Gabriele von Arnim über die Kunst des Neuanfangs
Abschied ist immer. Bestsellerautorin Gabriele von Arnim erkundet in ihrem neuen Buch, warum Loslassen nicht nur Verlust bedeutet, sondern auch Befreiung.
Abschied ist immer und überall. Jeden Abend nehmen wir Abschied vom Tag. Jeden Morgen verabschieden wir uns von der Nacht. Wir nehmen Abschied von Jobs, Jahreszeiten, Wohnungen, Träumen, Städten, von der Jugend, der Kraft, der Zeit, von unberührter Natur, von früheren Ichs unserer selbst. Kinder gehen in die Welt, Eltern in den Tod, Liebhaber zur nächsten Frau oder zum nächsten Mann. Dem endgültigen Abschied entrinnt ohnehin keiner.
«Manchmal übe ich sterben», schreibt Gabriele von Arnim. Nach ihren beiden SPIEGEL-Bestsellern «Das Leben ist ein vorübergehender Zustand» und «Der Trost der Schönheit» widmet sie sich nun in ihrem dritten großen Werk dem Thema, das uns alle begleitet, aber oft geängstigt zurücklässt: dem Abschied.
Die Freiheit der Ungewissheit
Gabriele von Arnim, 1946 in Hamburg geboren, blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Sie lebte zehn Jahre als freie Journalistin in New York und arbeitete später für DIE ZEIT, die Süddeutsche Zeitung sowie als Moderatorin für ARTE und den SWR. Heute, mit Ende 70, sind Abschiede von Weggefährten, Freunden und ihrem Ehemann feste Bestandteile ihrer Biografie. Doch statt in Resignation zu verharren, stellt sie in ihrem neuen Buch «Abschied leben» eine entscheidende Frage: Warum vergessen wir so oft den Aufbruch, der in jedem Ende liegt?
In ihrem Tagebuch erzählt sie ein Jahr lang über Gegenwartsängste und das Ringen um Zukunftszuversicht, über Abschiede von früheren Ich-Gestalten und über die Unausweichlichkeit des letzten Abschieds. Es ist ein poetischer wie lebenskluger Essay, der zeigt: Abschied ist nicht nur Klagelied, sondern kann auch «Lustgesumme» sein. Über die lebensbejahende Kraft des Loslassens, den Umgang mit gesellschaftlichen Ängsten und die Suche nach einer inneren Stabilität sprach sie in einem ausführlichen Gespräch:
Gabriele von Arnim, der Titel Ihres Buches heißt nicht Abschied nehmen, sondern Abschied leben. Sie wollen Abschied nicht nur als Schmerz und Verlust verstanden wissen, sondern auch als Aufbruch in neue Abenteuer. Abschied, sagen Sie, ist nicht nur Klagelied, sondern auch «Lustgesumme». Haben Sie um die positive Kraft von Abschieden immer schon gewusst?
Gabriele von Arnim: Auf manchen Ebenen. Denn wenn man sich verabschiedet von elterlichen Vorgaben, von Familien oder Freunden, denen man entrinnen möchte, wie auch von eigenen früheren Ich-Gestalten, ahnt man ja auch als junger Mensch schon die Chancen, die in der neuen Freiheit auf einen warten. Es sei denn, die unvermeidlichen Ungewissheiten lauern allzu bedrohlich. Auch das kenne ich. Dann wagt man sich eher ins Lebensgetümmel, wenn man schon eine innere Stabilität, einen inneren Kompass, wenn man schon Erfahrungen mit Abschieden und sich darin gemacht hat.
«Tagebuch eines Zeitgefühls» heißt der Untertitel Ihres Buches. Sie erzählen ein Jahr lang über Abschiede, Träume und Gegenwartsunruhen. Sie denken nach über den Abschied von der Demokratie – und sogar der Friedensgewissheit. Wie gelingt es Ihnen, nicht zu resignieren?
Gabriele von Arnim: Das ist ein tägliches Bemühen. Weil man immer wieder geduckt und überwältigt wird von dem täglichen Wahnsinn der Welt. Aber ich habe ein Motto – und das heißt: Ich will auf Zerstörung nicht mit Selbstzerstörung antworten. Denn wenn ich klein und mickrig durch meinen Alltag laufe, helfe ich weder anderen noch mir. Im Gegenteil: Ich finde es kontraproduktiv, sich im eigenen Elend zu verkriechen – und denen die Gestaltung unserer Umgebung, unseres Lebens zu überlassen, die angeblich Antworten haben. Wenn wir eine gute Zukunft haben wollen, müssen wir eine gute Zukunft denken und im Kleinen etwas tun, um sie möglich zu machen. Schon allein der Versuch, selbst eine gute Person zu sein, sagt die große Rocksängerin und politische Aktivistin Patti Smith, hilft, die Welt ein ganz kleines bisschen besser zu machen.
Sie schreiben sehr offen über das Alter, die Gewissheit des letzten Abschieds, von Lebensfreude und Sterbemut. Sind Alter und Heiterkeit überhaupt vereinbar?
Gabriele von Arnim: Unbedingt. Da wir Alten ja wissen um die Endlichkeit unserer Lebenszeit, ist die Lust am Genießen geradezu dringlich. Jeder neue Frühling, den wir erleben dürfen, ist ein großes Geschenk. Jede neue Begegnung mit Menschen ist eine gewährte Zugabe. Jedes neue Lernen - auch über sich - lässt uns hoffen, uns besser, lebenssatter verabschieden zu können.
Ein literarisches Denkmal des Loslassens
Gabriele von Arnim streift in ihrem Buch durch Literatur und Philosophie, befragt Freunde und verwebt persönliche Reflexionen mit der Unausweichlichkeit des letzten Abschieds. Sie nähert sich dem Thema nicht mit Furcht, sondern mit einer berührenden Neugier. Dieser radikale Mut zur Ehrlichkeit ist es, der bereits ihre früheren Werke zu Bestsellern machte: