Im Gespräch

Wie schreibt man über die eigene Mutter? Pascale Hugues im Interview zu «So voller Leben»

Zwischen Emanzipation, Elsass und einer verschwiegenen Krankheit: Bestsellerautorin Pascale Hugues im Gespräch über ihr neues Buch «So voller Leben».

Foto von Pascale Hugues
© Dagmar Morath

Wie nähert man sich literarisch der eigenen Mutter, ohne sie auf ihre psychische Erkrankung zu reduzieren? In ihrem neuen, feinfühligen Werk «So voller Leben» begibt sich die renommierte Journalistin und Autorin Pascale Hugues («Marthe und Mathilde») auf eine persönliche Spurensuche. Es ist die Geschichte ihrer Mutter Yvette – einer Frau, deren Leben im kriegsgeschüttelten Elsass zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen bürgerlicher Konvention und dem Drang nach Freiheit pendelte. Und es ist das Porträt einer Zeit, in der das Thema bipolare Störung ein absolutes Tabu war, das in ihrer Familie hinter schützenden Lügen verborgen wurde.

Im exklusiven Interview spricht Pascale Hugues über den schmalen Grat zwischen Diskretion und Wahrheit, das Aufwachsen mit einer manisch-depressiven Mutter und darüber, warum ihr Buch trotz allem eine Liebeserklärung an das Leben ist.

Das Interview mit Pascale Hugues

Wie schreibt man über die eigene Mutter?

«Einen Toten betritt man wie eine Mühle», hat Jean-Paul Sartre einmal geschrieben. Und dieses Gefühl hatte ich oft im Hinterkopf. Also, man kann alles erzählen, die betreffende Person ist ja tot, man kann alles erforschen, alles zur Schau stellen. Dennoch hatte ich das Gefühl, ich muss mit meiner Mutter sehr zart umgehen, durfte nicht alles erzählen. Es gibt viele Sachen, die ich verschwiegen habe. Es gibt Sachen, die ich nicht interpretieren könnte. Psychologisieren finde ich ganz schlimm, ich wollte dezent erzählen. Und ich fand es wichtig, auch ihr ganzes, facettenreiches Leben zu erzählen, sie nicht auf ihre Krankheit zu reduzieren.

Eine Frau ihrer Generation?

Meine Mutter ist Jahrgang 1929. Für diese Generation war die Rolle der Frau klar umrissen. Man hat nicht studiert, man hat geheiratet, möglichst früh, man hat Kinder gekriegt, dann hat man gekocht und eigentlich den Mann bedient. Aber meine Mutter war eine sehr moderne, sehr kluge Frau. Sie hat studiert, sie hat gearbeitet, ihr ganzes Leben, wie viele französische Frauen, und sie war auch Mutter und Hausfrau. Zwischen diesem Drang nach Emanzipation und der Rolle, in der sie gefangen war und die sie nicht wirklich verlassen konnte, war sie hin- und hergerissen. Ihre Vorbilder waren Frauen wie Simone Signoret, Brigitte Bardot, Jeanne Moreau, natürlich Simone de Beauvoir. Also Frauen, die sexuell befreit waren, die nicht unbedingt Mutterschaft als Ziel hatten, die gearbeitet haben, die mehr mit ihrem Leben anfangen wollten als in der Küche stehen und zu bedienen. Auf der anderen Seite war sie auch eine sehr verantwortungsbewusste Mutter. Sie hat uns nie im Stich gelassen. Und sie mochte diese Rolle als Mutter und Hausfrau. Ich glaube, sie ist zu früh geboren, um wirklich Feministin zu sein. Aber sie hat gekämpft für die Befreiung der Frau. Sie hat gekämpft für das Abtreibungsrecht, was ein wichtiger Kampf in Frankreich war. Und ich glaube, da war sie sehr zerrissen zwischen diesen zwei weiblichen Rollen.

Gespalten zwischen zwei Identitäten?

