14.05.2020   von rowohlt

Rolf Hochhuth ist tot

«Ich halte Rolf Hochhuth für den geschichtsmächtigsten Autor unserer Generation.» (Martin Walser)

© Ursula Euler
© Ursula Euler

Fritz J. Raddatz nannte ihn einen «Kaltnadelradierer der Poesie, schmucklos, scharf ritzend, aber nicht ätzend … ein besessener Aufklärer, wo er die Täter am Werk sieht, ob Diktatoren oder Shareholder». Rolf Hochhuth war einer der erfolgreichsten Dramatiker des heutigen Theaters – mit sicherem Gespür für brisante Stoffe und Themen. Hochhuth, am 1. April 1931 in Eschwege geboren, erzielte mit dem «christlichen Trauerspiel» Der Stellvertreter internationalen Erfolg. Es thematisiert die Rolle der katholischen Kirche, speziell die von Papst Pius XII., im Zweiten Weltkrieg. Als rigoroser «Moralist und Mahner» setzte sich Hochhuth mit aktuellen politisch-sozialen Fragen auseinander; in einer Vielzahl offener Briefe plädierte er für die «moralische Erneuerung» der Politik.
Am 13. Mai 2020 ist Rolf Hochhuth im Alter von 89 Jahren in Berlin gestorben.

Er war einer der erfolgreichsten Dramatiker des heutigen Theaters – mit sicherem Gespür für brisante Stoffe und Themen. Jedes seiner Stücke hat heftige Debatten ausgelöst und manchen prominenten Politiker und Kirchenmann das Fürchten gelehrt. Der Stellvertreter war ein Paukenschlag in der Geschichte des westdeutschen Nachkriegstheaters. Die Westberliner Uraufführung am 20. Februar 1963 unter Regisseur Erwin Piscator löste die bis dahin heftigste Theaterdebatte der Bundesrepublik Deutschland aus. Aber nicht nur in der Bundesrepublik sorgte Hochhuths «Skandalstück» für heftige Reaktionen. Auch in anderen europäischen Ländern kam es zu Tumulten während und nach Aufführungen. Für seine Inszenierung am New Yorker Broadway im Februar 1964 wurde Produzent Herman Shumlin mit einem Tony Award ausgezeichnet. 2002 wurde das Stück von Regisseur Constantin Costa-Gavras mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle verfilmt.


Zeitweise hatte der streitbare Hochhuth die ganze katholische Kirche gegen sich, was ihm durchaus behagte: «Es gab Drohungen und Fackelzüge. Der Stellvertreter durfte anfangs an keiner deutschen Bühne am Rhein gespielt werden und an keiner südlich des Mains. Im protestantischen Basel mussten 200 Polizisten das Theater bewachen. Es gab sogar im Bundestag eine kleine Anfrage von katholischen Abgeordneten der CDU, die das Stück verbieten lassen wollten. Aber ich habe immer auch Verteidiger innerhalb der Kirche gefunden. Der prominenteste war Papst Johannes XXIII. Als man ihn fragte, was man tun könne gegen das Stück, war seine Antwort laut Hannah Arendt: ‹Nichts! Gegen die Wahrheit kann man nichts tun.›»


Zu Hochhuths Prominenz trug nicht zuletzt Ex-Bundeskanzler Ludwig Erhard bei. Nach der Veröffentlichung des Essays Der Klassenkampf ist nicht vorbei im «Spiegel» (Mai 1965) schäumte Erhard – und benutzte in einer Rede die berühmt gewordene Formulierung vom «ganz kleinen Pinscher».


So gut wie jedes Hochhuth-Stück löste massive Proteste aus. Soldaten (über den alliierten Bombenkrieg im Zweiten Weltkrieg) erzeugte einen Londoner Theaterskandal und sorgte letztlich für die Abschaffung der britischen Theaterzensur. In der Erzählung Eine Liebe in Deutschland fiel der ebenfalls legendär gewordene Ausdruck vom «furchtbaren Juristen» über den baden-württembergischen CDU-Ministerpräsidenten Hans Filbinger und dessen Rolle als Marinestabsrichter im Dritten Reich, wogegen Filbinger klagte und sich im Prozess dermaßen in Widersprüche verwickelte, dass er schließlich zurücktreten musste. Aber auch Werke wie Juristen, Die Hebamme, Alan Turing, Wessis in Weimar oder McKinsey kommt wurden in der Öffentlichkeit leidenschaftlich diskutiert.


Was Gert Ueding über Hochhuths Gedichte schrieb, gilt für sein ganzes Werk: «Hier habt ihr einen, den nur eine dünne Haut von den Katastrophen der Weltgeschichte trennt und der daher die kräftigen Worte sucht wie das Kind den schrillen Pfeifton in der Dunkelheit.» Zur Erreichung des Ziels, seine Leser frontal anzugehen, komme eben «nicht die gespielte Überlegenheit Brechts, nicht die distanzierte Melancholie Benns» in Frage. Lebendig wurden Geschichte und Zeitgeschichte für Hochhuth erst durch das Handeln Einzelner. Seine Figuren sind streitbare Moralisten – wie er selber einer war. Sein Werk ist Aufruhr in Permanenz, sein literarisches Programm lautete: der Dichter als Störenfried. Nun ist er in einer Zeit von uns gegangen, die solche wie ihn dringend bräuchte.

