30.11.2016   von rowohlt

Reisen in eine völlig fremde Welt

Archäologie unter dem Meeresspiegel: Mit dem Unterwasserarchäologen Florian Huber unterwegs

© Uli Kunz; Florian Huber; Christian Howe; Tomasz Stachura/Santi;
© Uli Kunz; Florian Huber; Christian Howe; Tomasz Stachura/Santi;

«Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl unserer Atemzüge, sondern an den Orten und Momenten, die uns den Atem rauben …» Kaum etwas fasziniert den Menschen so sehr wie das Ungewisse, das sich in den Tiefen unserer Ozeane verbirgt – jahrhundertealte Schiffswracks, versunkene Städte, Zeugnisse uralter Ansiedlungen. Als leidenschaftlicher Unterwasserarchäologe versucht Florian Huber, dem Meer seine Geheimnisse zu entlocken. Er taucht nach Schiffen, in Höhlen, in Brunnen und Seen, immer auf der Suche nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. In seinem reich bebilderten Buch berichtet er von seinen spannendsten und riskantesten Forschungsexpeditionen.

«Und wieder einmal wird mir bewusst, weshalb ich diesen Beruf so liebe»


Wäre es nach seiner Oma gegangen, ein Unterwasserarchäologe und Berufstaucher wäre aus ihm sicher nicht geworden. «Wos? Archäologie! Des is doch a brotlose Kunst!» Ob es in der Sparte Kunst reüssieren könnte, was Menschen wie Florian Huber beruflich so treiben, darüber ließe sich gegebenenfalls streiten. Aber brotlos ist ihre – oft gefährliche – wissenschaftliche Forschungsarbeit zum Glück dann doch nicht. 


Schon früh hat ihn die Tiefe fasziniert. Auf der Hohenburg im heimischen Lenggries seilte sich der Junge heimlich in den «Hungerturm» ab; mit 13 beginnt er zu tauchen, mit 16 hat er seinen Tauchschein in der Tasche. Später hat er dann Ur- und Frühgeschichte, Anthropologie, Nordische Philologie und Ethnologie in München, Umea und Kiel studiert. Zehn Jahre leitete er die Arbeitsgruppe für maritime und limnische Archäologie an der Universität Kiel; als Mitbegründer der Firma Submaris (2. v. l.: Florian Huber) führt er heute weltweit Forschungstaucheinsätze für Wissenschaft und Medien durch. (Das in Kürze zu den Bedenken von Florian Hubers Oma …)


Bei sechs spektakulären Unterwasserabenteuern können wir – mit diesem Buch – dabei sein: von der Erforschung der mexikanischen Totenhöhlen und der Begegnung mit den Überresten des mittelalterlichen Kriegsschiffs Mars bis zum Tauchgang im mikronesischen Truk Lagoon, wo unter der Meeresoberfläche brandgefährliche Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs lagern. Ganz nebenbei lernen wir in «Tauchgang ins Totenreich» viel über den Reiz und die Gefahren des Tauchens, über Dekompressionszeit, Ausrüstung, technische Defekte: «Was tun, wenn plötzlich alle Lampen ausfallen und man sich in völliger Schwärze in einer Welt wiederfindet, in der Panik tödlich ist?» Über allem steht die Vorsichtsregel Nr. 1: Redundanz – Führe alle lebenswichtigen Teile doppelt mit dir! 


Hier ein schneller Blick auf einige von Florian Hubers Unterwasserabenteuern:

Die Totenhöhlen von Mexiko


Auf der Halbinsel Yucatán in Mexiko befinden sich nicht nur die Steinruinen ehemals blühender Städte, sondern auch mehr als 3000 Cenoten – unterirdische, wassergefüllte Höhlungen. Für die Ureinwohner waren sie nicht nur Wasserquellen; die Mayas verehrten sie auch als heilige Orte, als Eingänge zur Unterwelt. Bei ihren Tauchgängen entdeckt die Crew aus Meeresbiologen und Unterwasserarchäologen eine unheimliche Totenstätte unter Wasser: Las Calaveras – die Cenote der Totenschädel. «Wer waren diese Menschen, und warum liegen sie hier unten, an diesem dunklen Ort mitten im Dschungel? Waren sie Opfer von Seuchen, Krankheit oder Krieg? Waren es natürlich Verstorbene, von ihren Angehörigen hier bestattet, oder haben sie dramatische letzte Minuten erlebt, weil sie den Göttern geopfert wurden?»


