29.11.2016   von rowohlt

«Ich hatte ein gutes und erfülltes Leben»

Ein Buch voller Weisheit und Humor: Stephen Hawking lässt sein privates und wissenschaftliches Leben Revue passieren

© Gillman and Soames Photographers
© Gillman and Soames Photographers

Stephen Hawking erzählt in «Meine kurze Zeit» von seiner Kindheit und Jugend in Oxford und St. Albans, vom Ausbruch der degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems (ALS) und der Herausforderung, mit dieser Krankheit zu leben und zu arbeiten. Er berichtet von seinen beiden Ehen (und wie ihm beide Ehefrauen buchstäblich das Leben retteten), seinen Kindern, seinen Reisen um die ganze Welt. Sein Resümee ist das eines glücklichen Menschen: «Ich hatte ein gutes und erfülltes Leben.» Und: «Falls ich etwas zum Verständnis unseres Universums beitragen konnte, wäre mein Glück vollkommen.»

St. Albans, Oxford: Kindheit und Jugend


Stephen Hawking wurde am 8. Januar 1942 geboren, exakt 300 Jahre nach Galileis Tod. Auch wenn sich bestimmt nicht alle Kinder, die an diesem Tag das Licht erblickten, später für Astronomie interessierten – keine schlechte Inspiration für einen, der später als Jahrhundertgenie der Astrophysik gefeiert werden würde. Dass Hawking in Oxford und nicht in London zur Welt kam, hatte einen Grund: «Die Deutschen hatten versprochen, Oxford und Cambridge mit ihren Bomben zu verschonen. Im Gegenzug hatten sich die Engländer bereit erklärt, Heidelberg und Göttingen nicht zu bombardieren.»


Hawkings Mutter, eine gebürtige Schottin, arbeitete nach ihrem Studium in Oxford in verschiedenen Berufen. Sein Vater studierte ebenfalls in Oxford, Spezialgebiet: Tropenmedizin. Als Frank Hawking 1950 eine Stelle am neuerbauten National Institute für Medical Research in Mill Hill am Nordrand Londons erhielt, zog die Familie in die alte Bischofsstadt St. Albans. Auf ihre Nachbarn müssen die Hawkings ziemlich exzentrisch gewirkt haben. Frank Hawking sparte aus Prinzip Geld, wo er konnte; so weigerte er sich beharrlich, eine Zentralheizung in ihr Haus einbauen zu lassen, sehr zum Unvergnügen seiner Familie. Statt in einem normalen Auto kutschierte er seine Leute in einem Londoner Vorkriegstaxi herum.


In der St. Albans School zählte Hawking nicht zu den auffallenden Schülern. Lässiger Einsatz, mittelmäßige Noten; da verwunderte schon ein wenig sein Spitzname unter Mitschülern: «Einstein». Sein Vater wollte den Knaben unbedingt Medizin studieren lassen, Stephen weigerte sich: Die intelligentesten Jungs studierten in Oxford oder Cambridge Mathematik und Physik, nicht Medizin. Der Vater-Sohn-Kompromiss lautete dann: Chemie mit Nebenfach Mathematik. Genie entwickelt sich manchmal auf seltsamen Pfaden. 


Ob Hawking ein guter Student war? Schwer zu sagen; allzu viel Fleiß legte er jedenfalls nicht an den Tag: «Ich habe einmal ausgerechnet, dass ich in den drei Jahren in Oxford ungefähr tausend Stunden gearbeitet habe, was einem Durchschnitt von einer Stunde pro Tag entspricht.» In Cambridge konzentrierte er sich dann auf die Fachgebiete Kosmologie und Teilchenphysik. Mit dem Ausbruch seiner Krankheit veränderte sich alles in seinem Leben, buchstäblich von einem auf den anderen Tag. Er ist einundzwanzig, als er erfährt, dass er an einer unheilbaren Krankheit leidet: ALS, Amoytrophe Lateralsklerose.


«Wem ein früher Tod droht, der begreift, welchen Wert das Leben hat und dass es noch viele Dinge gibt, die man tun möchte.» Stephen Hawking will keine Zeit mehr verlieren – beruflich wie privat. Im Juli 1965 heiratet er seine Kommilitonin Jane Wilde; drei Kinder werden geboren, Robert, Lucy und Tim. Und: Hawking wirft sich voller Elan in die Arbeit. Er hat sein Lebensthema gefunden – die Zeit, die ihm bleibt, will er effektiv nutzen. Wie gut er sie genutzt hat, zeigte sich spätestens 1979 mit der Berufung auf den Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik, den einst Sir Isaac Newton innehatte.

Das Jahrhundertwerk eines Jahrhundertgenies


Manche großen Ideen stellen sich quasi im Vorbeigehen ein. Ein Beispiel: «Meine Arbeit über Schwarze Löcher begann 1970, einige Tage nach der Geburt meiner Tochter Lucy, mit einem Aha-Erlebnis. Während ich zu Bett ging, wurde mir klar, dass ich die Kausalstruktur-Theorie, die ich für Singularitätstheoreme entwickelt hatte, auf Schwarze Löcher anwenden konnte.»


