Renate Dorrestein

Was keiner sieht

Christine Jansen hat Schreckliches auf dem Gewissen, und ihr bleibt nichts anderes übrig, als von ihrer Familie wegzulaufen. In Panik versteckt sich die Zehnjährige mit ihrem kleinen Bruder auf der Überfahrt zu einer schottischen Insel im Wagen einer pensionierten Lehrerin.
Hinter dem Steuer ihres alten Volkswagens sitzt – ahnungslos – die siebzigjährige Agnes Stam. Sie ist mit der Asche ihres verstorbenen Bruders unterwegs zu dem Ferienhaus der Familie, um sie dort auszustreuen. Dutzende Male hat sie diese Reise schon gemacht, früher stets mit ihren zahlreichen Großneffen und Großnichten, mit denen sie jedes »Glen« und jedes »Loch« der Insel erforschte. In diesem Jahr fährt sie erstmals allein, was sie verdrießt. Ist sie inzwischen zu alt, um Kinder zu beaufsichtigen? Wird sie von der Familie nicht mehr für voll genommen? Ist sie die blöde alte Tante Agnes, nie verheiratet und nie geliebt?
Die Entdeckung der beiden versteckten Ausreißer in ihrem Auto ist nur die erste einer Reihe bestürzender Überraschungen, die Agnes Stam erwarten, denn die Siebzigjährige fühlt sich sehr bald dem zehnjährigen Mädchen in einer Art Solidarität der Ausgenützten und der Mißbrauchten verbunden.
Renate Dorresteins Roman mutet wie ein erschreckendes Märchen an und ist doch eine durchaus realistische Geschichte. Der originelle Plot dieser meisterhaften Erzählerin ist voll verblüffender Logik und überzeugender Argumentationskraft.

Themen:   Schottland; Moderne und zeitgenössische Belletristik; Belletristik in Übersetzung

Top