, zu schreiben?
In einer anderen Sprache zu leben, zu arbeiten und zu schreiben, ist extrem anstrengend. Für mich war die Emigration zunächst eine Art sozialer Tod. Ich musste mich selbst reanimieren und das Leben neu lernen – ich war am Anfang an wie ein Kind, das wieder laufen und sprechen lernt. Durch die Sprachbarriere konnte ich oft nicht einschätzen, ob jemand interessant ist, ob ein Witz originell oder längst abgenutzt. Wenn Kolleg:innen über ihre Enkel oder Kuchenrezepte scherzten, habe ich mitgelacht, ohne überhaupt zu verstehen, worum es ging. Dieser soziale Druck war enorm – so stark habe ich ihn zuletzt in der Schulzeit erlebt. Ich musste all das neu lernen, was ich eigentlich schon konnte, aber es half mir zunächst nicht, weil Mentalität und Codes andere waren. Man muss lernen, milde mit sich zu sein, sich Fehler zu erlauben und auch zu akzeptieren, dass man komisch sein darf – selbst als Ärztin mit ernstem Gesichtsausdruck, die dann Blut abnimmt und sagt: „Jetzt sind Sie tupfer!“. Statt tapfer =)
Zugwind
Iryna Fingerova erzählt so bewegend wie authentisch vom Leben einer jungen ukrainischen Hausärztin in Deutschland, während in ihrem Heimatland Krieg herrscht. Von ihrer Trauer, ihren Schuldgefühlen, ihrer Wut und Resignation, bis hin zu dem Versuch, das eigene Leben weiterzuleben ...
Zugwind
Iryna Fingerova erzählt so bewegend wie authentisch vom Leben einer jungen ukrainischen Hausärztin in Deutschland, während in ihrem Heimatland Krieg herrscht. Von ihrer Trauer, ihren Schuldgefühlen, ihrer Wut und Resignation, bis hin zu dem Versuch, das eigene Leben weiterzuleben ...
Der „Klub“ der Eingeweihten: Mira beschreibt, dass Patient:innen ein feines Gespür dafür haben, ob ein Arzt „dazugehört“ oder nicht, und dass sie anfangs nicht zum „Klub“ gehörte. Wie viel von Ihren eigenen Erfahrungen als Ärztin in Deutschland steckt in dieser Beobachtung der subtilen Ausgrenzung?
Patient:innen haben ein sehr feines Gespür dafür, ob jemand „dazugehört“. Das hat viel mit Vertrauen und leider auch mit Vorurteilen zu tun. Menschen kommen zum Arzt, weil sie kompetente Hilfe erwarten. Wenn man vor ihnen steht und Wörter oder Endungen verwechselt, kann das verunsichern. Besonders in Sachsen, wo ich lebe und wo viele Menschen wenig Kontakt mit Migrant:innen haben, ist das eine zusätzliche Hürde. Ich muss oft besonders freundlich sein, um überhaupt eine Beziehung aufzubauen. Ich investiere viel Energie, um Vertrauen herzustellen – denn nur dann gibt es echte Zusammenarbeit. Das ist eine Mehrarbeit, die viele deutsche Kolleg:innen so nicht leisten müssen. Sie müssen nicht immer wieder beweisen, dass sie zu Recht hier sind.
Der Roman greift den 7. Oktober 2024 sehr direkt auf und beschreibt die Zerrissenheit zwischen dem Krieg in der Ukraine und der Bedrohung in Israel. War es schwierig, diese beiden Konflikte in einem Roman zu verweben, ohne dass der eine den anderen überschattet?
Es war nicht einfach, die beiden Konflikte – den Krieg in der Ukraine und die Bedrohung in Israel – in einem Roman zusammenzubringen. Zeitweise hatte ich Angst, Leser:innen könnten denken, ich hätte einfach eine Liste „relevanter Themen“ abgearbeitet. Aber ich habe schlicht über mein Leben geschrieben. Ich konnte nicht anders. 2022 habe ich kaum noch Bücher gelesen, ich habe fast nur Nachrichten konsumiert. Nach dem 7. Oktober fiel ich erneut in diesen Zustand. Erst später konnte ich den Fokus wieder stärker auf mein Leben im Hier und Jetzt richten – und das vor allem, weil ich Frustration, Wut und Ohnmacht in diesen Roman verwandeln konnte.
Mira hat Angst, dass sie Odesa, ihre Heimatstadt nicht mehr erkennt, weil Straßen umbenannt werden. Wie gehen Sie damit um, dass die Schauplätze Ihrer Erinnerung (und Ihres Romans) durch den Krieg real überschrieben werden?
Miras Angst, ihre Heimatstadt nicht mehr zu erkennen, weil Straßen umbenannt werden, ist für mich ein starkes Bild für Veränderung. Das Leben ist dynamisch, Transformation ist unvermeidlich – und sie macht Angst. Unser Körper verändert sich, unser Bewusstsein verändert sich. Und doch verschwindet nichts spurlos. In jedem Moment sind wir zugleich die Person, die wir mit fünf waren, die wir mit fünfzehn waren und die wir einmal mit fünfundfünfzig sein werden. Ich tue mich schwer damit, dass die Realität durch den Krieg überschrieben wird. Aber selbst ohne Krieg würde sie durch die Zeit überschrieben. Wer emigriert, übernimmt auch die Verantwortung dafür, dass das Leben dort ohne einen weitergeht. Und man muss lernen, sich selbst ein Zuhause zu sein.
Das Buch endet mit einem Gedicht über das „Haus“, das man in sich trägt, und verweist auf Kintsugi, die Kunst, Zerbrochenes zu vergolden. Würden Sie sagen, dass Zugwind letztlich ein Buch über Resilienz ist, oder ist es eher ein Dokument des Zerbrechens?
Am Ende würde ich klar sagen: Zugwind ist ein Buch über Resilienz. Über Hoffnung. Und darüber, dass Glück eine innere Arbeit ist und stark davon abhängt, worauf wir unseren Fokus richten. Wir können vieles im Leben nicht kontrollieren, aber wir können beeinflussen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken. Auch mir fällt das oft schwer – ich verliere mich in pessimistischen Gedanken, besonders wenn ich müde bin. Aber ich lerne, den Fokus bewusst zu verschieben. Und das hilft. Ich hoffe, dass es auch den Leser:innen hilft :)