20.11.2019   von rowohlt

Zu jung fürs Alter

In ihrem Buch «Alt genug, um mich jung zu fühlen» teilt die 71-jährige Autorin Greta Silver ihren positiven Blick auf das Leben ab 60. Wie das Bild vom Alter unser Lebensglück beeinflusst und welche Ratschläge Silver ihrem jüngeren Ich geben würde, erzählt sie im Interview.

Zeit ist relativ. Ein Satz, der die Autorin Greta Silver durch ihr Leben begleitet. Nach 17 Jahren als Hausfrau und Mutter von drei Kindern startete sie mit 48 in die Selbständigkeit, mit 60 wurde sie Model, mit 66 YouTuberin. Seit kurzem hat sie einen eigenen Podcast und fühlt sich mit 71 in der Blütezeit ihres Lebens. «Die Zeit zwischen 60 und 90 Jahren ist genauso lang wie die Zeit zwischen 30 und 60 und bringt alle Möglichkeiten der Jugend mit sich, nur ohne den Stress und die Ängste», sagt Greta Silver. Ängste kennt sie aus eigener Erfahrung gut. «Mit Mitte fünfzig wurde mein damaliger Mann arbeitslos. Von unseren drei Kindern waren zwei im Studium, und wir hatten ein nicht abbezahltes Häuschen. Das war eine schwierige Zeit, in der ich richtig panisch war.» Mit den Jahren lernte sie, Vertrauen ins Leben zu haben. «Vertrauen ist bis heute eine meiner größten Energiequellen», so Silver. Auch davon berichtet sie in ihrem neuen Buch «Alt genug, um mich jung zu fühlen».

Das Interview


Dein Buch ist nicht nur ein Plädoyer für entspanntes Altern, sondern auch ein Lebensfreude-Ratgeber mit der Botschaft «Glücklichsein ist eine Entscheidung». Hast du selbst nie schlechte Laune?
Schlechte Laune im Sinne von grummelig sein und anderen deshalb Vorwürfe machen kenne ich nicht. Aber natürlich habe ich auch Tage, an denen ich traurig oder enttäuscht bin und mich mit einer Tafel Schokolade in die Sofaecke zurückziehe. Wenn es alltägliche Begebenheiten sind, kann das schon mal einen halben oder einen ganzen Tag dauern. Ich kann mich da nicht immer sofort wieder rausbeamen. Bei großer Trauer ist der Weg viel länger – er startet immer damit, die Trauer liebevoll anzunehmen.


Wie gehst du damit um?
Ich setze mich ganz bewusst hin und versuche, diese Gefühle als Teil von mir zu akzeptieren. In dem Moment, in dem ich keinen Widerstand mehr leiste, kann ich zumindest schon mal wieder durchatmen. Manchmal helfen auch ganz schnöde Dinge wie sehr gesund zu essen oder den Schreibtisch aufzuräumen. Ich schaffe dann im Außen eine Klarheit, die sich im Inneren reflektiert und mich wieder handlungsfähig macht.


Nach 17 Jahren als Hausfrau und Mutter bist du mit 48 in die Selbständigkeit gestartet. Was war dabei die größte Herausforderung?
Als ich wieder anfing zu arbeiten, hatte der Computer die Schreibmaschine abgelöst. Das war eine Revolution, die ich dank eines dreiwöchigen Computerkurses in Angriff nehmen konnte. Zudem hatte ich weder Ausbildung noch Studium und anfangs noch nicht das Vertrauen einer erfahrenen Selbständigen, dass neue Aufträge reinkommen werden. Eine herausfordernde Zeit, aber im Rückblick eine super Übung für mein Selbstbewusstsein.


