Im Gespräch

Christoffer Carlsson über Abgründe, Atomwaffen und die Suche nach dem Sinn

Was treibt einen Menschen dazu, für seinen Traum buchstäblich über Leichen zu gehen?

Christoffer Carlsson im Interview

«Hinter dem Nebel» ist ein vielschichtiger Kriminalroman vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Ende der 50er Jahre wird eine Gruppe Studenten vom Geheimdienst beschattet, was eine fatale Kette von Ereignissen in Gang setzt. Warum haben Sie sich entschieden, einen Teil des Romans in dieser Zeit spielen zu lassen?

Die ehrliche Antwort ist: Es war eigentlich keine bewusste Entscheidung. Als erstes war da diese Figur, Ingrid Klinga. Warum sie zu mir kam und warum gerade an diesem Punkt in meinem Leben, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich zu der Zeit darüber nachdachte, was es bedeutet, über das Leben zu schreiben, im Unterschied dazu, das Leben zu leben? Und Ingrid eröffnete mir gewissermaßen eine Möglichkeit, diese Frage zu erforschen. Mir war klar, dass sie in den 1930er Jahren geboren sein sollte, als „Kriegskind“, das während des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen ist. Und sie sollte aus einer armen ländlichen Gegend stammen. Sie ist einer dieser Menschen, denen ihr eigenes Schicksal klar vor Augen steht: Sie weiß, dass sie dazu bestimmt ist, zu schreiben, komme, was wolle. Dafür musste sie ihr Zuhause verlassen und nach Uppsala gehen. Dort haben sich damals eine ganze Reihe phänomenaler schwedischer Schriftsteller versammelt: Zu der Zeit, als Ingrid in Uppsala studiert, sind dort auch Per Olov Enquist, Kerstin Ekman und viele andere. In den 1950er Jahren, während des Kalten Kriegs. So entstanden Ingrids Geschichte und ihr historischer Rahmen.

Ein Roman entsteht für mich immer aus vielen verschiedenen Einflüssen, sowohl aus sehr persönlichen Fragen, als auch aus größeren, äußeren Zusammenhängen.

Ein Thema des Romans sind die geheimen Pläne Schwedens, ein eigenes Atomwaffenprogramm zu entwickeln, inklusive der damit einhergehenden globalen Sorge um Frieden und Stabilität. Das liest sich erschreckend aktuell …

In gewisser Weise, ja. Ein Roman entsteht für mich immer aus vielen verschiedenen Einflüssen, sowohl aus sehr persönlichen Fragen, als auch aus größeren, äußeren Zusammenhängen. Ich habe mich bereits 2020 mit dieser Geschichte beschäftigt, aber erst 2021 begonnen, ernsthaft daran zu arbeiten. Das muss etwa sechs Monate vor dem Krieg in der Ukraine gewesen sein, als Schweden über Nacht von einer formell neutralen Position zu einem NATO-Beitrittskandidaten wurde. Das hat sich auch in den Roman eingeschlichen. Beim Schreiben entsteht für mich eine Figur, die in gewisser Weise das Land verkörpert. Das ist der Übergang vom Individuellen zum Strukturellen, das Mikro wird zum Makro. War Schweden während des Kalten Kriegs wirklich neutral? Was bedeutete Neutralität? Auf wessen Seite standen wir, und auf wessen Seite stehen wir jetzt? Das ist die Frage, die auch Teile des Rätsels um Ingrid Klinga umkreist: Auf wessen Seite steht sie wirklich? Weiß sie es überhaupt selbst?

 

„Der Mensch lebt ein privates Leben, ein öffentliches und ein verborgenes: Ein Leben, in dem man vollkommen allein ist“, heißt es im Roman. All Ihre Bücher kreisen um das Verborgene. In „Hinter dem Nebel“ ist die Schriftstellerin Ingrid Klinga bereit, für ihren Traum vom Schreiben buchstäblich über Leichen zu gehen. Was fasziniert Sie so sehr an den menschlichen Abgründen?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, sie legen die tiefsten Schichten des Menschseins bloß. Die höchsten Höhen und die tiefsten Abgründe existieren nebeneinander in uns. Diese Intensität fasziniert mich; in den dunkelsten Zuständen kann es auch Momente unglaublicher Anmut, Zärtlichkeit und Freundlichkeit geben. Ich denke oft daran, wenn ich in Berlin bin. Als ich zum ersten Mal in Berlin war, fühlte ich mich seltsamerweise sofort zu Hause. Als ob die Stadt mich „sehen“ würde. Es war wirklich seltsam und ich brauchte eine Weile, um herauszufinden, woher dieses Gefühl kam: Keine andere Stadt verkörpert sowohl die freundlichsten, wunderbarsten und hellsten Elemente dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein, als auch das absolut Schlimmste, fast Unaussprechliche. Berlin hat alles gesehen. Und die Stadt versucht nicht, es zu verbergen. Man kann es buchstäblich nicht vermeiden, mit den dunklen Momenten der Menschheit konfrontiert zu werden. In dieser Hinsicht ist Berlin eine sehr ehrliche Stadt. Und ich glaube, das hat mich deshalb so beeindruckt, weil wir als Schriftsteller ebenfalls danach streben. Wir versuchen zu ergründen, was es bedeutet, Mensch zu sein, die ganze Bandbreite menschlicher Erfahrungen, Gefühle und Fähigkeiten. Das bedeutet manchmal, sich dem Abgrund zu nähern.