Seine Werke - eine Auswahl

Der Stellvertreter

Der Stellvertreter

Ein christliches Trauerspiel
Durfte der Vorgänger Papst Johannes XXIII. schweigen zur planmäßigen Ausrottung der europäischen Juden durch Hitlerdeutschland ? Zu Auschwitz ? Seit Rolf Hochhuth zum erstenmal diese Frage aufwarf, kam sie nie mehr zur Ruhe. Sein Drama, 1963 durch Erwin Piscator in Berlin uraufgeführt, wurde seither in über 25 Ländern ...  Weiterlesen

Preis: € 10,99
Seitenzahl: 528
rororo
ISBN: 978-3-499-10997-3
01.03.1976
Erhältlich als: Taschenbuch
Essayistische Prosa und Gedichte

Essayistische Prosa und Gedichte

Hochhuths essayistisches Werk ist Aufruhr in Permanenz. Diese umfassende Auswahl zieht Bilanz, bringt zudem zahlreiche bisher unveröffentlichte und neue Texte, ein neues Drama («Der Fliehende Holländer») sowie (Liebes-)Gedichte.
«Die zwei Lieblingsthemen, die zwei Obsessionen Hochhuths: die Historie und die Frauen ...»
Harald Hartung, Frankfurter ...  Weiterlesen

Preis: € 78,00
Seitenzahl: 1728
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-03011-7
02.05.2011
Erhältlich als: Hardcover
Was vorhaben muß man

Was vorhaben muß man

Rolf Hochhuths Aphorismen versuchen Verhaltensforschung in den drei Lebensbereichen, die jeden Menschen formen: das Private, das Politisch-Historische und das Künstlerisch-Kulturelle. Diesen Themengruppen hat der Autor sich besonders verschrieben, seit mit dem Stellvertreter die Frage in die Welt kam: Warum schwieg der Papst zum Holocaust?, und ...  Weiterlesen

Preis: € 12,00
Seitenzahl: 144
rororo
ISBN: 978-3-499-27671-2
18.06.2019
Erhältlich als: Taschenbuch, Hardcover, e-Book
Eine Liebe in Deutschland

Eine Liebe in Deutschland

Die Geschichte erzählt von der Liebe einer deutschen Gemüsefrau und einem polnischen Kriegsgefangenen in einem scheinbar idyllischen badischen Dorf, die sich im Hitler-Krieg ereignet hat. Hochhuth stellt hier Politik nicht an jenen Personen dar, die sie machen, sondern an den "kleinen Leuten", mit denen Politik gemacht wird. Ein vorabgedrucktes ...  Weiterlesen

Preis: € 9,95
Seitenzahl: 352
rororo
ISBN: 978-3-499-15090-6
01.10.1983
Erhältlich als: Taschenbuch
Neue Dramen, Gedichte, Prosa

Neue Dramen, Gedichte, Prosa

Fünf wichtige Theaterstücke, darunter die heftig diskutierten "Wessis in Weimar" und "McKinsey kommt", sind der Schwerpunkt der Dramen-Auswahl dieses Bandes. Die "Ausplünderung der DDR-Deutschen durch die Treuhand" (Manager Magazin) und die Darstellung - nicht Billigung! - von Detlev Karsten Rohwedders Ermordung haben die Menschen aufgewühlt. Auch ...  Weiterlesen

Preis: € 68,00
Seitenzahl: 1280
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-02983-8
17.03.2006
Erhältlich als: Hardcover

Die Hebamme

Die Hebamme

Komödie
"Die Diplom-Hebamme Sophie ... muß sich vor Gericht verantworten - welche Szene in ihrer umwerfenden Komik lebhaft an Kleists ´Zerbrochenen Krug´ oder Zuckmayers ´Hauptmann von Köpenick´ erinnert. Die deutsche Dramatik ist nicht eben reich an wirklich zündenden Lustspielen." (Gerhard Ebert in Neues Deutschland)  Weiterlesen

Preis: € 8,50
Seitenzahl: 192
rororo
ISBN: 978-3-499-11670-4
01.01.1975
Erhältlich als: Taschenbuch
Alan Turing

Alan Turing

Alan Turing war einer der herausragendsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Im Zweiten Weltkrieg war seine Forschung kriegsentscheidend: Er entschlüsselte den Enigma-Code der Deutschen und konnte ihre Funksprüche nach wenigen Minuten der britischen Führung übermitteln. Nicht Ruhm und Ehre aber werden ihm in der Nachkriegszeit zuteil - als ...  Weiterlesen

Preis: € 10,00
Seitenzahl: 272
rororo
ISBN: 978-3-499-26997-4
30.01.2015
Erhältlich als: Taschenbuch
Juristen

Juristen

"So hart, so direkt ist bisher kaum auf unserer Bühne in die Bundesrepublik hinein gefragt worden. Manchem mag zumute sein, daß das subventionierte Theater hier an die Grenze dessen komme, was es noch könne (´dürfe´). Also ist das Theater hier auch befragt." (Günther Rühle, FAZ)  Weiterlesen

Preis: € 7,90
Seitenzahl: 224
rororo
ISBN: 978-3-499-15192-7
01.11.1983
Erhältlich als: Taschenbuch
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