Im Gespräch

«Es braucht Souveränität zum Erzählen»

Gisa Klönnes «Für diesen Sommer» ist eine Familiengeschichte mit Nachhall. Ein Vater. Eine Tochter. Ein Haus voller Erinnerungen.

Gisa Klönne sitzt in einem Café und guckt direkt in die Kamera.
© Irène Zandel

Bestsellerautorin Gisa Klönne verwebt in ihrem neuen Roman «Für diesen Sommer» Zeit- und Familiengeschichte zu einem Porträt zweier Generationen. Mit großer Wärme erzählt sie von Hoffnung und Scheitern, verpassten Chancen und dem schwierigen Weg zur Versöhnung.

DAS INTERVIEW

Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Franziska, die Protagonistin Ihres Romans, sich bei Ihnen vorstellte? Als Sie zum ersten Mal ihre Stimme hörten und wussten, welchen Weg sie gehen würde?
Nein – erstaunlicherweise nicht. Ich weiß aber, dass sie und ihre Geschichte bereits 2017 in mir rumorten. Ich wusste damals nur, dass ich von Abschied und Neuanfang erzählen wollte und vom Sterben: emotional, aber ohne falsches Pathos. Ich brauchte also eine besondere Heldin, sensibel und zugleich radikal. Übrigens spukte mir in diesem frühen Stadium schon der Name durch den Kopf, weil die Freiheit so schön darin mitschwingt: Franziska, «die Freie».

«Das Leben schmeißt sich einem ins Gesicht, und man muss es bearbeiten»: So beschreibt die US-amerikanische Schriftstellerin Chris Kraus ihr Verständnis von eigenem Leben und literarischer Produktion. Wie viel eigenes Leben «bearbeiten» Sie in Ihren Büchern?
Viel! Allerdings nicht im Sinne einer gewollt biografischen oder chronistischen Be-, Auf- oder Verarbeitung. Ein Roman ist kein Tagebuch, sondern eine Geschichte für andere. Ich verstehe meine Aufgabe als Autorin so, dass ich diese Geschichte so wahrhaftig wie möglich erzähle. Das literarische Schreiben ist eine stetige Gratwanderung zwischen Fiktionalisierung und Authentizität. Dafür muss ich nicht nur meinen Stoff, sondern auch meine eigenen Gefühle und Erlebnisse «bearbeiten» und durchdringen. Es braucht Souveränität zum Erzählen, dazu gehört zwangsläufig auch eine gewisse Distanz, um nicht in einem Gewölk diffuser Emotionen zu versinken. Dennoch enthält natürlich jeder Roman auch die Essenz eigener Lebenserfahrung.

Jetzt stimmt die Balance zwischen Tiefe und Leichtigkeit.

Sie haben sehr lange an Ihrem neuen Roman gearbeitet, ein Marathon von fünf Jahren; dagegen waren Ihre Kriminalromane um die Kommissarin Judith Krieger vermutlich eher Sprints. Liegt das an der Schwere der Themen?
Für diesen Roman habe ich tatsächlich eine längere Pause vom Schreibbetrieb gebraucht. Genutzt habe ich diesen Freiraum u. a. für eine intensive Yoga-Ausbildung. Das war für mich aus persönlichen Gründen wichtig, aber – wie mir eigentlich erst später so richtig bewusst wurde – auch als Autorin. In dieser Zeit konnte ich jedenfalls meine Kraftreserven wieder auffüllen und neue Freude am Schreiben gewinnen. Zugleich war ich durch den Tod meiner Mutter und die zunehmende Sorge um meinen Vater in diesen vergangenen Jahren sehr beschäftigt. Aus alldem musste dieser Roman dann allmählich in mir reifen und wachsen.
Ich habe mich schrittweise der jetzigen Textform genähert. Habe mit Erzählarten, Perspektiven, Figuren und Tonalitäten gespielt. Habe immer wieder von Entwürfen Abstand genommen. Und noch einmal anders erzählt und von vorne begonnen, bis ich schließlich das Gefühl hatte: Jetzt stimmt die Balance zwischen Tiefe und Leichtigkeit. Und so handelt dieser Roman zwar von Abschied, Tod und verpassten Chancen, von Scheitern und Reue. Doch zugleich trägt er etwas Heiteres in sich, erzählt von Liebe, Versöhnung und Hoffnung. Und Sommer.