Zu den aufregendsten Funden in Mexiko gehören neben riesigen Elefantenknochen (vom Gomphoterium, einer ausgestorbenen Rüsseltierart) die Überreste eines etwa 16-jährigen Mädchens, das vor rund 12.000 bis 13.000 Jahren in einem Cenote zu Tode kam. Es handelt sich um das wohl älteste menschliche Relikt Amerikas; die Forscher gaben ihm den Namen Naia, nach den Wassernymphen in der griechischen Mythologie.

Der Tiefe Brunnen von Nürnberg


Professor Hans Fricke ist als Meeresforscher eine Legende, seit er und seine Mitarbeiter 1987 erstmals als ausgestorben geltende lebende Quastenflosser fanden. Von ihm stammt die Idee, den innerhalb der Nürnberger Kaiserburg liegenden Tiefen Brunnen taucherisch zu erforschen. Eine der größten Herausforderungen dabei ist die Bereitstellung des passenden Geräts – und die aufwändigen Sicherheitsvorkehrungen. (Ohne die örtliche Berufsfeuerwehr wäre es unmöglich gewesen, den Abstieg in den 50 Meter tiefen, senkrechten Schacht zu wagen; sprachlich dagegen war die Kommunikation zwischen den Kieler Nordlichtern und den fränkischen Brandspezialisten mitunter nicht unproblematisch: «Und? Hast etzadla was gefundn in dera Subbn?»)


Dass sich auch die örtliche Politprominenz in Gestalt des CSU-Manns Markus Söder am Tiefen Brunnen blicken ließ, unterstreicht die Bedeutung des Projekts. Was heißt blicken ließ: Hobbytaucher Söder himself ließ sich in den Brunnen abseilen; pünktlich am nächsten Tag dann ein großer Bericht in der BILD. «So sind sie die Politiker, denke ich …» 

Das deutsche U-Boot UC 71 vor Helgoland


20. Februar 1919:  Bitterkalter Wind mit bis zu sieben Windstärken peitscht die See vor Helgoland, Deutschlands einziger Hochseeinsel. Der Schlepper Terschelling zieht ein U-Boot der kaiserlichen Marine hinter sich her – bis die 50 Meter lange UC 71 in Schieflage gerät und langsam in den Fluten versinkt. Was ist damals passiert? Konnte, sollte, durfte das deutsche U-Boot nach dem verlorenen Weltkrieg nicht in die Hände der englischen Sieger fallen?


Als Huber ein Buch zweier Historiker über die Geschichte der UC 71 (und der von ihr versenkten Schiffe wie dem belgischen Passagier- und Frachtschiff Élisabthville) in die Hände fällt, erwacht das Jagfieber in ihm: Die muss ich sehen! Zunächst muss ein Antrag beim Archäologischen Landesamt Schleswig eingereicht werden, um das U-Boot unter Denkmalschutz zu stellen und es so dem Zugriff von Sporttauchern und Plünderern zu entziehen. Danach geht es, wie bei jedem Projekt, um die Finanzierung der Kampagne; Monate später kann der Tauchgang vor Helgoland starten. Am Ende der Exkursion steht eine brisante Erkenntnis …


Das Jahrhundertwrack Mars


Zwischen den schwedischen Inseln Öland und Gotland liegt in einer Tiefe von 80 Metern das Wrack der Mars, ein schwedisches Kriegsschiff aus dem 16. Jahrhundert. Mit mehr als 100 Kanonen verfügte sie über mehr Feuerkraft als jedes andere Schiff ihrer Zeit. Für Florian Huber ist es ein spektakulärer Auftrag mit einem internationalen Team: ein imposantes Schiff, das während des Dreikronenkriegs (bekannt auch als Nordischer Siebenjähriger Krieg, 1563/70) nach einer blutigen Seeschlacht von einer Armada aus Dänen und Lübeckern versenkt wurde. 