Meine Mutter hat eine typische elsässische Identität wie ich: immer zwischen Deutschland und Frankreich zerrissen. Sie ist als Französin geboren, dann wird sie 1940 deutsch. Ihr Name wird von Yvette, sehr französisch, zu Maria Magdalena umbenannt, sehr schwer und sehr deutsch. Sie geht zur deutschen Schule, sie geht zur französischen Schule, also spricht sie beide Sprachen perfekt. Sie wird als junges Mädchen auch zum BDM geschickt.

Ihr ganzes Leben hat sie ihre Liebe für diese beiden Kulturen aufrechterhalten. Am Ende, als die Kinder aus dem Haus waren, ist sie sogar ins Wendland gegangen und hat dort für ein paar Monate mit jungen Deutschen in einer Landkommune gelebt. Das waren sehr glückliche Zeiten für sie.

Wie ist es, mit einer bipolaren Mutter aufzuwachsen?

Meine Mutter war bipolar, damals hat man das manisch-depressiv genannt. Das heißt, sie war manchmal abwesend, wenn sie in dieser depressiven Phase war, und sie war manchmal ein bisschen exzessiv, exaltiert. Und das ist natürlich für Kinder ganz schlimm. Jedes Kind wünscht sich Eltern, die nicht auffallen, ich glaube, es war mein Traum, eine gute, solide Hausfrau als Mutter zu haben, auch wenn sie ein bisschen langweilig ist. Heute sehe ich das natürlich ganz anders. Ich bin sehr froh, dass ich eine Mutter hatte voller Fantasie und voller Energie. Und das andere ist, dass damals die Erwachsenen so hilflos waren; dass sie uns schützen wollten mit wunderschönen Lügen. Als meine Mutter beispielsweise in der Psychiatrie war, hat man uns erzählt, Maman ist im Urlaub. Und natürlich haben wir uns gefragt: Am Strand? Ohne uns? Haben wir was Schlimmes getan? Wir hatten wahrscheinlich Schuldgefühle und Fragen und viel fantasiert, was da passiert sein könnte. Und ich glaube, ich hoffe, dass es heute anders ist. Würde man heute den Kindern nicht etwas erzählen, das so nah wie möglich an der Wahrheit ist? Etwas, das sie ertragen können, aber nicht so grobe lächerliche Lügen?

Warum «So voller Leben»?

Ich finde es schwierig, Leute, die eine psychische Krankheiten haben, Bipolarität oder Depression, auf diese Krankheit zu reduzieren. Meine Mutter war so viel mehr als diese Depression, diese langen Phasen der Depression, die sie hatte. Sie war eigentlich eine moderne Frau, voller Energie, voller Ideen, und daran wollte ich auch in meinem Buch erinnern. Damals, das muss man wirklich deutlich sagen, war eine psychische Krankheit solch ein Tabu. Es gab hunderte von Tabus in den 60er, 70er Jahren, aber das war ein sehr großes. Und das Leben meiner Mutter, als ich mich damit intensiv beschäftigte, habe ich gemerkt: Das ganze Leben, diese ganze Zerrissenheit in verschiedene Phasen, spiegelt diese Bipolarität. Das fand ich erstaunlich.

Portrait von Pascale Hugues
© Dagmar Morath
Pascale Hugues

Pascale Hugues , geboren in Straßburg, ist Journalistin und Schriftstellerin. Mit ihrem ersten Buch Marthe und Mathilde gelang ihr auf Anhieb ein Bestseller. Für ihr Buch Ruhige Straße in guter Wohnlage erhielt sie den Prix Simone Veil und den Europäischen Buchpreis. Pascale Hugues ist Deutschlandkorrespondentin des französischen Nachrichtenmagazins Le Point , war Kolumnistin beim  Tagesspiegel und schreibt regelmäßig für verschiedene deutsche Medien. Sie lebt in Berlin.

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