In ihrer Eigenständigkeit, ihrer inneren Freiheit ist Franziska so etwas wie das schwarze Schaf der Familie. Wie nah fühlen Sie sich Ihrer Protagonistin, wie viel Gisa steckt in Franziska?
Wie Franziska habe ich mein Elternhaus früh verlassen; meine Eltern haben lange gezweifelt, ob aus mir mit meinen ganzen Träumen wohl etwas «Vernünftiges» werden kann. Franziska ist mir also emotional nah. Ich kann ihre Einsamkeit sehr gut verstehen. Ihren Freiheitsdrang. Ihre Liebe zur Natur – und die Verzweiflung darüber, diese dennoch nicht vor Zerstörung bewahren zu können. Diese Sehnsucht, die Welt zu retten, die kenne ich selbst, auch das Gefühl des Scheiterns.

Sie haben Ihren Roman Ihrem Vater gewidmet …
Ja, und das aus gutem Grund. Einiges hätte ich ohne seine Erzählungen und die gemeinsamen Reisen zu den Schauplätzen seiner Jugend niemals erfinden können. Als wir zusammen in Polen waren, standen wir zum Beispiel irgendwann genau vor jener Bahnhofsbank in Züllichau, die im Roman zu «Heinrichs Bank» wurde. Auch dass die Evakuierungszüge damals zunächst in den Osten statt in den Westen gelenkt wurden, hat er mir in diesem Bahnhof erzählt. Und doch ist die Flucht- und Lebensgeschichte der Romanfigur Heinrich nicht die meines Vaters. Und, falls Sie sich das jetzt fragen sollten: Mein Vater malt, anders als Heinrich Roth, keine Ameisenbären, und Waldläufe mit ihm gab es auch nie, und ich habe auch keine Schwester …

In Ihren Romanen, auch in den Krimis, spielen die Themen Leben und Sterben, Tod und Vergänglichkeit eine zentrale Rolle. Weshalb?
Die Sinnfrage hat mich immer schon umgetrieben. Warum leben wir, wenn wir doch sterben müssen? Wie soll man das eigentlich aushalten? Schon klar: Leben und Sterblichkeit sind nun einmal die beiden Seiten einer Medaille. Die indischen Yogis nehmen das mit Gelassenheit hin. Aber ich bin kein indischer Yogi, ich stehe da wohl auch nach zwanzig Jahren Yogapraxis eher noch am Anfang. Vor allem, wenn es um mein eigenes Leben geht. Und – fast schlimmer noch – um das von denen, die ich liebe.

Für diesen Sommer

Ein Vater. Eine Tochter. Ein Haus voller Erinnerungen.

Bestsellerautorin Gisa Klönne verwebt in ihrem neuen Roman Zeit- und Familiengeschichte zu einem Porträt zweier Generationen. Mit großer Wärme erzählt sie von Hoffnung und Scheitern, verpassten Chancen und dem schwierigen Weg zur Versöhnung.

Einst schien das Glück der Familie Roth so selbstverständlich wie der Flug der Leuchtkäfer in den Sommernächten im Garten. Jetzt ist Vater Heinrich alt und allein. Ausgerechnet Franziska, die Tochter, mit der er sich überworfen hat, soll für ihn sorgen. Ihr Lebenstraum ist gescheitert – genau wie Heinrich das stets prophezeit hatte. Doch auch sein Konzept ging nicht auf. Er, der stets alles kontrollieren wollte, muss das Loslassen lernen. Die ungewohnte Nähe schürt die nie gelösten Konflikte von Neuem. Zugleich erwachen Erinnerungen an die hellen Tage. Wie damit leben, dass all das unwiederbringlich vorbei ist?

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Gisa Klönne

Gisa Klönne

Gisa Klönne, geb. 1964, lebt als Schriftstellerin und Schreibcoach in Köln. Ihre Kriminalromane um die eigenwillige Kommissarin Judith Krieger erreichten eine Gesamtauflage von über einer halben Million, wurden in mehrere Sprachen übersetzt und mit Auszeichnungen bedacht, unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis. Ihr autobiografisch inspirierter Familienroman DAS LIED DER STARE NACH DEM FROST war ein Spiegel-Bestseller.

Gisa Klönne schreibt auch Kurzprosa, moderiert Lesungen und literarische Veranstaltungen und ist ausgebildete Yogalehrerin. Zuvor studierte sie unter anderem Anglistik und Theater-, Film und Fernsehwissenschaften und arbeitete als Redakteurin und freie Journalistin sowie als Dozentin in der Aus- und Weiterbildung für Journalisten.