Im Gespräch

Und das ist erst der Anfang …

Im Interview: Wolf Harlander über seinen packenden Ökothriller «42 Grad»

Banner zu Wolf Harlanders «42 Grad»

Sommer, Sonne und kein Ende: Deutschland genießt die monatelange Hitzewelle. Niemand nimmt die Warnungen des Hydrologen Julius Denner und der IT-Spezialistin Elsa Forsberg vor den dramatischen Folgen des Jahrhundertsommers ernst. Bis die ersten Seen und Flüsse austrocknen, Waldbrände außer Kontrolle geraten, Kraftwerke vom Netz gehen müssen und Polizei und Militär zur Bekämpfung von Wasserrevolten ausrücken. Überall in Europa machen sich Wasserflüchtlinge auf die Suche nach der wichtigsten Ressource der Welt. Während um sie herum die Zivilisation zusammenzubrechen droht, versuchen Julius und Elsa verzweifelt, die Katastrophe aufzuhalten – und geraten ins Fadenkreuz skrupelloser Mächte, die ihre ganz eigenen Interessen verfolgen …

Seit Monaten kein Niederschlag, ausgetrocknete Flüsse, vergiftetes Wasser, strikte Rationierung von Trinkwasser, Kollaps der Landwirtschaft, infernalische Waldbrände, Wasserrevolten, Polizei- und Militäreinsätze, Tausende Tote – «42 Grad» entwirft ein wahrhaft apokalyptisches Szenario. Gab es einen konkreten Anstoß für Sie, diese Thematik in den Fokus zu stellen?
Wir alle haben beim Hitzesommer der letzten beiden Jahre diese Berichte im Fernsehen gesehen von ausgetrockneten Flüssen, verdörrten Feldern und brennenden Wäldern – und das mitten bei uns in Deutschland. Und wir erlebten Rekordtemperaturen von 42 Grad.
Die sogenannten Jahrhundertsommer bescheren vielen Deutschen eine völlig neue Erfahrung: Neben Sahara-Feeling bringt uns die andauernde Hitze plötzlich Dürre und Wassermangel. Es waren verstörende Fernsehbilder bei uns, wie man sie sonst nur aus Afrika kennt. Da drängte sich mir automatisch die Frage auf: Was passiert eigentlich, wenn sich die Schraube nur ein wenig weiterdreht, wenn plötzlich das Wasser ganz wegbleibt?

Als Sie «42 Grad» geschrieben haben, war Corona noch kein Thema gewesen. Nach ein paar Monaten Erfahrung mit der Pandemie kommt Ihrem Buch eine furchterregende Aktualität zu. Glauben Sie, dass der Roman – mit den Corona-Ängsten im Hintergrund – heute anders gelesen wird als, sagen wir, vor ein, zwei Jahren?
Bei einer Wasserkrise mag man vielleicht denken: Das kann uns nicht passieren. Aber dasselbe haben wir noch vor ein paar Monaten vor der Corona-Krise auch gedacht. Und nun ist mit einem Schlag unser gewohntes Leben vorbei, und wir haben über hunderttausend Tote in Europa. Dabei ist Corona nur ein winziger Vorgeschmack auf die Wasserkrise. Und dieser Krise können wir nicht entkommen, indem wir zu Hause bleiben, Schutzmasken tragen oder Abstand halten. Denn Wasser brauchen wir jeden Tag. Ohne Wasser können wir nicht überleben. Das ist für uns so elementar wie Atmen. Wir sterben nicht, weil wir keine Nudeln oder kein Klopapier mehr haben. Aber wir sterben innerhalb weniger Tage, wenn wir kein Wasser zum Trinken haben. Gegen Durst gibt es keine Impfung.

Wenn Menschen am Verdursten sind, gehen gesellschaftliche Bindungen in die Brüche, der dünne Firnis zivilisierten sozialen Miteinanders zerreißt. Wasser ist unsere kostbarste Ressource: lebenswichtig, durch nichts zu ersetzen. Könnte es in Zukunft neben all den Armutsflüchtlingen auch Armeen von Wasserflüchtlingen geben?
Wasserflüchtlinge sind in anderen Teilen der Welt längst Realität, etwa in Afrika. Dort müssen Zehntausende ihr Dorf, ihre Heimat verlassen, weil das lebensnotwendige Wasser fehlt – zum Trinken, für die Landwirtschaft. Oder weil ausgetrocknete Seen den Fischern vor Ort die Lebensgrundlage rauben. Bei uns in Deutschland und Europa wäre es im Ernstfall nicht anders: Was tun wir, wenn wir an einem Ort nicht mehr überleben können? Wir hauen ab. Wir fliehen. Wir fliehen dahin, wo die Lage für uns erträglicher ist. So werden wir alle schnell zu Wasserflüchtlingen.