Du wurdest 1948 geboren, drei Jahre nach Kriegsende und zwei Jahre vor Beginn des Wirtschaftswunders. Inwiefern hat dich das Aufwachsen in dieser Zeit geprägt?
Als Kind vom Bauernhof habe ich vom Nachkriegsdeutschland, das die Menschen in den zerbombten Städten erleben mussten, nichts mitbekommen. In meiner Kindheitserinnerung gab es keinen Krieg. Meine Kindheit war bestimmt von einem Gefühl absoluter Freiheit. Im Endeffekt war ich den ganzen Tag an der frischen Luft und kam erst zu den Mahlzeiten wieder heim. Das hat mich sicherlich geprägt. Und ich hatte einen Vater, der mir wirklich alles zugetraut hat.


Die Worte deines Vaters waren: «Du kannst alles, auch zum Mond fliegen.» Ein Ausspruch, der dich einerseits stärkte, dich andererseits aber auch unter Druck setzte ...
Ja, irgendwann merkte ich, dass ich sehr konkrete Bilder davon im Kopf hatte, wie ich sein wollte – als Ehefrau und Mutter. Wenn ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genügte, wurde ich unzufrieden und machte mir Vorwürfe.


Wie bist du den Hang zum Perfektionismus losgeworden?
Ich glaube, der erste Schritt war, dieses Denkmuster überhaupt wahrzunehmen. Dahinter steckte auch die Angst vor Kritik. Kritisiert zu werden war für mich früher fast wie ein Todesurteil. Irgendwann stellte ich mir die Frage: «Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte?» Und ich stellte fest, dass eigentlich gar nicht so viel Schlimmes passieren kann. Dann wurde es irgendwann besser.


Welche Vorstellung hattest du als junger Mensch vom Leben im Alter? 

Keine konkrete. Meine Oma, die den Beinamen «General» trug, lebte sehr selbstbestimmt. Auf die Einladung zu ihrem 75. Geburtstag schrieb sie, dass dies ihr letzter sei. Ich fand das so schrecklich, dass ich an diesem Tag – ich war 17 – beschloss, 120 Jahre alt zu werden. Ich habe das wirklich verinnerlicht und fühle mich jetzt mit 71 in der Blütezeit meines Lebens. Später hat mir dann meine Mutter das Alter sehr gut vorgelebt. Sie fand 70 ein spannendes Alter, zog von Düsseldorf nach Hamburg und war sehr aktiv. Von ihr habe ich auch gelernt, dass es keinen Generationenvertrag gibt. Kinder sind ihren Eltern nichts schuldig. Alles, was kommt, ist ein Geschenk, es gibt keinen Besitzanspruch.


Mit dem Wissen von heute, welche Ratschläge würdest du deinem jüngeren Ich geben – mit 25, 35 und 45?
Ich habe mit 24 geheiratet, war sehr verliebt und unglaublich glücklich. Dieser jungen Frau würde ich mit auf den Weg geben: Nimm nichts als selbstverständlich, und kümmere dich um deine Beziehungen, denn sie sind das, was dich durchs Leben trägt. Und: Du kannst viel mehr, als du denkst, lass dich nicht eingrenzen. Begrabe nicht deine Träume!


Was würdest du der 35-jährigen Greta raten?
Einen Satz, den ich bitter lernen musste: Du kannst nicht alles parallel tun, aber nacheinander. Als meine Kinder kamen – ich wurde mit 31 zum ersten Mal Mutter –, wollte ich nichts aufgeben. Ich wollte all meinen Hobbys nachgehen, weil ich dachte «Das ist doch mein Leben!». Als ich gezwungenermaßen begriff, dass alles seine Zeit hat und ich die Dinge auch nacheinander tun kann, war das sehr entlastend. Die Lebensphase mit kleinen Kindern ist eine so kostbare Zeit, die man bewusst erleben sollte.


Welchen Ratschlag gibst du deinem 45-jährigen Ich mit auf den Weg?
Die 45-jährige Greta hatte das Gefühl: War's das? Ihr würde ich gern sagen: Es ist so viel leichter, aus eingefahrenen Bahnen rauszukommen, als du denkst. Mach dir die Schritte so klein, wie es irgendwie geht, und denke nicht, dass du erst handeln kannst, wenn du das große Ganze verstanden hast, und vollständig beherrschst.


