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Warum Ostdeutschland uns alle angeht – und was wir von Marieke Reimann lernen können

Warum Ostdeutschland uns alle angeht – und was wir von Marieke Reimann lernen können
© Foto: Paulina Hildesheim/laif

36 Jahre nach der Wiedervereinigung gilt Deutschland politisch als geeint. Doch wer genau hinsieht, erkennt schnell: Die Mauer in den Köpfen und vor allem in den Strukturen existiert noch immer. In ihrem Buch «Zweite Wende» nimmt die Journalistin Marieke Reimann die Leser:innen mit auf eine Reise in die ostdeutsche Realität. Dabei belässt sie es nicht bei bloßen Statistiken, sondern reichert alle Analysen mit ganz persönlichen Erfahrungen und Anekdoten von sich und ihrer Familie an. Das macht ihr Fazit nicht nur zu einem politischen Weckruf, sondern auch zutiefst menschlich.

Die Repräsentationslücke: Wer spricht für den Osten?

«36 Jahre nach der Wende zeichnet sich ein ernüchterndes Bild: Nur 10,3 Prozent aller Spitzenpositionen in deutschen Medien sind mit Ostdeutschen besetzt. 2026 funktioniert unsere Gesellschaft westdeutsch. Mit westdeutschem Wertesystem, westdeutscher Diskurshoheit, kurzum: Westdeutschen in Machtpositionen, mit westdeutschem Blick auf die Welt.»



Rund ein Fünftel der deutschen Bevölkerung ist ostdeutsch sozialisiert. Doch diese 20 Prozent finden sich in den Führungsetagen von Wirtschaft, Wissenschaft und Justiz kaum wieder. Besonders eklatant ist das Ungleichgewicht in den Medien: Die Folge ist eine Berichterstattung, die den Osten oft aus einer rein westdeutschen Perspektive als defizitäre Abweichung von der Norm betrachtet.

▶️ Im Buch erfahren Sie mehr darüber, welche absurden Hürden ostdeutsche Medienschaffende auf ihrem Karriereweg überwinden müssen, warum ostdeutsche Kultur oft erst für den Westen «übersetzt» werden muss und wieso ein neues ostdeutsches Leitmedium nicht zwingend die Rettung ist.

Demografie und Demokratie: Die wahren Ursachen des Aufstiegs der AFD im Osten

«Die AfD hat schnell erkannt, dass es in dem neuen Ost-Bewusstsein und bei der Suche nach einer ostdeutschen Nach-Wende-Identität eine Nische gibt, die von den Altparteien bislang unbesetzt geblieben ist.»



Wenn Wahllokale im Osten schließen, ist das Entsetzen über hohe AfD-Ergebnisse oft groß. Doch Reimann skizziert: Der Rechtsruck ist kein rein ideologisches, sondern in ganz Deutschland ein strukturelles und demografisches Phänomen. Nach der Wende verließen besonders junge, gut ausgebildete Frauen die ländlichen Regionen. Zurück blieben überalterte Dörfer, ein massiver Männerüberschuss und ein eklatanter ökonomischer Rückstand beim Vermögensaufbau.

▶️ Lesen Sie im Buch, wie genau Parteien am rechten Rand dieses demografische Vakuum auf dem Land strategisch für sich nutzen, wie sich die etablierten Parteien aus der Fläche zurückgezogen haben und was all das mit einer tiefen gesellschaftlichen Einsamkeit zu tun hat.

Die verlorene Emanzipation der Ost-Frauen

«Ostdeutschen Frauen ging es nach der Wende am schlechtesten: Während 1989 noch über 92 Prozent aller ostdeutschen Frauen erwerbstätig waren, waren es in der alten Bundesrepublik zur gleichen Zeit 51 Prozent. Die ehemalige DDR wies damit international die höchste Frauenerwerbsquote auf. Das änderte sich schnell, als die Erwerbstätigenquote ostdeutscher Frauen bis 1995 auf 57 Prozent abstürzte und so in den ersten Wendejahren knapp die Hälfte aller Ost-Frauen ihren Arbeitsplatz verlor. Ostdeutsche Frauen wurden binnen weniger Jahre zu den größten Wendeverliererinnen, und meine Mutter gehört mit dazu.»



