Im Gespräch

Der verlorene Patient

Über Medizin als Dienstleistung und den Werteverfall im «System Krankenhaus»: ein Gespräch mit Dr. Umes Arunagirinathan

Dr. Umes Arunagirinathan
© Sughanthy Puvaneswaran

Krankenhäuser und Praxen haben sich in den letzten Jahren mehr und mehr zu Wirtschaftsunternehmen entwickelt – zum Nachteil der Patienten und des Personals. Das System ist strikt auf Gewinn ausgerichtet, gleichzeitig ist eine enorme Verschwendung an menschlichen und materiellen Ressourcen zu beobachten. Überversorgung und Mangel sind die beiden Seiten einer Medaille. Die Corona-Pandemie hat es wie unter einem Brennglas gezeigt: Einerseits sind wir enorm leistungsfähig, andererseits schlecht organisiert und unterfinanziert. 
Dr. med. Umes Arunagirinathan schlägt Alarm. Klar und authentisch benennt er die Missstände und zeigt auf, was sich ändern muss – damit das Wohl der Patienten im Mittelpunkt steht, nicht der Profit.


DAS INTERVIEW

Sie sind 1991 als 13-jähriger unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland gekommen, nach einer monatelangen Odyssee. Heute arbeiten Sie als Facharzt für Herzchirurgie in Bremen; jetzt haben Sie das Buch «Der verlorene Patient» geschrieben. Wie hat Ihre doppelte Sozialisation – dort in Sri Lanka, hier in Deutschland – den Blick auf Ihren Alltag als Arzt und auf das «System Krankenhaus» geprägt?
Für mich war Arzt sein ein Beruf, wo ich Menschen mit Freude helfen kann. Ein Beruf, wo ich für die Patienten da sein kann. Auf Sri Lanka arbeiten Ärzte wie Schwestern sechs Stunden am Tag im Krankenhaus. Dort ist ein Arzt viel mehr mit der Behandlung der Patienten beschäftigt und kaum mit all den organisatorischen Belangen: der Bettenbeschaffung, dem Übergang in die Rehaklinik, der Anforderung von Patientenbefunden, der akribischen Dokumentation von allem, was man im Dienst geleistet hat. Denn in Deutschland gilt: Was nicht dokumentiert ist, wurde nicht gemacht! Delegierbare Tätigkeiten wie Blutentnahmen, Verbandwechsel oder die Versorgung mit Medikamenten gehören auf Sri Lanka nicht zu den primär ärztlichen Tätigkeiten. Was bedeutet, dass ein Arzt, eine Ärztin viel mehr Zeit hat, sich direkt um die Patienten zu kümmern. In Deutschland wird Medizin als Dienstleistung gesehen; genau das sollte sie nicht sein. Denn Medizin heißt heilen. Und Heilen heißt helfen. 

Sie beziehen klar Position: zur Abrechnung nach Fallpauschalen, zur industrialisierten Abfertigung von Patienten, zum Nebeneinander von Überversorgung und Mangel, zu abstrusen bürokratischen Zeiträubern, zur Zwei-Klassen-Medizin. Macht man sich damit in der Medizinhierarchie nicht unbeliebt, legt man sich «karrieretechnisch» da nicht Steine in den Weg? 
Als Kind hatte ich Sehnsucht nach Demokratie; deshalb bin ich nach Deutschland gekommen, wo Demokratie großgeschrieben wird. Ich habe als Arzt meine Pflichten  – und als Bürger dieser wunderbaren Nation habe ich auch meine Rechte. Als Schulsprecher in der Schule, als studentischer Vertreter im Studium oder als Assistenten-Sprecher in der Klinik habe ich immer meine Stimme für die Kollegen erhoben. Auf dem Weg zu meinem Facharzt hatte ich ständig Steine aus dem Weg zu räumen. Als Assistenzarzt hätte ich ein Buch wie dieses nicht schreiben dürfen, den Facharzt zum Herzchirurgen hätte ich so nie geschafft. Was habe ich jetzt zu verlieren? Ich habe in Bremen ein Zuhause in der Herzchirurgie gefunden und kämpfe mit allem Mut für ein besseres, patientenfreundlicheres Gesundheitssystem. 