Es ist verblüffend, wie Stephen Hawking es versteht, komplexeste Sachverhalte in ein paar einfachen Sätzen auch für die verständlich zu machen, die Physik in der Oberstufe mit einem großen Glücksgefühl abgewählt haben. Überhaupt ist es eine Freude, über Dinge zu lesen, die man als naturwissenschaftlich unbedarfte Existenz bestenfalls je in Ansätzen verstehen wird – und die doch irgendwie unglaublich reizvoll, geradezu poetisch klingen: erlöschende Sterne, kosmische Strings, wirbelnde Charm-Teilchen, verdunstende schwarze Löcher, imaginäre Zeit, gekrümmter Raum, Weltformel.


Wer mit Stephen Hawking unterwegs ist, begibt sich auf eine Reise zu den kleinsten Bausteinen der Materie, den Quarks. Fliegt dann zu den entferntesten Punkten unseres Universums – steigt durch Stratosphäre und Ozonschicht, schießt in den Weltraum hinaus, wirft einen Blick auf unseren blauen Planeten zurück, der wie ein funkelnder Edelstein im Dunkel des Alls schwebt. Viele Millionen Lichtjahre später, unsere Sonne ist längst verschwunden und unsere Milchstraße nur eine von zahllosen Milliarden Galaxien, registriert man wir das Leuchten eines Quasars, eines QUAsiStellARen Objekts: heller als 300 Milliarden Sonnen, sehr ferne Objekte von ungeheurer Dichte und Energie.


«Die kurze Geschichte der Zeit», der 1988 veröffentlichte «Ur-Hawking», erreichte Kultstatus, wurde in 40 Sprachen übersetzt und avancierte mit über zehn Millionen verkauften Exemplaren zum erfolgreichsten Sachbuch des 20. Jahrhunderts. Es musste ein populärwissenschaftliches Buch werden, das war Hawking klar; deshalb votierte er entschieden für Bantam Books, deren Lektor Peter Guzzardi sich in vielerlei Hinsicht als Glücksgriff erwies. Dank Hawking wurde «das Warumwoherundwohin, das Sinnieren über das Allergrößte und Winzigkleinste, bis dahin Spezialwissen weniger Gelehrter, zum Partytalk» (Der Spiegel).

Ein glückliches Leben, trotz allem


Noch nie hat Stephen Hawking so viel Privates über sich preisgegeben: über das Zusammenleben mit  seinen beiden Ehefrauen Jane Wilde und Elaine Mason, über die immer gravierenderen Auswirkungen seiner Krankheit, die Wichtigkeit technischer Hilfsmittel (Sprachsynthesizer etc.), die Todesgefahr, in der er so oft schwebte. Darüber schreibt Hawking nüchtern, unlarmoyant und mit trockenem britischem Humor. «Schließlich wurde ich mit einem Beatmungsgerät, das ich nachts benutzte, nach Hause geschickt. Der Arzt teilte Elaine mit, ich käme nach Hause, um zu sterben. (Ich habe meinen Arzt danach gewechselt.)» 


«Als ich einundzwanzig war und ALS bekam, fand ich das außerordentlich unfair: Warum gerade ich! Damals dachte ich, mein Leben sei zu Ende. Ich würde das Potential, das ich meiner Meinung nach hatte, niemals ausschöpfen können. Doch heute, fünfzig Jahre danach, kann ich gelassen auf mein Leben zurückblicken und zufrieden sein. Ich war zweimal verheiratet und habe drei wundervolle, großartige Kinder. (…) Meine Behinderung hat meine wissenschaftliche Arbeit nicht wesentlich beeinträchtigt. Tatsächlich war sie in mancherlei Hinsicht eher von Vorteil: Ich brauchte keine Vorlesungen zu halten und keine Studienanfänger zu unterrichten, und ich musste nicht an langweiligen und zeitraubenden Institutssitzungen teilnehmen. (...) Für meine Kollegen bin ich nur ein Physiker unter vielen anderen, doch für die Öffentlichkeit wurde ich womöglich zum bekanntesten Wissenschaftler der Welt.»


Wer ihn in seinem Hightech-Rollstuhl sieht, wird es kaum glauben: Hawking ist in seinem Leben viel gereist, er war sieben Mal in der Sowjetunion, sechs Mal in Japan, mehrfach in China. Er hat in der Großen Halle des Volkes ebenso Vorträge gehalten wie im Weißen Haus, er ist in einem U-Boot-getaucht und in einem Heißluftballon in die Wolken hochgestiegen. Und er hat bei Virgin Galactic einen Weltallflug gebucht. Das ist Stephen Hawking.

Top