09.05.2018   von rowohlt

Ich, 36, Rabenmutter

Schwangerenyoga, Pastinakenblues und Schreiexzesse: Marlene Hellenes hinreißender «Leitfaden für verwirrte Mütter»

«Liebe Freunde des gepflegten Beischlafs: Noch habt ihr Spaß, aber schon bald lauft ihr mit Laternen durch den Regen. Ich weiß das. Ich bin Mutter. Meinen Wäschebergen nach zu urteilen, habe ich 34 Kinder – und alle arbeiten im Bergwerk. Ich bin eine von vielen Betroffenen. Ich bin genauso verzweifelt, genervt, wütend, müde, amüsiert und voller Liebe für meine Kinder wie Millionen anderer Mütter.» Marlene Hellene schreibt so unterhaltsame wie tröstliche Geschichten aus ihrem Leben als junge Mutter – und wird von ihren Fans für ihren Witz und ihr Temperament geliebt. «Dieses Buch zeigt: Auch in mehr als 140 Zeichen ist Marlene Hellene richtig gut.» (Brigitte.de)

Was man von Kindern zurückbekommt ...


«Meine spontanen Gedanken hierzu sind: Schwangerschaftsstreifen und leergesüffelte Brüste. Graues Haar und Tränensäcke. Bleierne Müdigkeit und die Gereiztheit eines bengalischen Tigers. Man bekommt Kackawindeln, Popel und wenn es richtig doof läuft Erbrochenes auf die Seidenbluse. Einen Wäscheberg mit den Ausmaßen des Mount Everest und vollgekritzelte Wände. Geldsorgen, Chaos und Tinnitus …» 


Aber: Man bekommt auch «feuchte Küsse von warmen, kleinen Mündchen und feste Umarmungen. Bezauberndes Lächeln und blitzende Kinderaugen. Man entdeckt die Freude am ersten Schnee des Jahres neu. Man bekommt Erstaunen und Stolz. Lachen und ganz viel Quatsch. Neue Freunde und neue Ziele. Man bekommt Pippi Langstrumpf und die Kinder von Bullerbü zurück. Kuschelnachmittage und Kissenschlachten. Rührung und Herzkonfetti … Das größte Glück und die Liebe seines Lebens.»


Hier ein paar Impressionen aus dem Leben mit dem Wesen, das einmal als «niedlicher, kleiner Zellklumpen in meiner Gebärmutter» angefangen hat. Viel Vergnügen mit Marlene Hellene!

«Ich war eine Streberschwangere der übelsten Sorte»


Endlich schwanger? «Von nun an wollte ich alles richtig machen. Dem Punkt im Bauch sollte es an nichts fehlen. Und ganz besonders wichtig war ja jetzt – sagte das Internet – , dass ich mich gesund ernährte. Ich aß also frisches (total superordentlich gewaschenes) Obst, Vollkornbrot, gegartes Gemüse und Haferflocken. Dafür mied ich Rohmilchkäse, ungewaschenen Salat, rohes Fleisch und rohen Fisch wie der Teufel das Weihwasser. Rauchern auf der Straße warf ich, mir Frischluft zuwedelnd, böse Blicke zu, und wenn ich durch die Alkoholabteilung im Supermarkt ging, hielt ich den Atem an. Ich dachte sogar darüber nach, mir ein Heim-Ultraschallgerät anzuschaffen, um die täglichen Fortschritte der Schwangerschaft zu dokumentieren, und verwarf diese grandiose Idee nur aufgrund fehlender finanzieller Mittel. Ich war eine Streberschwangere der übelsten Sorte. Fünf Tage lang. Dann fing das große Kotzen an.


Ich war genervt. Diese Schwangerschaft war nicht das romantische Erlebnis, das ich mir erwartet hatte. Keiner machte mir Komplimente für mein inneres Strahlen und mein volles Haar. Und das Schlimmste: Niemand erkannte meine immense Leistung an. Immerhin ließ ich dem Kind in meinem Bauch gerade Organe wachsen, dabei war ich medizinisch überhaupt nicht geschult. Ich weiß ja zum Beispiel nicht mal, wofür man so eine Gallenblase überhaupt braucht und wie lang ein Dünndarm ist, und trotzdem wuchs da alles vorschriftsmäßig heran. Also, Applaus bitte für die Schöpferin! Außerdem war ich der Meinung, dass man mich schon mal etwas mehr verhätscheln könnte. Ich hatte Rückenschmerzen und schlief schlecht, und meine wunderhübsche Taille war verschwunden. Ich fand das ungerecht. Ich wollte Mitleid. Und Kuchen und Geschenke.