Sie schreiben: «Der Werteverlust im Gesundheitswesen untergräbt die Fundamente, auf denen das Heilen basiert.» Sehen Sie überhaupt Chancen im ärztlichen Alltag, dem entgegenzuwirken? Wie erleben Sie das in Ihrer eigenen Arbeit?
Die meisten Ärzte kämpfen tagtäglich gegen den Werteverlust im Gesundheitswesen. Leider tragen sie diesen Kampf nur mit sich selbst aus, anstatt ihn politisch zu artikulieren. Manchmal sind sie auch nicht mutig genug, weil sie in dem System gefangen sind: Wegen der Facharztausbildung und der strengen hierarchischen Strukturen in unseren Krankenhäusern befinden sie sich in einem Abhängigkeitsverhältnis. Steht man als Einzelkämpfer dieser Situation allein gegenüber, dann besteht am Ende des Tages die Gefahr, frustriert und resigniert dazustehen. Je mehr Ärztinnen und Ärzte offen ihre Stimme für die Veränderung erheben und sich politisch engagieren, desto größer ist die Chance, dass sich an den Strukturen (und nicht nur an den Details) endlich etwas ändert. 

Die halbe Welt hat Deutschlands Umgang mit der ersten Welle der Corona-Pandemie bestaunt und bewundert. Ihre Haltung dazu fällt skeptischer aus. Weshalb? 
Ich bin selbstkritisch und erwarte von mir mehr Leistung als meine Mitmenschen von mir. Wir haben eines der besten Gesundheitssysteme weltweit. Aber auch im besten Gesundheitssystem dieser Welt sitzen gewisse Schrauben locker, die fixiert werden müssen, um eine optimale medizinische Versorgung sicherzustellen. Schließlich möchte ich, dass meine beiden Patenkinder ebenfalls den Luxus der aktuellen Gesundheitsversorgung genießen können, den wir heute haben. Aber: Eine akute Erkrankung wegen einer anderen Erkrankung (Covid-19) nicht angemessen zu behandeln, wäre für mich als Arzt ethisch nicht zu verantworten. Ein Land wie unseres mit einem milliardenschweren Gesundheitssystem hätte doch einen Pandemie-Nationalplan haben müssen! Hatte es aber nicht.

Auch ohne Corona, schreiben Sie, seien Ärzte und Ärztinnen, Krankenschwestern und Pfleger oft am Rande des physischen und nervlichen Zusammenbruchs. Wie halten Sie persönlich den Kräfteraubbau aus? Was sind Ihre «Fluchtpunkte», wo Sie zur Ruhe kommen und die innere Balance wiederfinden können?
Ich jogge gern um die Alster in Hamburg oder um den Werdersee in Bremen, und dabei reinige und sortiere ich mein Gehirn von dem ganzen Stress und Chaos. 

Kleine Utopie: Wenn Sie, Dr. Arunagirinathan, ohne Rücksicht auf restriktive Budgets und politische Mehrheiten im deutschen Gesundheitssystem ad hoc drei Dinge durchsetzen, quasi «verordnen» könnten – welche wären das?
+ Abschaffung der Zweiklassenmedizin, indem ich langfristig eine Versicherung für alle durchsetze. 
+ Abschaffung der Fallpauschalen oder Einbau von Klauseln, um das wirtschaftliche Handeln von Ärzten einzudämmen. 
+ Aufwertung der Pflegeberufe mit Übernahme der delegierbaren ärztlichen Tätigkeiten. 
Und wenn ich einen 4. Wunsch noch frei hätte: klare Struktur und Transparenz in der ärztlichen Weiterbildung – mit Ausbildungsvertrag statt Arbeitsvertrag. 
 

Der verlorene Patient

Appell für eine wirklich patientenorientierte Medizin! Krankenhäuser und Praxen haben sich in den letzten Jahren mehr und mehr zu Wirtschaftsunternehmen entwickelt – zum Nachteil der Patienten und des Personals. Das System ist strikt auf Gewinn ausgerichtet, gleichzeitig ist eine enorme Verschwendung an menschlichen und materiellen Ressourcen zu beobachten. Überversorgung und Mangel sind die beiden Seiten einer Medaille. Die Corona-Pandemie hat es wie unter einem Brennglas gezeigt: Einerseits sind wir enorm leistungsfähig, andererseits schlecht organisiert und unterfinanziert. Dr. med. Umes Arunagirinathan schlägt Alarm. Klar und authentisch benennt er die Missstände und zeigt auf, was sich ändern muss – damit das Wohl der Patienten im Mittelpunkt steht, nicht der Profit.

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Dr. med. Umes Arunagirinathan wurde 1978 auf Sri Lanka geboren und kam als 13-jähriger unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland. Er studierte in Lübeck Medizin und wurde an der Universität Hamburg promoviert. Er war Assistenzarzt am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und arbeitete in der Klinik für Kardiochirurgie in Bad Neustadt an der Saale sowie an der Charité Berlin. Er ist Facharzt für Herzchirurgie und heute als Funktionsoberarzt im Klinikum Links der Weser in Bremen tätig.

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