In «42 Grad» ist es mehr als ein Extremwetterereignis, was das Leben in Deutschland in die Knie zwingt. Wir sehen, wie Wasser, «das neue Gold», als brutal effektive Waffe eingesetzt wird, ob von Ökoterroristen oder einer Weltmacht. Wie real ist diese Gefahr einer politischen Instrumentalisierung des Klimawandels?
Schon heute sieht die UNESCO Wasserkrisen als größtes globales Risiko für die Menschen. Der Weltwasserbericht der Vereinten Nationen prognostiziert, der globale Bedarf an Wasser werde um mehr als die Hälfte bis zum Jahr 2050 ansteigen. Über zwei Milliarden Menschen leben in Regionen mit Wassermangel. Und kriegerische Auseinandersetzungen um Wasser sind häufiger, als man denkt: In den vergangenen 50 Jahren gab es laut Experten weltweit über 600 Konflikte um die wichtigste Ressource unserer Erde.

Sie müssen ungeheure Mengen gelesen haben, um die komplexen Zusammenhänge der Wasserwirtschaft – technisch, administrativ, ökologisch – zu verstehen und literarisch zu verarbeiten. War Ihnen von Anfang an klar, dass Sie einen Roman schreiben wollen – und nicht ein klassisches Sachbuch?
Es gibt bereits eine Reihe von guten Sachbüchern zu dem Thema. Deshalb wollte ich das Thema herausholen aus der akademischen Fachwelt und auf eine Art schreiben, die unterhaltend und zugleich spannend ist. Und wo die Leser und Leserinnen nebenbei etwas Neues erfahren.
Die Konzerne Veolia, E.ON und Siemens, Nestlé mit seiner zynischen Wasserpolitik («Bottled Life»), der Anschlag auf die Bleilochtalsperre in Thüringen, der Stuxnet-Virus (gegen die iranische Atomindustrie), die russische Söldner-Gruppe Wagner – all das kommt in Ihrem Buch vor. Weshalb haben Sie sich gegen eine Fiktionalisierung dieser Realia entschieden? Die Fakten im Buch sollten so real wie möglich sein. Dazu gehört für mich, Institutionen und Unternehmen zu benennen, die mit dem Thema Wasser zu tun haben. Auf der anderen Seite betrifft das natürlich auch Einrichtungen und Organisationen, die Krisen verwalten – oder auslösen.

Elsa Forsberg, Datenanalystin der Europäischen Umweltagentur in Kopenhagen, scheint mir die komplexeste Figur des Romans. Ungebunden, mutig, radikal – und mit einer prekären Vergangenheit: Über ihren Ex-Freund Raphael war sie einst in heftige Aktivitäten der ökomilitanten Blue Wave-Gruppierung verwickelt. Werden wir die Ökoaktivistin Elsa in Ihrem nächsten Roman wiedersehen?
Für das nächste Buch treten neue Akteure auf: Mein nächster Thriller dreht sich um Umweltzerstörung durch Tourismus. Immer mehr Menschen wollen verreisen, fahren in den Urlaub. Das hat Konsequenzen. Und nicht immer positive.

Würden Sie mir zustimmen, wenn ich sage: «42 Grad» ist die perfekte Urlaubslektüre in Corona-Zeiten – trotz oder wegen der bedrohlichen Thematik?
Mit nichts kann man sich besser erholen und die Zeit genießen, als mit einem Thriller, der spannend ist, der einen packt und unterhält – da darf das Thema ruhig ein wenig beunruhigend und bedrohlich sein.

42 Grad

Deutschland freut sich über den neuen Jahrtausendsommer. Dauersonnenschein sorgt für volle Freibäder. Einzig Hydrologe Julius Denner und IT-Spezialistin Elsa Forsberg warnen davor, dass die Hitze sich kurzfristig verschärfen wird. Niemand nimmt sie ernst, bis die ersten Flüsse austrocknen, Waldbrände außer Kontrolle geraten und Atomkraftwerke vom Netz gehen müssen. In Berlin und Brüssel folgt Krisengipfel auf Krisengipfel. Überall in Europa machen sich Wasserflüchtlinge auf die Suche nach der wichtigsten Ressource der Welt. Während um sie herum die Zivilisation zusammenzubrechen droht, versuchen Julius und Elsa verzweifelt, die Katastrophe aufzuhalten – und geraten damit ins Fadenkreuz von Mächten, die ihre ganz eigenen Interessen verfolgen …

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