15.11.2016   von rowohlt

Jetzt singt sie auch noch!

Wie Online-Omi Renate Bergmann Weihnachten zurückerobert, indem sie ein musikalisches Inferno verhindert

© Rudi Hurzlmeier
© Rudi Hurzlmeier

Die letzten Geschenke sind längst schon gepackt, der Rumtopf für die Festtage zieht seit Sommer durch – Weihnachten will zeitig vorbereitet sein. Um der gruseligen Beschallung durch Frau Schlodes Kinderchor (samt Pauken-Paule als Frontmann) zu entgehen, kommt Renate ein famoser Gedanke: Die Schlode muss an diesem Tag weit weg sein, damit sie selbst und ihre treuesten Getreuen die Adventsfeier mit dem Krippenspiel in Eigenregie inszenieren können. Was man dazu braucht? Einen Plan, ein paar handverlesene Kinder aus der Nachbarschaft – und viele, viele Schafe. (Nein, keine Plüschschafe: richtige Schafe …) Was für ein Chaos! Und – was für ein unvergessliches Fest!


Renate Bergmann hat ein ziemlich aufregendes Leben gehabt, das können Se ruhig glauben! Aber was heißt gehabt?! Mit ihren 82 Jahren ist die pensionierte Reichsbahnerin aus Berlin-Spandau, die vier Gatten  ordnungsgemäß unter die Erde gebracht hat, noch ganz schön rüstig; und da auch in ihrem Oberstübchen alles noch wunderbar in Ordnung ist, kriegt die alte Dame Dinge gebacken, die ihre spirituell überdrehte Tochter Kirsten («Das Mädchen hat einfach nicht alle Latten am Zaun») komplett überfordern würde. Zum Glück ist Renate dank Stefan, dem Neffen ihres ersten Mannes, technisch auf dem neuesten Stand. Onlein, Fäßbock, Googel, Sie wissen schon – alles tipptopp im Hause Bergmann. Aber moderne Technik allein hilft auch nicht; schließlich sind es nur noch fünf Monate bis zum Fest der Feste!

«Eine Renate Bergmann schweigt verlässlich wie ein Grab – das wissen Se, nich?»


Renate ist nicht nur ihren Freundinnen Gertrud und Ilse meilenweit voraus, was die strategische Planung der  Adventswochen angeht. Auch der Kapitalismus im Allgemeinen und im Besonderen ist ihrem Tempo nicht gewachsen. Zwar gibt es «beim Edeka» im August schon Lebkuchen, «aber Mong Scherrie ist noch in der Sommerpause. Das verstehe, wer will.» Dann eben Mong Scherrie später. Wichtiger als das Gewese um die Piemont-Kirsche ist es doch, den Auftritt von Schlodes infernalischer Flötentruppe zu verhindern. Überhaupt – die Musikauswahl der Schlode! Einem Trupp von 80+-Senioren mit Vorliebe Sachen wie «Am Taaaag, als Connyyyy Kraaamer starb» zu Gehör zu bringen – darauf muss man erst mal kommen!


Wie also sabotiert man ohne Eklat den Adventsauftritt der Schlode-Chöre? Zunächst versucht Renate, die sich ja bestens mit Männern auskennt (vier Gatten, vier Gräber!), der Schlode endlich den richtigen Mann zuzuführen. Pustekuchen, kein Interesse: weder den Klempner noch den «Schofför» würdigt sie eines Blickes, von den übrigen Herren im besten Alter ganz zu schweigen. Da hilft nur noch eine handfeste Intrige. Obwohl … Intrige trifft es nicht ganz. Die Sache muss ganz anders laufen: Die Dame darf an besagtem Tag einfach nicht vor Ort sein, sondern richtig weit weg. 


Die rettende Idee heißt: Bjutiefarm! Das ist da, wo man die Seele baumeln lässt und gaanz viel Gurkensalat aufs Gesicht legt: ein Jungbrunnen für gestresste Zeitgenossen! Dank einer genialen Idee und den Spezialtalenten von Renates Freundin Ilse, die im Tricksen immer noch eine große Nummer ist,  gewinnt, oh Wunder!, «unsere liebe Frau Schlode» den Hauptpreis bei der Herbst-Tombola der Seniorenvereinigung: «ein Wochenende an der See in einer Bjutie …, also mit Kosmetik und Schönmachen. Liebe Frau Schlode, herzlichen Glückwunsch! Ach, wie ich Sie beneide!»

Wenn das mal gutgeht, Renate!


Nun haben Renate und ihre Mitstreiterinnen freie Bahn. Der vierte Advent, jetzt kann er kommen! Wie aber soll die Schlode-freie Feier aussehen? Klar ist, was nicht sein darf, weil es strikt verboten ist: 1. Blockflöten, 2. Tanzeinlagen, 3. «Stille Nacht, heilige Nacht». «Ein paar Kinder sollten schon dabei sein, schließlich wollten wir auch einen Chor der Generationen aufbieten, und da gehören nicht nur Omas und Opas hin, sondern auch Kinder. Ilse hätte am liebsten nur Kinder dabei gehabt, die getauft sind, weil es schließlich ein Fest der Kirche ist. Aber das kam gar nicht in Frage, finden Se mal heutzutage getaufte Kinder. Man muss schon dankbar sein, wenn die alle geimpft sind.» Leider scheitert beim Ideen-Casting der Vorschlag, jenes allseits bekannte Loriot-Gedicht ins Festprogramm aufzunehmen – vermutlich, weil darin die Försterin ihren Mann ersticht und das Fleisch den Armen spendet …


Aber auch ohne Loriot soll es ein glanzvolles, ein wirklich unvergessliches Adventsfest werden. Noch ahnen Renate und ihre Freundinnen allerdings nicht, dass Bauer Gunter die Sache mit den Schafen ausgesprochen wörtlich nimmt … und das gepflegte Gotteshaus bald von einer Herde wilder Schafe geflutet wird. Die auch jenseits ihrer heimischen Umgebung all das machen, was Schafe den lieben langen Tag so machen …  Wenn das mal gutgeht, Renate!

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