09.11.2017   von rowohlt

Schöner scheitern mit Sarah Bosetti

Wenn wir mal das Mittelmaß treffen: einfach freundlich grüßen! Von einer, die auszog, das Scheitern zu lernen

© iStockphoto.com
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Niemand mag es, doch wir alle tun es: scheitern. An uns selbst, aneinander, an der Welt und natürlich an unseren Ansprüchen. In ihrem Buch lotet Sarah Bosetti auf einer Silvesterparty – der Nacht der gescheiterten Existenzen – die vielen Möglichkeiten aus, sich zwischen Erfolg und Misserfolg genussvoll einzunisten. Sie erzählt von Menschen, die Schauspieler werden, weil sie es als Kellner einfach nicht geschafft haben, vom Versuch, mit Schwimmflügeln an den Füßen über Wasser zu gehen, und von der Einsicht, dass wir alle Gollum sind, wenn man uns neben Scarlett Johansson stellt. Ehrlich, selbstironisch und sehr witzig!


Sie kennen Sarah Bosetti nicht? Ein rascher Blick auf ihre Biografie hilft vielleicht weiter: «Sarah Bosetti ist eine Erfindung ihrer Eltern. Seit 1984 ist sie anwesend, halb Mensch und halb Frau, studierte zunächst Filmregie in Brüssel und zog dann nach Berlin, wo sie sich seither zur Ersparnis eigener Heizkosten im Scheinwerferlicht der Lese- und Kabarettbühnen wärmt und 2013 deutschsprachige Team-Vizemeisterin im Poetry-Slam wurde. Sie ist bekannt aus ‹Die Anstalt› im ZDF, ‹Nuhr im Ersten›, der ‹ARD Ladies Night› sowie als Kolumnistin bei radioeins (RBB).»


Die Person, von der in Bosettis hinreißendem Buch die Rede ist, hat es im Scheitern zu einer gewissen Meisterschaft gebracht, Quasi Großmeisterin des ambitionierten Versagens, Premier League des Scheiterns. In sieben großen Kapiteln, in denen es um eine ganz spezielle Silvesternacht, diverse gescheiterte Existenzen und ein Kaninchen geht, durchwandern wir die gesamte Bandbreite möglichen Scheiterns:

«Wer es nicht schafft, an sich selbst zu scheitern, sucht sich jemanden, der ihm dabei hilft»


Die Scheitererin.  «Wir sind alle nur so mittel. Und manchmal treffen wir das Mittelmaß, grüßen es freundlich und denken: Wenn ich jemals so werde wie du, nimm einen großen Hammer und hau mich kaputt! Dabei sind wir es längst. (…) Wir alle werden sterben, ohne uns weiter als auf Armeslänge vom Mittelmaß entfernt zu haben. Selbst wenn wir es irgendwann geschafft haben, was immer ‹es› auch sein mag, gilt das nur für heute und nie für morgen. Was wir Erfolg nennen, ist immer von anderen Menschen abhängig, und Menschen sind vergesslich. Wir sind nicht mal im Scheitern außergewöhnlich. Ich habe es versucht. Ich wollte die beste Scheitererin der Welt werden. Ich habe mich Die Scheitererin genannt und hatte damit immerhin den schlechtesten Kampfnamen der Welt.»


Das Scheitern Gottes.  «Vor kurzem saß ich beim Arzt und habe im Wartezimmer in einem Anatomiebuch geblättert. Da ist mir aufgefallen: Das Gehirn und der Darm sehen einander unglaublich ähnlich. Das Gehirn sieht aus wie ein in Kopfform gepresster Dickdarm. Und dann kam mir der Gedanke, dass Gott vielleicht bei einigen Menschen genau diese beiden Dinge verwechselt haben könnte. Ich würde das verstehen. Wenn man all die Menschenbausätze vor sich liegen hat und sich fragt, wie die ganzen Einzelteile zusammenpassen, kann es doch mal passieren, dass man Gehirn und Darm aus Versehen falsch herum einbaut. Und dann hat man plötzlich Menschen, die nur Scheiße denken, aber dafür klugscheißen können. Wie logisch einem die Welt erscheint, wenn man das im Kopf behält! Beziehungsweise im Darm, je nachdem, zu welcher Sorte man gehört.»


Scheitern an sich.  «Im ursprünglichen Wortsinn steht «Scheitern» für das Zerschellen eines Schiffs. Nicht Stranden, Zerschellen. Das Ding muss kaputtgehen, sonst zählt es nicht. An sich ist es also unmöglich, an sich zu scheitern. (…) Man braucht schlechte Sicht, defekte Navigationsgeräte und ein stürmisches Meer. Aber das mittlere Leben mitteleuropäischer mittelständischer Mittdreißiger ist kein Meer, sondern ein idyllischer, fast wellenfreier See, auf dem es erstaunlich viele besagter Mittdreißiger trotz allem schaffen, an sich selbst zu scheitern. Sie zerbersten einfach plötzlich und ohne erkennbaren Grund in tausend Stücke. Sie leben ihr doch eigentlich so bequemes Großstadtleben und finden zwischen Netflix und Lieferservice einfach nichts, woran sie sich stören können. Und es ist verstörend, wenn nichts stört. Manchmal vergehen Wochen, in denen mein größtes Problem darin besteht, dass auf der Pizza, die ich bestellt habe, drei Paprikaschoten liegen und ich Paprika schon ein bisschen, aber auch nicht so richtig mag. Was soll ich denn da tun, wenn nicht mich selbst verachten?»


