05.07.2018   von rowohlt

«Ich will nie einen anderen Verleger als Sie»

Ein unerwünschter Autor und sein unangepasster Verleger: Michael Töteberg über Hans Fallada und Ernst Rowohlt

© Rowohlt Verlag
© Rowohlt Verlag


Im September 1944 wird der Alkoholiker Hans Fallada, nur noch ein Schatten seiner selbst, in die Landesanstalt Neustrelitz-Strelitz eingewiesen, in ein Gefängnis für «geisteskranke Kriminelle». Unter den Blicken der Wärter, umgeben von «Mördern, Dieben und Sittlichkeitsverbre¬chern», beginnt er in winzig kleiner Schrift, kaum zu entziffern und zusätzlich verschlüsselt, das sog. «Gefängnistagebuch», in Wahrheit ein autobiografischer Rechenschaftsbericht über seine Erlebnisse in der Nazi-Diktatur. Es gelingt ihm, das Manuskript, dessen Entdeckung schlimme Folgen gehabt hätte, aus dem Gefängnis zu schmuggeln. 65 Jahre liegt es unveröffentlicht im Archiv der Akademie der Künste Berlin, bevor es 2009 unter dem Titel «In meinem fremden Land» publiziert wird.


«Ich möchte jetzt noch einiges von meinem guten Verleger R. erzählen», notiert Fallada am 29. September 1944. «Auch ihn haben die Wellen tüchtig durchgeschaukelt, wie keiner von uns entkam er ganz ungerupft der braunen Flut. Manchmal mußte man fast daran verzweifeln, daß dieser Mann, der sich selbst immer als Stehaufmännchen bezeichnet hat, wieder auf die Beine kommen würde, aber: hei lewet noch!»


Ernst Rowohlt hat immer an den Autor Hans Fallada geglaubt. Zwei unverkäufliche Romane hatte der Verlag veröffentlicht, dann verschwand Fallada, wegen Unterschlagung verurteilt, hinter Gefängnismauern. Als den Verleger Anfang August 1928 ein verzweifelte Hilfeschrei aus Neumünster erreicht – «Ich bin so ziemlich am Ende und weiß nicht mehr aus noch ein» –, stellt Rowohlt ihn ein, obwohl die wirtschaftliche Lage des Verlags dies eigentlich nicht zulässt. Nachmittags hat er frei – zum Schreiben, denn unausgesprochen erwartet Ernst Rowohlt von Fallada einen großen Roman, und er sollte Recht behalten: «Kleiner Mann – was nun?» wird ein Welterfolg, der den Verlag saniert und dem Autor viel Geld einbringt (das er nicht zusammenhalten kann).


Zum Jahreswechsel 1932/33 können Autor und Verlag sich gegenseitig gratulieren: Der Verkaufserfolg übertrifft alle Erwartungen. Aber das Leben ist eine «Rutschbahn», und Fallada muss fürchten, dass der politische Umsturz seinen eben erreichten Status als Bestseller-Autor wieder zunichte macht. Rowohlt dagegen ist nicht ängstlich. Er hat in seinem Verlag stets Autoren unterschiedlicher politischer Richtung publiziert, Kurt Tucholsky ebenso wie Arnolt Bronnen. Er hat eine Reihe von dezidiert gegen die Nazis gerichteten Büchern herausgebracht. Gut die Hälfte seiner Bücher wird 1933 verboten und verbrannt. In den ersten Jahren der Nazi-Herrschaft agiert er wagemutig, aber auch erstaunlich sorglos: Er verlegt Autoren, die aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen wurden, also nicht gedruckt werden dürfen. 


Das Manuskript von «Wer einmal aus dem Blechnapf frisst» stößt 1934 im Verlag auf einhellige Begeisterung. «Ich bin gestern den ganzen Tag noch in einem höchst sonderbaren Zustand herumgelaufen und wäre beinahe gestern Abend schwer an den Suff geraten, so erregt war ich», gesteht Rowohlt seinem Autor. Der Gefahr einer Beschlagnahme ist er sich bewusst, aber er hat sich für das Buch entschieden. «Es wird nun losgedruckt», verkündet er und bremst sich wieder – ob nicht doch zwei Sätze gemildert werden sollten, um sich gleich darauf wieder ins Wort zu fallen. «Sie sehen, ich bin schon etwas leicht meschugge gemacht durch all’ die vielen Hosenscheißer und stehe bereits im Begriff, auch meine Hosen zu bedrecken.» 


