Im Gespräch

«Schreiben ist einer der Wege, um sich zu erinnern oder zu versuchen, Erinnerungen heraufzubeschwören.»

Vom Rom der 70er Jahren bis ins Köln der Gegenwart: die Geschichte einer Freundschaft, in die sich politische Umbrüche unverkennbar eingeschrieben haben.

Ein Foto des Autors Enrico Ippolito auf rotem Hintergrund
© Tobias Brust

Dein Roman spielt an 3 Orten, Palermo, Rom und Köln, und reicht vom Ende der 70er-Jahre bis in die Gegenwart. Was für eine Bedeutung haben diese Orte, hat diese Zeitspanne für Dich?

Köln ist die Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Palermo die Stadt, die ich liebe. Rom die Stadt, in der die ehemalige Zentrale der Kommunistischen Partei Italiens steht. Die Zeitspanne war für mich wichtig, weil ich das letzte Jahrzehnt der Partei verfolgen wollte und in Italien einerseits eine Zeit des Umbruchs herrschte, unter anderem geprägt von terroristischen Anschlägen, andererseits hat mich interessiert, was mit Menschen passiert, die diese Zeit erlebt haben und entweder in Italien geblieben oder wie im Fall von Cruci nach Deutschland ausgewandert sind.

Die Geschichte um die beiden Hauptfiguren Cruci und Lucia spielt vor dem Hintergrund des Zerfalls der Kommunistischen Partei Italiens. Verspürst Du eine Art Sehnsucht nach einem politischen System wie diesem? Was verbindest Du mit dem italienischen Kommunismus?

Mir geht es nicht um Nostalgie, sondern ich wollte der Frage nachgehen, was mit den Menschen passiert, deren Leben so stark von der Partei geprägt war, wenn diese zerfällt. Was vielleicht heute fehlt, ist eine Art von Gemeinschaftsbildung, die durch die Partei hervorgebracht wurde – und das ist auch das, was ich damit verbinde: politische Diskussionsabende, politisches Engagement, politische Kämpfe. 

Dein Erzähler Rocco ist ein Mann Anfang 20, der aus Berlin kommt und ein bisschen desorientiert ist. Auf welche Suche begibt er sich in der Geschichte?

Rocco sucht nach seiner Familiengeschichte. Als er zur Welt kam, war die Partei schon aufgelöst und seine Eltern sprachen mit ihm nicht darüber. Und Rocco selbst hat sich nie besonders dafür interessiert, was seine Eltern eigentlich für ein Leben vor ihm hatten. Er sieht sie nur als seine Eltern und nicht als Menschen, die eigene politische Ideale und Ziele verfolgt haben, als Personen, die gekämpft, gelitten, gefeiert haben.  

Du beschreibst im Buch, wie Rocco das erste Mal nach langer Zeit wieder nach Rom kommt. Er stellt sich sofort die Frage, ob er «männlich genug» für diese Stadt ist. Was für Konzepte von Männlichkeit schwirrten Dir dabei im Kopf herum?

Das Konzept von «Männlichkeit» ist grundsätzlich Schwachsinn, aber trotzdem so stark mit unserem Alltag verwoben. Damit wollte ich spielen. Rocco fährt nach Italien, nach langer Zeit, und kann die Codes nicht richtig lesen, das verunsichert ihn.   

Glaubst Du, das Schreiben ist ein gutes Mittel, um zu erinnern, oder siehst Du Defizite?

Erinnern ist auf eine Art und Weise immer defizitär, weil wir Dinge auslassen und ergänzen. Schreiben ist einer der Wege, um sich zu erinnern oder zu versuchen, Erinnerungen heraufzubeschwören.  

 

 

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Enrico Ippolito

Enrico Ippolito

Enrico Ippolito, Jahrgang 1982, ist Journalist und Autor. Von 2011 bis 2015 arbeitete er bei der taz in Berlin. Er war von Dezember 2015 bis November 2020 Ressortleiter Kultur bei SPIEGEL ONLINE und ist nun Autor beim SPIEGEL. Zuletzt erschien seine Short Story «Beleidigung» in der Anthologie «Eure Heimat ist unser Albtraum». Er lebt in Berlin.