21.11.2016   von rowohlt

Jeder ist seines Alters Schmied

Altwerden ist Kopfsache! Der Bestseller von «Deutschlands Demografieexperten» (FAZ) Sven Voelpel

© Hauptmann & Kompanie Werbeagentur
© Hauptmann & Kompanie Werbeagentur

«Und so sind die Jahre ins Land gegangen, wohin hätten sie auch sonst gehen sollen?» (Bruno Jonas) Es stimmt: Deutschland altert, und zwar rasant. Das verändert nicht nur Gesellschaft, Politik und Kultur, dieses Thema betrifft jeden ganz persönlich. Aber: Was ist das überhaupt – Alter? Und geht es zwingend mit Gebrechen und Einsamkeit einher? Sven Voelpel, Professor für Betriebswirtschaft an der Jacobs University Bremen und Gründungspräsident des WISE Demografie Netzwerks, stellt dar, welche Kriterien für das Altsein und Sich-alt-Fühlen eine Rolle spielen. Die gute Nachricht: Wir können, in weitaus größerem Maße als bisher gedacht, beeinflussen, ob wir alt sind oder nur älter werden. Sven Voelpel zeigt, wie.

«Jungbrunnen im Taschenformat» (Nürnberger Zeitung)


In vier großen Kapiteln werden die unterschiedlichen Formen von «Alter» diskutiert: Kalendarisches Alter («Wie wenig nackte Zahlen verraten») – Biologisches Alter («Wie unsere Lebensweise uns jung hält oder altern lässt») – Gefühltes Alter («Wie unser Selbstbild das Alter beeinflusst») – Soziales Alter («Wie andere uns alt machen oder jung halten»). Immer wichtiger wird, nicht zuletzt für die Personalpolitik von Unternehmen, die Unterscheidung zwischen fluider Intelligenz (Fähigkeit, Neues zu lernen) und kristalliner Intelligenz (Erfahrungswissen): «Jüngere haben mehr kreative Ideen, aber Ältere wissen, wie man diese bewerten und dann tatsächlich implementieren kann.»


Dieses Buch über das Älterwerden und Jungbleiben öffnet die Augen für Neues. Eigentlich haben wir alle die gleichen Klischees über das Alter(n) im Kopf; vieles davon ist nicht haltbar, wie der Blick auf eine Vielzahl neuer wissenschaftlicher Forschungen ergibt. Lassen wir Prof. Voelpel selbst erklären, weshalb wir bei der Frage «Alt sein oder älter werden» ein gehöriges Wörtchen mitzureden haben. Hier einige prägnante Buchzitate und Schnipsel aus Interviews (Süddeutsche Zeitung v. 3.11.2016; Allgäuer Zeitung v. 24.10.2016; Nürnberger Zeitung v. 3.11.2016):

«Die Geschichte des Alters muss neu geschrieben werden»


Alt werden, alt sein. «Und so lautet die Kernthese dieses Buches: ‹Das› Alter als uniforme, in Zahlen messbare ‹dritte› Lebensphase gibt es nicht mehr, und es wird sie in Zukunft noch viel weniger geben. Erstmals in der Geschichte haben wir die Chance, maßgeblich selbst zu bestimmen, ob wir alt werden – oder nur älter.»   


Rente mit 65 oder spätestens mit 67? «Völlig paradox, wenn man sich anschaut, dass der älteste Marathonläufer 101 Jahre alt ist. Es gibt Lehrer, sogar Nobelpreisträger, die geklagt haben, weil sie länger arbeiten wollten.» 


Denkfehler. «Alter wird vor allem als eines betrachtet: als Defizit. Im Alter geht es abwärts, so die gängige Meinung. Wenn wir an alte Menschen denken, dann denken wir an Demenz, Pflegeheime, Krückstock.» 


Es ist nie zu spät! «Nierenfunktion, Lungenvolumen, Nervenleitgeschwindigkeit, Muskelstärke – das alles wird etwa ab dem 40. Lebensjahr weniger. Auch das Hirn wird löchriger, die sozialen Kontakte werden seltener. Die gute Nachricht: Dem sind wir nicht machtlos ausgesetzt. Es gibt tatsächlich viele Einflussfaktoren, die sich auf das Altern auswirken. Der Mensch verfügt über eine erstaunliche Plastizität.»


Plastizität: Geht nicht gibt's nicht. «Das menschliche Gehirn kann auch im hohen Alter noch neue Synapsen bilden, und unser Körper ist viel anpassungsfähiger als wir glauben.»


Wieso nicht Nordic Walking? «Interessant dabei ist, dass je nach Sportart auch unterschiedliche geistige Fähigkeiten trainiert werden: Tai Chi fördert die Präzision beim Formulieren, Nordic Walking die Reaktionsfähigkeit. (…) Schon mit 40 an 80 zu denken, bedeutet, die Kernpunkte zu finden, die Spaß machen. Jeder ist seines Alters Schmied.»


Neugier macht klüger als Kreuzworträtsel.  «Man hat im Alter andere Kompetenzen, die sich aber super mit denen der Jüngeren ergänzen. Jüngere sind vielleicht motivierter und engagierter, Ältere sind emotional stabiler. Die Jüngeren punkten mit mehr Wissen aus ihrer Ausbildung, die Älteren mit mehr Erfahrungswissen. Jüngere verfolgen eher radikale Innovationen mit einer Vielzahl von Ideen. Die Älteren haben funktionale Ideen, die auf Prozessen und ihren Erfahrungen basieren.»


Außen Falten, innen jung. «Man kann wahnsinnig viel gegensteuern, mit Ernährung, mit Bewegung, mit Denkweisen. Ich achte extrem auf eine gesunde Ernährung. Mit Ingwer und Kurkuma etwa kann man vielen Entzündungen vorbeugen, das geht von Rheuma über Gastritis bis zu Alzheimer, wo es ja zu Entzündungen im Gehirn kommt.»


Lebenszeit als Zugabe. «Im Vergleich zu drei bis vier Generationen vor uns wurden uns nicht zuletzt durch den Fortschritt der Medizin 20 Jahre zusätzliches Leben geschenkt. Jetzt müssen wir uns fragen, wie wir diese Zeit nutzen.»

Fragen wir Robert Lembke!


Mit seinem Team an der Jacobs University Bremen beschäftigt sich Sven Voelpel seit langem mit Problemen des demografischen Wandels; in enger Kooperation mit einer Vielzahl von Partnerunternehmen erforscht er das Potenzial von Arbeitnehmer*innen unterschiedlicher Altersstufen. «Dabei habe ich mich von vielen meiner Vorurteile über das Alter verabschiedet und sehe meinem Leben jenseits der 70, 80 – und mit etwas Glück sogar jenseits der 90 – sehr gelassen und mit Vorfreude entgegen.» Aber noch ist Voelpel gerade mal frische 43 Jahre alt. Natürlich wird auch er immer wieder gefragt, wie es ihm mit dem Alter(n) gehe. Sehr gut, lautet die Antwort; der Vater von zwei Jungen im Kindergartenalter setzt auf Bewegung, Fitness (kurzes, scharfes Training), gesunde Ernährung – und Begeisterung für das, was er beruflich macht.


Zum Schluss kommen wir nicht umhin, den legendären Robert «Was bin ich?» Lembke mit einem seiner bekanntesten Sätze zu zitieren, der wie in Stein gemeißelt daherkommt (und so was von richtig ist!): «Alt werden ist natürlich kein reines Vergnügen. Aber denken wir an die einzige Alternative.»

Top