Wo fand man am besten seine innere Sonne?  Genau, beim Yoga. Genau genommen beim Schwangerenyoga. So begab es sich also, dass ich mich in einem schummrig beleuchteten Raum mit zehn anderen Schwangeren auf Isomatten wiederfand. Es roch nach eigenartigem Tee und Käsefüßen. Man musterte sich, dann wurden Zahlen ausgetauscht: 26 + 4, 30 + 1, 22 + 5. Die Gewinnerin stach mit 38 + 2 alle im Schwangerschaftswochen-Quartett aus und versicherte sich so unserer Geburtshilfe im Ernstfall. (…)
Und während des Abschlussliedes fragte ich mich dann doch, ob das Ganze hier jetzt wirklich das Richtige für mich war. Ich bezweifelte, dass das Singen und Kreisen und Durch-die-Füße-Atmen meine Laune wirklich positiv beeinflussen konnte. Bis 30 + 1 plötzlich rief: «Wer geht noch mit Schnitzel essen?» Alle Zweifel, alle Fragen – sie waren wie weggeblasen. Schnitzel. Hier war ich richtig. Da saßen wir also, fütterten die Föten mit paniertem Fleisch und besprachen die wirklich wichtigen Themen. Von A wie Anstellbett bis Z wie Zangengeburt. Endlich wurde ich verstanden, endlich war ich nicht mehr die Irre mit dem dicken Bauch. Hier war ich schwanger, hier konnt’ ich’s sein.


Schlafen. Es gab Zeiten, da fand ich das Thema Schlaf und Kinder total simpel. Man nehme das Kind, lege es in sein Bett, singe ein Liedchen und schwuppdiwupp: heia popeia. Das war, bevor ich Mutter wurde.
Schon wenige Tage nach Geburt meines ersten Kindes hatte ich das dringende Bedürfnis, mein jüngeres Ich kräftig zu ohrfeigen. Fakt ist nämlich: Säuglinge schlafen zwar viel, aber natürlich nicht in ihrem Bett. Nein, auch nicht in dem liebevoll dekorierten Stubenwagen mit atmungsaktiver arschteurer Matratze. Sie schlafen auf Mama. Okay, manchmal auch auf Papa oder einem anderen menschlichen Wesen. Das aber nur, wenn sie sehr satt sind. Sonst auf Mama. Wenn möglich mit Brustwarze im Mund. Falls ein kleines Hüngerchen kommt. Auf Mamas eigene Schlaf-, Ess- oder Klobedürfnisse kann dabei natürlich nur wenig bis gar keine Rücksicht genommen werden.


Schreien. Babys können fast nichts, dadurch ist es ihnen möglich, all ihre Stärke in dieses Talent zu legen: das Schreien. Es ist quasi ihre Inselbegabung. Babys können wahnsinnig laut, wahnsinnig schrill und wahnsinnig ausdauernd schreien. Sie werden das Baby unter Tränen anbetteln, endlich still zu sein. Vielleicht bieten Sie ihm sogar Geld, Schmuck und Luxusautos an (nein, das habe ich natürlich nie gemacht. Hüstel). Vergessen Sie es! Solange es nicht genau bekommt, was es will, wird es den «Aus»-Knopf nicht betätigen. Das wirklich
Perfide dabei ist, dass der kleine Diktator Ihnen nicht einfach sagt, was er will. Das ist dann einer der Momente, in dem Sie sich ein bisschen Urlaub in Ihrem Beruf wünschen.
Aber das ist noch längst nicht alles. Das Baby lässt Sie hungern, indem es nämlich dafür sorgt, dass Sie keine Zeit haben, sich selbst etwas zu kochen. Ich ernährte mich irgendwann jedenfalls nur noch von den Abfällen des Kindes. Eine angelutschte Brezel da, ein paar unter den Tisch gefallene Nudeln hier. So überlebte ich.

«Auf Warum-Fragen antworte ich manchmal nur ‹darum› …»