Also einfach anfangen?
Ja, unbedingt! So, wie ein Fußballspieler. Er kriegt den Ball, kriegt die Chance und rennt los. Erst indem er losläuft, werden Lücken sichtbar, durch die er den Ball ins Tor schießen kann. Würde er stehen bleiben und sich überlegen, an welcher Stelle er am besten durchlaufen könnte, würde es nicht funktionieren.


Wenn man so intensiv und gern lebt wie du, wie geht man mit der Endlichkeit des Lebens um?
Ich bin mit Gott verbandelt und glaube an ein Leben nach dem Tod. Die Endlichkeit macht das Leben doch erst kostbar. Hätten wir unendlich viel Zeit zur Verfügung, was wäre denn dann ein Tag? Nichts! Sich mit dem Sterben und dem Tod auseinanderzusetzen, befreit ungemein. Ich selbst war quasi zur Auseinandersetzung gezwungen.


Auf welche Weise?
Mein Vater starb, als ich 19 war. Seinen Tod habe ich jahrelang verdrängt. Mit 27 arbeitete ich in einer großen Computerfirma und sollte befördert werden. Im Personalbogen wurde die Frage gestellt: «Was hat Sie in Ihrem Leben am positivsten geprägt?». Intuitiv wollte ich antworten: «Der Tod meines Vaters». So schnell mir der Gedanke kam, so schnell verwarf ich ihn wieder, weil er mir unerhört erschien. Dennoch war das der erste Riss in der Betondecke, die ich über dieses Thema gelegt hatte, ein wichtiger Denkanstoß.


Du schreibst in deinem Buch, dass jede Lebenszeit eigene Aufgaben bereithält. Worin besteht deine aktuelle Aufgabe?
Ich möchte die Welt vom Grauschleier des Alters befreien. Der negative Blick auf das Alter schafft sehr viel Last und Traurigkeit, sogar schon bei jungen Menschen. Wir klappen zusammen, wenn wir ein Hörgerät oder einen Rollator brauchen. Meine Mutter brauchte auch einen Rollator, weil sie Gleichgewichtsstörungen hatte. Na und? Sie blieb dieselbe Frau. Das, was in unseren Köpfen an Vorstellungen über das Alter ist, ist ausschlaggebend für unser Lebensglück.


Dein Wunsch für die Zukunft?
Das Einzige, was ich mir für die Zukunft wirklich wünsche, ist, meine Wachheit und Offenheit zu behalten. Offen zu sein für Chancen, die sich mir bieten, und immer wieder Neues auszuprobieren.

Das Buch in Kürze

Alt genug, um mich jung zu fühlen

Alt genug, um mich jung zu fühlen

Bestsellerautorin, YouTube- und Podcast-Star Greta Silver stellt sich einer großen Frage: Wenn Jugend bedeutet, unbeschwert auf alles zuzugehen, begeisterungsfähig, mutig, neugierig zu sein - wann haben wir das wirklich gelebt? Mit 20, als wir hin- und hergerissen waren, wo die Reise hingeht? Mit 30, als Stress und schlaflose Nächte uns ...  Weiterlesen

Preis: € 16,00
Seitenzahl: 224
rororo
ISBN: 978-3-499-00117-8
19.11.2019
Erhältlich als: Paperback, e-Book

Worum geht es?

Die 71-jährige Autorin und YouTuberin Greta Silver teilt einen lebensfrohen Blick auf die Zeit zwischen 60 und 90. Ihr Buch ist ein Plädoyer, Alter neu zu denken und diese Lebensphase voller Neugierde und Leichtigkeit zu genießen.

Warum ist es so lesenswert?

«Alt genug, um mich jung zu fühlen» ist nicht nur ein Buch über entspanntes Altwerden, sondern auch ein generationenübergreifender Glücksratgeber mit praktischen Tipps an jedem Kapitelende. Inspirierend und voller Lebensfreude.

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