Im Gespräch

Meine Freundin Lotte

Spiegel-Bestsellerautorin Anne Stern erzählt von zwei außergewöhnlichen Künstlerinnen vor der wechselhaften Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Grafik mit Anne Stern und ihrem Buch

Die Malerin Lotte Laserstein feierte in den 1920er und 30er Jahren erste Erfolge. Der aufkommende Nationalsozialismus und der Krieg beendeten ihre vielversprechende Karriere frühzeitig. Wie sind Sie auf Lotte Laserstein gestoßen? Und was reizte Sie als Schriftstellerin besonders an ihr?


Auf die Künstlerin wurde ich in einem Ausstellungskatalog aufmerksam. Die Berlinische Galerie veranstaltete 2019 eine Werkschau und spätestens, als ich dort vor den Bildern, besonders den wunderbaren Porträts, von Lotte Laserstein stand, hatte es mich gepackt. Obwohl sie als junge Malerin im Berlin der 1920er und 1930er Jahre sehr erfolgreich war und viele Bilder verkaufte, ist ihr Stil eigentlich nicht typisch für ihre Zeit. Er ist sehr realistisch, beinahe zeitlos, und das ist es wahrscheinlich auch, was uns daran heute wieder so fasziniert. Sie hat als Malerin einen sehr besonderen, intimen Blick auf ihre Modelle, ohne aber deren Grenzen zu überschreiten. Dieses achtsame Malen, der Blick auf Augenhöhe mit dem Objekt, hat mich sehr fasziniert.


Wie muss man sich das Leben einer ambitionierten, jungen Künstlerin im Berlin der 1920er Jahre vorstellen?

Auf diese Frage gibt es wahrscheinlich sehr viele verschiedene Antworten, je nachdem, über wen man spricht. Gerade Lotte Laserstein ist hier kein typisches Beispiel, sie war zwar Kind ihrer Zeit, aber sie führte gar nicht dieses Leben in Glamour und Rausch, das wir heute oft vor Augen haben, wenn es um die Künstlerinnenszene der 1920er Jahre in Berlin geht. Sie arbeitete hart, war beinahe zu ehrgeizig und streng mit sich selbst, ganz eingenommen von ihrer Tätigkeit des Malens. Zeitzeugen, die sie gekannt haben, beschreiben sie teilweise als bieder, streng, zugeknöpft - aber dann wieder ist von ihrem sehr speziellen, hintergründigen Humor die Rede, von ihrer Klugheit und Kameradschaftlichkeit. Sie war bestimmt eine sehr interessante Gesprächspartnerin. Aber Partys, Ausschweifung oder gar Drogen, das war nicht ihr Ding. Sie wollte nichts als malen.


Was macht die Freundschaft zwischen Lotte Laserstein und ihrer Muse Traute Rose so besonders?

Es ist eine gleichberechtigte Beziehung zwischen einer Künstlerin und ihrem Modell. Das gab (und gibt) es sehr, sehr selten! Traute Rose war selbst Künstlerin, war ausgebildete Fotografin und malte auch. Als sich die beiden Frauen trafen, fragte Lotte Laserstein Traute rundheraus, ob sie ihr Modell werden würde, und Traute sagte sofort Ja. Ab diesem Zeitpunkt machten die beiden gemeinsam Kunst. Die eine malte, die andere stand Modell, doch der Aufbau der Bilder war oft ihre gemeinsame Entscheidung, und Traute war Lottes wichtigste Kritikerin, bis das Bild perfekt war. Noch im hohen Alter bezeichnet Lotte Laserstein die Bilder, die sie mit Traute Rose gemeinsam gemalt hatte, als „unsere Kunst“. Es war eine lebenslange Beziehung, eine sehr innige, Freundschaft, und natürlich wird bis heute viel darüber gesprochen, ob die beiden auch ein Liebespaar waren. Das bleibt jedoch Spekulation. Tatsache ist, dass Lotte Traute geliebt hat und umgekehrt - auf welcher Ebene genau, können wir heute nicht mehr wissen.

 
Wie schwierig war es, sich Lotte Laserstein und Traute Rose zu nähern und das Schicksal der beiden Frauen zu erzählen? Welche Herausforderungen gab es bei der Recherche zu Ihrem Roman?

