03.08.2018   von rowohlt

Hiltrud Leenders ist tot

Ihr Roman «Pfaffs Hof», die Geschichte einer Nachkriegskindheit am Niederrhein, wird zu ihrem Vermächtnis

© PhilipLethen.com
© PhilipLethen.com

Ihr letzter Roman war für Hiltrud Leenders eine Herzensangelegenheit. Als «Pfaffs Hof» am 26. Juni 2018 erschien, war sie bereits so sehr von der Krankheit gezeichnet, dass sie ihr Buch nicht mehr selbst vorstellen konnte. Vier Wochen später ist Hiltrud Leenders im Alter von 62 Jahren gestorben. Begonnen hatte sie als Übersetzerin und Lyrikerin, bevor sie mit ihrem Mann, dem Chirurgen Artur Leenders, und dem Psychologen Michael Bay mehr als ein Dutzend erfolgreicher Kriminalromane schrieb, die alle in Kleve und im niederrheinischen Umland spielten. 

«Pfaffs Hof»


Die Sechziger sind gerade angebrochen, als Annemarie mit ihren Eltern auf Pfaffs Hof in einem kleinen Ort am Niederrhein zieht. Kein Wirtschaftswunder weit und breit – hier an der Frontlinie zwischen dem für evangelische Ostflüchtlinge errichteten Dorf und dem Nachbarort für «die Katholischen» (die Mama und Papa statt Mutti und Vati sagen …). In den Ecken des dunklen, baufälligen Gebäudes, wo die Albers leben, sammeln sich Staub, Enttäuschung und trotzige Stille. Die Stille heißt Peter, wie Annemaries älterer Bruder, der gehen musste, weil er zu viele Fragen über den Krieg stellte – und die unbewältigte Nazivergangenheit. 


Während die ständig im Streit liegenden Eltern die Fassade einer normalen Kindheit aufrechtzuerhalten versuchen, flüchtet Annemarie in ihre Bücher und liest sich nach Bullerbü. Zwischen Mutters Klagen und Vaters Schweigen träumt sie von einem ganz anderen Leben. Sie weiß, dass sie sich nicht unterkriegen lassen wird. Und dass sie ihren eigenen Weg gehen wird, auch  wenn er sie aus ihrem Vertriebenendorf wegführen sollte. Denn die Wahrheit über das, was war, lässt sich nicht auf ewig totschweigen …


«Gekonnt und unaufdringlich lässt Leenders die unspektakuläre, abwiegelnde, aber subtil gewaltsame Sprache ihrer Kindheit aufleben», schreibt Norbert Mappes-Niediek in seiner Besprechung in der Frankfurter Rundschau. «So, wie Leenders es tut, ist von der späteren Nachkriegszeit noch nicht erzählt worden.» 


«Pfaffs Hof» wird ihr letzter Roman bleiben. «Hiltrud Leenders wurde nur 62 Jahre alt. Sie hinterlässt ihren Mann und zwei Kinder. Vielleicht wird es ihnen und den anderen Menschen, die ihr nahestanden, ein wenig Trost geben, dass sie in diesem anrührenden Buch weiterlebt. Der Niederrhein aber muss von nun an auf eine Stimme verzichten, von der man gerne noch sehr viel mehr gehört hätte.» (Nachruf im Kleve-Blog)

Die KK-11-Krimis um Hauptkommissar Toppe


Starke, spannende Geschichten mit viel Lokalkolorit und bestechender Präzision im Detail: Hinter den Kriminalromanen um Hauptkommissar Toppe und seine Kollegen vom KK 11 in Kleve steht die ungemein produktive Autorenwerkstatt Leenders/Bay/Leenders. Einheimische behaupteten, das Trio kenne jeden Maulwurfhügel diesseits und jenseits von Uedem. Sollte das übertrieben sein, dann nur unwesentlich. Ihre Romane sind gesättigt von der melancholischen Landschaft des Niederrheins und dem dort ansässigen eigensinnigen Menschenschlag. «Wir wissen, wie die Leute hier sprechen, wie sie gucken, wie sie miteinander umgehen. Wir wissen, wie das Licht ist, wie die Luft riecht, wie man sich im November fühlt oder an einem klaren Tag im März. In diesem Landstrich mit seinen Schützenvereinen, Altargemeinschaften, Kaninchenzuchtverbänden, Nachbarschaften, Kegel- und Karnevalsclubs gibt es jede Menge wunderbarer  Mordmotive.»


Vor ein paar Jahren haben wir die drei nach ihrem Arbeitsstil befragt. Es gibt ja Autorenduos, die im Krimigenre Maßstäbe gesetzt haben, Sjöwall/Wahlöö etwa oder Fruttero/Lucentini. Wie aber arbeitet ein literarisches Dreierteam zusammen, wie sieht es mit den Zuständigkeiten, dem Zeitmanagement, der Projektdisziplin aus? Das war ihre Antwort: 


«Natürlich können wir nur in einem Trio arbeiten, weil zunächst jeder die jeweiligen Fähigkeiten und Interessen des anderen fraglos anerkennt. Und ohne klare Zuständigkeiten, ja auch Diszipliniertheit geht es nun einmal auch nicht, wenn der Prozess denn angefangen hat. Für ein Buch benötigen wir immer neun Monate, die Wochenbettdepressionen sind dabei nicht eingerechnet. In den ersten Wochen spinnen wir einfach so rum, das Denken ist dann nicht zielgerichtet, sondern eher assoziativ gehalten. Bis es dann irgendwann schnackelt und wir dann plötzlich, aber sehr genau wissen, worüber wir eigentlich schreiben wollen, das Grundthema ist dann ganz klar. Dann geht die Phase der Konstruktion der zugrundeliegenden Plots, der Spannungsbögen usw. los. Notwendigerweise erfolgt dann die Recherchearbeit. Bevor also der erste Satz geschrieben ist, ist das Buch eigentlich als Gerippe schon fertig. Dann kommt das Fleisch an das Skelett. Damit beginnt Hiltruds (richtige) Arbeit. Sie schreibt die Kapitel, die dann wochenweise immer wieder durchgesprochen werden.»

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