Erste Kita-Tage. Dann begann die Eingewöhnung. Offiziell ist das der Zeitraum, in dem sich das Kind an die Trennung von den Eltern und an den Kindergartenalltag gewöhnen soll. Inoffiziell kann ich sagen, dass die Mutter die Eingewöhnung braucht, damit der Entzug vom Kind nicht ganz so kalt ist. «Die sanfte Eingewöhnung, das Methadonprogramm für junge Mütter» – das wäre doch mal ein Werbeslogan für Kitas. Jedenfalls sollte sich die Eingewöhnung so gestalten, dass das Kind mit mir zusammen ein wenig Kindergartenluft (eine Mischung aus voller Windel, Wurstbrot und Banane) schnuppern sollte. Yippie, ich durfte dabei sein. Ich musste mein Baby nicht hergeben. Doch schon nach wenigen, mich in Sicherheit wiegenden Tagen geschah es: Man verwies mich des Raumes. Das Brechen meines Mutterherzen hört sich übrigens exakt wie das Schließen einer Kindergartentür an. Das weiß ich jetzt. Da stand ich nun also, das Kind drinnen, ich draußen. Ich drückte mein Ohr an die Tür, ich linste durch das Schlüsselloch: kein Weinen, keine Mama-Rufe, kein Huggahugga.
Da schlich ich also kinderseelenallein durch die Kita- Gänge und betrachtete die Zertifikate an den Wänden. Bewegungskindergarten, bewusste Kinderernährung, psychologisches Superschallala. Und wissen Sie, was ich da den Erzieherinnen entgegenschreien wollte? STECKT EUCH EURE ZERTIFIKATE IN DEN POPO!


1-a-Rabenmutter! Ich bin keine gute Mutter. Ich diene nicht als Vorbild. Ich bin sogar eine sehr schlechte Mutter. Katastrophal, dem Jugendamt zu melden, aus dem Amt zu entheben. Sagen Sie jetzt nichts. Es ist die Wahrheit. Woher ich das weiß? Natürlich aus dem Internet. Und das Internet weiß alles und hat immer recht. (…)
Spaghetti Bolognese mögen die Kinder zum Beispiel nur in der Fix-Variante. Das Internet weiß natürlich, warum: Weil ich die Kinder geschmacklich komplett verdorben und für alle Zeiten ihre Geschmacksnerven vergiftet habe, weil ich schlimmer bin als jede Assimutter bei Frauentausch.
Backen kann ich auch nicht sonderlich gut. Ich habe den Kindern noch nie eine herzförmige Regenbogentorte gebacken oder ihnen aus Pfannkuchen die Tiere des Waldes ausgestanzt. Ich habe ja nicht einmal einen Thermomix. Und das ist noch nicht alles. Nein, ich kann darüber hinaus überhaupt nicht basteln. Schlimmer noch: Ich finde Basteln doof. Meine Schmetterlinge sehen aus wie Slipeinlagen mit Flügeln, und jeder blinde Schimpanse formt hübschere Figuren aus Knete als ich. Ich dekoriere auch das Haus nicht jahreszeitlich. Bei uns sieht es praktisch immer gleich aus. Die Kinder müssen aus dem Fenster schauen, um zu erfahren, ob wir Sommer oder Winter haben.


Noch ein Geständnis: Ich bin pädagogisch völlig ungeschult. Ich war nie auf einschlägigen Lehrgängen und habe nicht einen einzigen Erziehungsratgeber im Regal. Auf Warum-Fragen des Zweijährigen antworte ich manchmal nur «darum», anstatt alles fallen zu lassen und ihm mit Hilfe von Flipchart und Handpuppen zu erklären, warum es allgemein unüblich ist, nur mit meiner Flamingounterhose auf dem Kopf das Haus zu verlassen. Im Winter. Außerdem dürfen meine Kinder fernsehen. Das alleine würde ja schon reichen, um die Internetgemeinde zu Fackeln und Mistgabel greifen zu lassen. Aber es ist ja noch viel schlimmer: ICH PARKE DIE KINDER VOR DEM FERNSEHER! So nennt man das doch?!


Pastinakenblues. In diesen ersten Lebensjahren orientieren sich Kinder bei der Ernährung maßgeblich an ihren Eltern.» Dieser Satz, liebe Freunde der ambitionierten Kindererziehung, ist eine Lüge. Lassen Sie es uns in die Welt hinausschreien! Wir schreiben es auf Plakate und sparen zusammen auf eine Doppelseite in der «FAZ». Die Welt muss die Wahrheit erfahren: Kinder essen, was sie wollen. Nicht, was Mama will, nicht, was Papa will, und erst recht nicht, was die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung will. Kinder orientieren sich ausschließlich daran, was ihnen ihr speckiges Bäuchlein sagt.


Wie bitte – Geschwisterliebe? «Mach ganz schnell noch ein zweites Kind. Die beiden können dann so schön miteinander spielen.» Das riet man mir direkt wenige Tage nach der Geburt meiner Tochter. Und weil das so vernünftig klang, machte ich das auch. All diesen ratgebenden Menschen möchte ich jetzt, Jahre später, gerne das zurufen: «DANKE FÜR NICHTS, IHR ARSCHGEIGEN!» Zwei Kinder zu haben bedeutet in meinem Fall nämlich vor allem eines: Krieg in seiner schlimmsten familiären Ausprägung. DER GESCHWISTERKRIEG!»

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