In der DDR war die weibliche Erwerbstätigkeit durch flächendeckende Kinderbetreuung in Vollzeit eine Selbstverständlichkeit; Frauen waren finanziell unabhängig. Mit der Wende erlebten sie einen dramatischen Rückschritt und wurden in ein westdeutsches Rollenmodell gedrängt, das für Frauen Haushalt, Kindererziehung und Erwerbsarbeit allerhöchstens in Teilzeit vorsah. Zudem verloren sie das DDR-Recht auf einen selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch.

▶️ Reimann erörtert in einem ihrer persönlichsten Kapitel tiefgreifend, wie diese historische Entwertung ostdeutscher Frauenbiografien bis heute nachwirkt und warum selbst Angela Merkel lange Zeit eine äußerst ambivalente Rolle als ostdeutsches Vorbild spielte.

Architektur & Eigentum: Der Ausverkauf des Ostens

«In der ehemaligen DDR kam es zum größten Eigentumstransfer der Nachkriegsgeschichte: 85 Prozent des vormaligen Volkseigentums wurden an Westdeutsche verkauft, 10 Prozent an ausländische Investoren und 5 Prozent gingen an Ostdeutsche.»



Reimann zeigt auf, wie massiv die wirtschaftliche Benachteiligung durch fehlenden Immobilienbesitz bis heute nachwirkt. Nicht nur Grundstücke und Betriebe, auch Wohnraum wechselte nach der Wende oft in westdeutsche Hände. Gleichzeitig verschwand mit dem Abriss markanter ostdeutscher Bauwerke – wie dem Palast der Republik – ein Stück Identität. Architektur ist mehr als Beton; sie ist Zeuge gelebten Alltags.

▶️ Erfahren Sie im Buch, welche kuriose Rolle westdeutsche Immobilienbesitzer an der Ostsee spielen und wie sich der Verlust des öffentlichen Raums auf eine ganze Generation auswirkt.

Ein hoffnungsvoller Blick nach vorn

«Noch können wir es uns aussuchen, in welcher Realität wir in den nächsten Jahren leben wollen. Dafür müssen wir auch danach fragen: Wie wollen wir 2030 auf die Wiedervereinigung blicken? Werden wir ein gespalteneres Land sein oder eines, was insgesamt wieder mehr zur Demokratie zurück- und dabei neu zu sich findet?»



Marieke Reimanns «Zweite Wende» ist keine larmoyante Abrechnung, sondern eine Einladung zum Dialog. Es ist ein Plädoyer dafür, die ostdeutsche Perspektive als integralen Bestandteil der gesamtdeutschen Zukunft zu begreifen. Nur wenn Repräsentationslücken geschlossen und historische Verletzungen ernst genommen werden, kann das Zusammenwachsen gelingen.

Ostdeutschland verstehen - Häufig gestellte Fragen

Marieke Reimann (*1987 in Rostock) ist Journalistin, Medienwissenschaftlerin und Expertin für digitale Transformation. Als ehemalige Chefredakteurin beim SWR und beim ZEIT-Verlag prägte sie jahrelang moderne Redaktionsstrukturen. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Innenpolitik und auf Ostdeutschland. In ihrem Buch «Zweite Wende» analysiert die profilierte Politik-Expertin fortbestehende Ost-West-Ungleichheiten mit dem Ziel, den Lebensrealitäten Ostdeutscher mehr Gehör verschaffen. 

Nein. Studien zeigen, dass extremistische Einstellungen ein gesamtdeutsches Phänomen sind. Reimanns Buch erklärt jedoch detailliert die spezifische ostdeutsche Gemengelage (Abwanderung, Überalterung, geringe Parteienbindung).

Die «zweite Wende» ist ein Plädoyer für mehr Sichtbarkeit und den Abbau der noch immer bestehenden strukturellen Ungleichheiten. Es geht außerdem darum, nicht länger eine bloße Angleichung an westdeutsche Normen zu fordern, sondern die spezifischen ostdeutschen Biografien endlich anzuerkennen.

Gebäude wie Plattenbauten oder der Palast der Republik sind Zeugen gelebten Alltags. Der Umgang mit dieser Architektur nach der Wende steht im Buch stellvertretend für die oft fehlende Wertschätzung ostdeutscher Lebensgeschichten.

Ein Großteil des DDR-Volkseigentums wurde an westdeutsche und ausländische Investoren verkauft. Der fehlende Immobilienbesitz führt bis heute zu massiven Unterschieden im Vermögensaufbau zwischen Ost und West und zum Gefühl vieler Ostdeutscher, im eigenen Land fremdbestimmt zu sein.

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