«Da liegt sie also, die Mars. Die Makellose! Die Dänenhasserin! Was für ein Anblick! Unglaublich mächtig erscheinen mir die großen, dunklen, zum Teil schwarz verkohlten Eisenbalken. Fünf Minuten Abstieg haben wir gebraucht, um an der Mars zu landen. Fünf Minuten, um ins 16. Jahrhundert zu reisen. (…) 447 lange Jahre ruhte die Mars auf dem dunklen Grund der Ostsee, bevor sie nun unverändert und unberührt, als eine perfekte Zeitkapsel gefunden wurde. Hier unten ist alles so überwältigend und surreal …»

Mission Walchensee


Der Walchensee gilt vielen als Deutschlands schönster Bergsee; Florian Huber ist einer dieser Vielen. 192 Meter Tiefe, 16 Quadratkilometer Ausdehnung, türkisgrünes Wasser mit phantastischen Sichtweiten … und wie geschaffen für die Versorgung Bayerns mit Strom! Im Juni 1918 hatte der Bayerische Landtag auf Initiative des Bauingenieurs und Wasserkraftpioniers Oskar von Miller den Bau des Walchsenseekraftwerks beschlossen; zur Stromgewinnung sollten die 200 Meter Höhenunterschied zwischen Walchensee und Kochelsee genutzt werden. Keine sechs Jahre später war das Bauwerk fertig, eine absolute Meisterleistung. Noch heute zählt es zu den leistungsstärksten Hochdruckspeicherkraftwerken in Deutschland.


Aufgabe der Forschungscrew war es, den Kesselberg-Stollen, einen 1200 Meter langen Tunnel zwischen den beiden Seen, genau zu inspizieren (der Kraftwerksbetreiber E.ON ist verpflichtet, einen solchen Check alle zehn Jahre durchzuführen). Dafür setzten sie Deutschlands einziges bemanntes Forschungstauchboot ein, die Jago vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Die größte Herausforderung dabei war die enge Zeitvorgabe: das Walchenseekraftwerk wurde aus Kostengründen nur für exakt 16 Stunden abgeschaltet …

Truk Lagoon: gefährlicher Friedhof im Pazifik


Im Hafen von Apra auf Guam liegen im tiefblauen Wasser die riesigen rostigen Stahlrümpfe von zwei Schiffen Seite an Seite: die japanische Tokai Maru und die deutsche SMS Cormoran. «Meines Wissens ist diese Stelle in Mikronesien der einzige Ort auf der Erde, an dem es einem Taucher möglich ist, gleichzeitig ein Wrack aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg zu erkunden.» Die SMS Cormoran, ein Hilfskreuzer der kaiserlichen Marine, hatte sich im April 1917 dort selbst aus dem Verkehr gezogen; 26 Jahre später, im August 1943, sank das von einem amerikanischen U-Boot-Torpedo getroffene Passagier- und Frachtschiff Tokai Maru auf den Meeresgrund.


Drei Viertel der Meereswracks stammen aus dem 2. Weltkrieg, rund 4000 davon ruhen im Pazifik, dem mit 180 Millionen Quadratkilometern größten Ozean  der Welt. Und viele von ihnen sind tickende Zeitbomben; Abertausende Fässer mit vielen Millionen Litern Schweröl, Diesel und Kerosin könnten freigesetzt werden, wenn Wracks auseinanderbrechen oder die Fässer durch natürliche Zersetzungsprozesse aufbrechen (Korrosionsrate im Salzwasser: 0,1 Millimeter pro Jahr). Diese Gefahr ist in Truk Lagoon buchstäblich mit Händen zu greifen – dort, wo eine der verheerendsten Seeschlachten des Pazifikkriegs geschlagen wurde … 

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