 

Buchcover von Unter dem Sturm von Christoffer Carlsson
Christoffer Carlsson

Unter dem Sturm

Taschenbuch15,00 *
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Wenn Sie einen neuen Roman beginnen, worauf freuen Sie sich im Schreibprozess am meisten?

Oh, gute Frage. Schreiben ist für mich ein seltsamer Prozess, bei dem alles langsam und knifflig ist, inklusive diverser Fehlstarts, auf der Suche nach dem Kern dessen, was ich schreibe – denn häufig weiß ich anfangs noch gar nicht, was der Kern ist. Aber dann ist da irgendwann der Moment, in dem ich nicht mehr das Gefühl habe, den Roman hinter mir herzuziehen, ich habe das Gefühl, ich schiebe ihn einen großen Hügel hinauf. Und jedes Mal frage ich mich aufs Neue: Werde ich es schaffen? Vielleicht war das letzte Buch das letzte. Wie schreibt man überhaupt Romane? Ich schaue auf mein Bücherregal, sehe all die Bücher, die ich gelesen und geliebt habe, und es fühlt sich unmöglich an, selbst einen Roman zu schreiben. Und dann ist eines Tages plötzlich alles anders. Ich habe das Gefühl, der Roman zieht mich zu sich hin. Er beginnt sich von selbst zu entwickeln, wie von einer eigenen, geheimnisvollen Kraft angetrieben. Dieser Moment, in dem der Roman anfängt, mich zu tragen, statt umgekehrt, ist unbeschreiblich.  Dann habe ich das Gefühl, das zu tun, wozu ich auf diese Erde gesetzt wurde: diesen Figuren den ganzen Weg nach Hause zu folgen. Dieses Gefühl ist natürlich flüchtig, es kommt und geht. Aber vielleicht ein oder zwei Tage, manchmal auch eine Woche, hält es an.

 

Was macht in Ihren Augen einen guten Kriminalroman aus?

In erster Linie das, was jeden guten Roman ausmacht: dass auf den Seiten des Buchs eine eigene Welt entsteht. Figuren, die authentisch wirken und unerwartete Wendungen in der Erzählung sind wichtig, und speziell in Bezug auf Krimis das Gefühl von Ordnung, das sie uns vermitteln. Wenn der Roman ein Spiegel ist, den wir dem Leben vorhalten, um einen tieferen, klareren oder wahrhaftigen Blick darauf zu bekommen, zeichnet der Krimi etwa auf halber Strecke der Handlung kein so rosiges Bild: Vielleicht hat das Leben gar keinen Sinn. Am Ende werden wir jedoch belohnt. Weil es da im Roman  jemanden gibt, der zu klug, zu stur, zu verzweifelt und/oder zu mutig ist, um aufzugeben, jemand, der sich weigert, das Chaos zu akzeptieren – und am Ende aufdeckt, was die ganze Zeit da war: Ordnung, Kohärenz, Sinn. Seht mal, sagt die Geschichte, ich habe euch eine Weile lang Angst gemacht, nicht wahr?

 Aber ihr habt durchgehalten, und am Ende ist die Welt tatsächlich wieder in Ordnung. Ihr seid tiefer in die Geschichte eingetaucht und wurdet dafür belohnt. Wenn ihr nun dieses Buch zuklappt, wird sich vielleicht auch die Welt da draußen für eine Weile ein klein wenig sinnvoller und heiler anfühlen, auch wenn es da draußen viele, viele Momente gibt, die euch aus gutem Grund daran zweifeln lassen.

Portrait von Christoffer Carlsson
© Emelie Asplund
Christoffer Carlsson

Christoffer Carlsson, geboren 1986, wuchs außerhalb von Marbäck an der Westküste Schwedens auf. Er promovierte in Kriminologie an der Universität Stockholm und wurde 2012 mit dem Young Criminologist Award der European Society of Criminology ausgezeichnet. Für seinen Debütroman «Der Turm der toten Seelen» erhielt er 2013 als jüngster Preisträger mit 27 Jahren den Schwedischen Krimipreis. Die Reihe um den Polizisten Leo Junker erscheint in 20 Ländern und wird verfilmt. Sein Roman «Unter dem Sturm» wurde bislang in zehn Länder verkauft und war 2019 für den Schwedischen Krimipreis nominiert.

Zum AutorBücher von Christoffer Carlsson

Was verbinden Sie mit Halland, der schwedischen Provinz, in der Ihre Geschichten größtenteils spielen? Was macht diese Gegend zu einem guten Krimischauplatz?

Halland ist meine Heimat. Dort bin ich aufgewachsen. Es ist der Ort, der mich zum Schriftsteller gemacht hat. Ich fühle mich dort zu Hause und verstanden. Was Halland zu einem guten Schauplatz für einen Kriminalroman macht? Die Gegend ist demographisch und ethnisch vielfältig, aber auch landschaftlich. Es gibt Strände und weite Felder, Wiesen, viele Hektar großen Bauernhöfe, aber auch dunkle Wälder und raue, unwirtliche Natur. Es ist eine sehr ländliche Gegend mit städtischen Zentren wie Halmstad oder Varberg. Es ist also ein kleiner (im Vergleich zu anderen Provinzen), aber sehr komplexer Landstrich, der die ganze Schönheit der menschlichen Natur und all ihre Schrecken in sich vereint. Wie die meisten Orte, wenn man genau hinschaut.