Die größte Herausforderung war mein eigenes, immer umfangreicher werdendes Wissen über die beiden Frauen und über die Zeit. Ich hatte irgendwann sehr viel gelesen und musste mich selbst immer wieder ermahnen, dass ich keine Biographie schreiben wollte, keine rein chronologische Abbildung ihrer beider Leben, sondern einen Roman. Es war schwer, sich von den echten Vorbildern zu emanzipieren und etwas Eigenes, zwei neue, fiktive Stimmen zu erschaffen. Was mir aber sehr geholfen hat, war, dass wir zwar Lotte Lasersteins Briefe kennen, Traute Roses Korrespondenz jedoch für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. So konnte ich diese Lücke füllen, konnte Traute Rose eben auch eine Stimme geben und mich so endlich „freischreiben“. Ab diesem Moment wurde es zu meinem Roman.

In ihrem Roman lassen Sie die beiden Frauen 1961 noch einmal in Schweden aufeinandertreffen. Wie kann man sich die Beziehung der beiden in den darauffolgenden Jahren vorstellen?

Traute Rose und Lotte Laserstein besuchten sich in den folgenden Jahrzehnten bis in die 1980er Jahre hinein, also bis zu Trautes Tod, weiterhin regelmäßig in Schweden und Deutschland. Sie reisten noch viele Male zusammen, manchmal als Kleeblatt mit Trautes Ehemann, manchmal aber auch nur zu zweit. Sie schrieben sich über die Jahre sehr regelmäßig Briefe, nahmen teil am Leben der anderen, tauschten sich über Kunst und Ausstellungen, aber auch Alltagsdinge aus. Es gibt sehr anrührende Fotos von den beiden als ältere Frauen, Seite an Seite und voller Vertrautheit. Lotte Laserstein kehrte aber nie nach Deutschland zurück. Ihre Malerei wurde mehrfach wiederentdeckt und dann doch wieder vergessen. Erst seit einigen Jahren scheint sich im deutschen Kunstdiskurs wirklich durchgesetzt zu haben, wie einzigartig ihre Bilder sind, und wie wichtig es ist, ihre Geschichte zu erzählen. 
 

Meine Freundin Lotte

Spiegel-Bestsellerautorin Anne Stern erzählt von zwei außergewöhnlichen Künstlerinnen vor der wechselhaften Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Berlin, 1921: Lotte Laserstein will Malerin werden. Aber die Tore der Kunstakademie haben sich für Frauen gerade erst geöffnet. Und Lotte muss kämpfen – gegen die Ressentiments männlicher Lehrer und Kritiker und für ihre Leidenschaft, die Malerei. In der jungen Fotografin Traute findet sie eine Seelenverwandte, denn Traute ist mit ihrem Typus der Neuen Frau und ihrer Begeisterung für die Kunst das perfekte Modell für Lotte. Eine ganz besondere Beziehung entsteht. Bis die politische Situation in Deutschland für jüdische Künstlerinnen immer unerträglicher wird und Lotte schließlich fliehen muss.
Kalmar, 1961: Es ist ein warmer Altweibersommer in Südschweden, den Lotte Laserstein und Traute Rose zusammen verbringen. Doch Vorwürfe und Missklang hängen zwischen ihnen, und schon bald brechen alte Wunden auf. Plötzlich können die beiden Frauen den drängenden Fragen nicht mehr entkommen. Sie müssen sich ihrer Vergangenheit stellen, in der es für sie einst um alles oder nichts ging – als Künstlerinnen und als Freundinnen.

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Anne Stern

Anne Stern

Anne Stern wurde in Berlin geboren, wo sie auch heute mit ihrer Familie lebt. Sie ist promovierte Germanistin und arbeitete als Lehrerin und in der Lehrerbildung. Mit der historischen «Fräulein Gold»–Reihe um eine Berliner Hebamme in den 1920er Jahren landete sie einen großen Spiegel-Bestseller-Erfolg. Mit dem Roman «Meine Freundin Lotte» widmet sie sich der spannenden Geschichte der Malerin Lotte Laserstein und ihres Lieblingsmodells Traute Rose, die eine langjährige Freundschaft verband.