10.06.2016   von Maurizio de Giovanni

Der letzte Krieg, den wir haben

Lasst uns doch … Lasst ihn uns doch führen, diesen letzten Verteidigungs- und Angriffskrieg. Diese letzte imaginäre Schlacht ohne Blutvergießen, ohne Tote und ohne Verletzte, ohne Gewehre, ohne Bomben und ohne Schüsse – abgesehen von jenen strammen Schüssen auf dem Spielfeld. Lasst uns Feindschaften vortäuschen, lasst uns doch grölen diese 90 Minuten plus Nachspielzeit, mit weit aufgerissenen Augen und schäumenden Mündern, lasst uns Worte und Sätze ausspucken, von deren Existenz wir vorher nicht einmal etwas ahnten. Endlich wird nicht mehr gekämpft auf unserem schönen Kontinent, auf dem es keine Grenzen, dafür umso mehr Wohlstand gibt, und dessen äußere Grenzen wir so verbissen verteidigen und dabei Notleidende abschieben, um zu verhindern, dass sich Kulturen vermischen. Wir haben uns von kriegerischen Imperien, von Königreichen und Feudalherrschaften befreit. Wir gehen nicht mehr auf Mammutjagd, um das Dorf vor einer Hungersnot zu bewahren. Wir schielen nicht mehr neidisch auf Land und Vieh unseres Nachbarn, darauf hoffend, es an uns reißen zu können und damit Macht zu gewinnen. Gekämpft wird überhaupt nicht mehr, und um unser Leben mit etwas Gewalt zu würzen, müssen wir sie uns gezwungenermaßen selbst beschaffen. Denn etwas Animalisches steckt noch immer in uns, und das will manchmal ausgelebt werden. Mehr oder weniger offen kultivieren wir nach wie vor die Idee von der nationalen Identität, die auf allerlei Traditionen und Geschichte gründet. Auch ahnen wir, dass wir uns ein wenig von den anderen unterscheiden – und genau diese Idee wird mit aller Macht auf dem Rasen ausgelebt, ausgestrahlt in Eurovision, während unser Herz wie der Ball von Spieler zu Spieler fliegt. Aber wenn man es genau betrachtet, war es doch gerade diese neue Vision eines geeinten Europa, die das Denken in «Nationen» bröckeln ließ. Der Kontinent triumphiert, verteilt Gelder und macht Gemeinschaftspolitik; unsere Städte kommen so einigermaßen über die Runden mit ihren lokalen Eigenheiten, ihren lokalen Verwaltungen und ihren lokalen Sehenswürdigkeiten. Neben der städtischen Identität gibt es nur noch eine kontinentale. Die Nation dagegen ist auf dem besten Weg, nur noch als vages Mittelding zu dienen, eine Collage aus Regionen, etwas, das man nur schwer zusammenhalten, aber umso leichter wieder vergessen kann. Die «Nation» ist ein Gebilde aus lauter Regeln, Vorschriften und Einschränkungen, die eher lästig sind. Außerdem zwingt sie ihren Bürgern Solidarität auf und kassiert auch noch Steuern. Man muss sich immer wieder bewusst machen, dass man Teil einer Nation ist, so schnell gerät es in Vergessenheit. Der nationale Gedanke droht zu einem obsoleten und völlig unklaren, nebelhaften Konstrukt zu werden, angesiedelt zwischen dem Sich-heimisch-Fühlen in der eigenen Region mit all ihren Düften und Gerüchen, und der übergeordneten Gemeinschaft der Europäischen Union. Lasst ihn uns doch genau deshalb ab und zu führen, diesen imaginären Krieg. Wir müssen uns ein wenig wie Soldaten fühlen dürfen, ohne jemanden zu verletzen, und auch wenn wir den Feind vorher und nachher umarmen, so wollen wir ihn doch während des Spiels attackieren, demütigen, bezwingen. Das muss sein, schon allein deswegen, weil es unsere einzige Möglichkeit ist, wieder ein Gefühl der Zugehörigkeit zu entwickeln, das Ranking zu ermitteln, unabhängig von Bruttoinlandsprodukt oder Staatsverschuldung. Auf dem Rasen ist das einzige, was zählt, die Zahl der eigenen Tore und der Gegentreffer. In gut 90 Minuten kann ein Land mit einer ruinierten Wirtschaft und einer katastrophalen Politik eine diszipliniert haushaltende Demokratie mit funktionierendem Staatsapparat bezwingen. Dann ist der Weg frei für chaotische, wilde Feste, die zwar an den Zuständen im eigenen Land nichts ändern werden, aber für einen Augenblick absoluten Glücks sorgen können. Lasst uns freudig in den Kampf ziehen! Lasst uns von einem Sieg träumen, wenigstens dieses eine Mal, damit wir für einen Moment das vergessen dürfen, worunter wir kurz darauf schon wieder leiden werden. Aber lasst uns auch verlieren, denn hier auf diesem Feld bleibt keiner zurück, und sollte die eine oder andere Träne fließen, so wird sie von der Hoffnung auf ein unmittelbar bevorstehendes Rückspiel getrocknet werden. Lasst uns spielen! Wir brauchen das. Um zu überleben. Aus dem Italienischen von Suse Vetterlein

© Mario Spada
© Mario Spada
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