Hans Fallada ist im «Dritten Reich» ein unerwünschter Autor, Ernst Rowohlt ein unangepasster Verleger, der schon lange unter Beobachtung steht, oft zur Reichsschrifttumskammer zitiert wird und stets gefährdet ist. «Eigentlich wunderten wir uns, daß man den Rowohlt-Verlag am Leben ließ, daß man ihn nicht einfach verbot», schreibt Fallada 1944 im «Gefängnistagebuch». Was ihn am Leben erhielt, sei vielleicht Rowohlts Ansehen im Ausland gewesen. «Sein Ruf im Ausland war eigentlich viel größer, als seiner Bedeutung im Inlande ent¬sprach. Hier gehörte er nie zu den Verlagen, die in der ersten Reihe standen. Dazu war sein Verlagsleiter viel zu sprung¬haft, ich habe es eben gesagt, er verfolgte in seinem Verlag keine gerade Linie, wie es so vorbildlich Dr. Kippenberg mit seinem Insel-Verlag tat, nein, dem Spieler Rowohlt bedeu¬tete jedes neu herausgebrachte Buch eine neu gespielte Karte, deren Erfolg er mit immer neuer Spannung erwartete.»


Nach monatelanger Funkstille legt Fallada 1937 ein neues Manuskript vor: Er hat sich mit «Wolf unter Wölfen» noch einmal an einen zeitkritischen Roman gewagt. «Ich bin nie feige gewesen und bringe das Buch unter allen Umständen», versicherte der zwischendurch mutlos gewordene Verleger seinem Autor. «Wenn der Verlag über diesem Buch platzt, so ist er über einer Sache geplatzt, die es wert ist.» Es wird die letzte große Schlacht, die sie gemeinsam schlagen und aus der sie siegreich hervorgehen: Der Roman wird ein großer Erfolg. Fallada macht sich im «Gefängnistagebuch» Vorwürfe, dass er damit zum Ende des Rowohlt Verlags beigetragen habe: Die Nazis hätten gehofft, der – durch den Verlust seiner jüdischen und linken Autoren ausgedünnte – Verlag würde sich von selbst erledigen; nun sahen sie, dass dies nicht der Fall war, und Vorwände brauchte man nicht lange suchen. Ernst Rowohlts Ausschluss aus der Reichskulturkammer ist identisch mit einem Berufsverbot und bedeutet das Ende eines selbständigen Verlages. 


Der Rowohlt Verlag wird zu einer Tochtergesellschaft der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) in Stuttgart, Ledig-Rowohlt Geschäftsführer dieses Rumpfverlages, doch «Väterchen» kann er nicht ersetzen. «Ich aber hatte den getreuesten Freund und Berater verloren», resümiert Fallada im «Gefängnistagebuch». Ge¬wiss, er habe wieder gute Verleger gefunden, «aber nie wieder werde ich mit der glei¬chen Freude und Spannung meine Verlegerbriefe öffnen wie damals, als sie noch vom guten alten Väterchen Row. kamen. Wie der ganze Kerl aus jeder Zeile sprach, mit seiner unge¬heuren Lebenskraft, seinem unverwüstlichen Optimismus, mit seinem durch nichts zu dämpfenden Wagemut! Sein Witz, sein Mitgefühl, seine Schlagfertigkeit …» Ein halbes Leben lang haben sie fast täglich einander geschrieben oder miteinander telefoniert: Gut zweitausend Briefe dokumentieren eine intensive Arbeits- und Freundschaftsbeziehung, die den Zeitraum 1919-1947 umspannt.


«Ich will nie einen anderen Verleger als Sie», versichert Fallada am Ende eines langen Brandbriefes, als er wieder einmal mit Rowohlt um bessere Konditionen streitet. Doch die Zeitläufte bringen Autor und Verlag auseinander. Nach dem unseligen Gefängnis-Aufenthalt und der Trennung von seiner Frau siedelt Fallada 1945 nach Berlin über, in den Ostsektor, wo Johannes R. Becher seine schützende Hand über ihn hält. Ernst Rowohlt, der von Hamburg aus, noch ohne Lizenz, um seinen Autor kämpft, sieht seine Felle davonschwimmen. Fallada wirbt um Verständnis: «Wenn ich mich erst einmal an den Aufbau-Verlag gebunden habe, so war da einfach die Notwendigkeit, erst einmal ein paar Kröten in die Hand zu bekommen, entscheidend.» Man bleibt trotzdem in Kontakt. «Ich gratuliere zur Wiedergeburt des alten Rowohlt-Verlages und verfluche nur das Schicksal, daß ich nicht bei allem dabei sein kann», schreibt Fallada seinem alten Verleger. Eine verteufelte Geschichte, findet auch Rowohlt. «Wenn Sie mir schreiben, daß Sie soeben einen neuen Roman vollendet haben, so können Sie sich vorstellen, daß mir die Tränen herunterkollern.»

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