Scheitern aneinander.  «Wer es nicht schafft, an sich selbst zu scheitern, sucht sich jemanden, der ihm dabei hilft. Das Leben ist wie Autoscooter: Ohne die anderen Menschen wäre es viel entspannter, aber auch sehr langweilig. Wir lachen Hummeln aus, die immer wieder gegen eine Scheibe fliegen, aber zugleich tun wir genau dasselbe. Wir rennen immer wieder mit unseren Köpfen gegeneinander, oder mit unseren Herzen, oder mit unseren Geschlechtsorganen. Wir prallen aneinander ab und denken: Oh, huch, au, das hat weh getan. Das versuche ich gleich noch mal! Wir sind nicht besser als die Atome, aus denen wir bestehen. Die hätten auch viel mehr Ruhe, wenn sie einfach mal stillhalten würden. Dann gäbe es keine Wärme und kein Leben, aber eben auch kein Autoscooter und keinen Herzschmerz …»

«Hör auf zu skrupeln, Kind, das macht man nicht in feiner Gesellschaft!»


Scheitern an der Welt.  «Die Welt ist eine gute Felswand. An ihr zu scheitern ist einfach, denn sie ist ja überall. Man kann ihr nicht ausweichen und sie nicht weiträumig umfahren. Und egal, wie viel Mühe man sich gibt: Irgendwann knallt es immer. Sie kann einem nicht gleichgültig sein, denn auch die Gleichgültigkeit ist ein Teil von ihr. Man kann sich nicht von ihr abwenden. Sie ist groß und schön und hässlich und klein zugleich. Sie ist alles, was wir kennen, und alles, was wir haben. Sie ist unser Endgegner. Wir haben keine Chance, gegen sie zu gewinnen. Sie beherrscht jede Kampfsportart und besiegt uns in jeder Disziplin. Wir sind David, aber Goliath ist nur einer ihrer Zwerge.»


Scheitern am Oben.  «Noch schlimmer, als sich zu versterben oder zu verlieben, ist, wenn man sich verlebt. Wenn man also aus Versehen alles falsch macht im Leben. Immer in die falsche Richtung guckt, zum Beispiel. Der Mensch hat die Neigung, sich nach oben zu orientieren. Es ist fast egal, wo auf der Karriere- oder sonstigen Leiter er sich befindet: Hauptsache, es geht bergauf. Also guckt er nach oben, bis er Nackenschmerzen kriegt, und sieht nie, was unter ihm ist. Nach unten schauen lassen ihn nur Höhenangst oder Skrupel, und beides hat der Mensch nicht gerne. Es kann doch kein Zufall sein, dass wir einer so wichtigen moralischen Gefühlsregung wie Skrupel einen so hässlichen Namen gegeben haben. Skrupel. Das klingt wie diese harten Popel, die man besser lassen sollte, wo sie sind, weil man sonst Nasenbluten bekommt: ‹Hör auf zu skrupeln, Kind, das macht man nicht in feiner Gesellschaft!›»


Scheitern am Immer.  «Wir können sie uns nicht vorstellen, aber wir lieben sie, die Ewigkeit. Das wohl häufigste Beziehungsgespräch der Welt geht so:
‹Liebst du mich?›
‹Klar!›
‹Für ümmer?›
‹Für ümmer!›
Dinge zählen nur, wenn sie für immer sind. In der Liebe sowieso, aber auch sonst. Wir wollen ewig jung sein und niemals in Vergessenheit geraten. Sogar, wenn wir nur ein Regal aufhängen, denken wir: Das bleibt da jetzt hängen. Für ümmer. Sonst hätte sich der ganze Aufwand ja gar nicht gelohnt. Und wenn es schon ein Ende geben muss, dann wenigstens ein schönes. Wir messen die Dinge am Gefühl, das nachher übrigbleibt. Das Ende entscheidet, ob wir erfolgreich waren oder gescheitert sind. Welches One-Hit-Wonder würde sich wohl noch über seinen großen Erfolg freuen, wenn es wüsste, dass es anschließend im Dschungelcamp landet?»


Scheitern am Scheitern.  «Manchmal denke ich über die Weltherrschaft nach. Besäße ich sie, könnte ich Leuten befehlen, ihre Hände öfter zu waschen, ihren Nagellack nicht abzuknibbeln und allgemein unekliger zu sein. Das würde das Leben für niemanden außer für mich besser machen, aber ich würde mir im Gegenzug Mühe geben, auch gute Entscheidungen für die anderen zu treffen. Ich glaube, ich wäre eine gute Chefin. (…)  Aber mir gibt ja niemand die Weltherrschaft. Und eigentlich will ich sie auch gar nicht haben. Sie gilt als Maximum des Erreichbaren, als Gipfel des Erfolgs. Sie ist so viel Gewinn, dass alle anderen Gewinne neidisch auf sie sind. Aber warum sollte jemand wirklich die Welt beherrschen wollen? Wer alles kontrolliert, muss ja ständig alles kontrollieren. Das wäre mir viel zu anstrengend. Was meine Allmachtsphantasien zügelt, ist weniger Vernunft oder Moral als Faulheit. Ich hätte einfach keine Lust, ständig herrschen zu müssen. Mich stresst ja schon die Verantwortung für die Dinge, die ich besitze. Fünfzig Quadratmeter voller Gegenstände, das ist mir Herrschaft genug.»

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