02.11.2016   von rowohlt

«Geht schnell weg, sagte sie»

«Eine raffinierte Spukgeschichte»: Daniel Kehlmanns Erzählung «Du hättest gehen sollen»

© iStockphoto.com
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Ein einsam gelegenes Ferienhaus. Tief unten das Tal, eine Serpentinenstraße führt hinauf. Es ist Dezember, Vorweihnachtszeit. Ein junges Paar – sie Schauspielerin, er Drehbuchautor – hat sich mit der vierjährigen Tochter für einige Tage oben in den Bergen eingemietet. Von Stunde zu Stunde nehmen die Spannungen zwischen ihnen zu.  Seltsame Dinge geschehen –  mit dem Haus stimmt etwas nicht … Daniel Kehlmanns Erzählung hebt auf gespenstische Weise die Realität aus den Angeln; allmählich verschwimmen die Konturen, der Boden beginnt zu wanken …

Stimmen zu Daniel Kehlmanns Erzählung


Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: «96 Seiten Horror: Daniel Kehlmann hat eine Erzählung geschrieben, die daran erinnert, wie groß gerade kleine Kunstwerke sind.»
Spiegel Online: «Kehlmann treibt seinen Erzähler gnadenlos in die Enge und erweist sich dabei – ähnlich wie sein großes Vorbild Borges … – als beeindruckender philosophischer Zweifler.».
Die Welt: «Daniel Kehlmann macht, dass unser eigener Kopf zum Spukhaus wird. Er bleibt der metafiktionale Spieler – und dreht die Schauerliteratur eine ganze Umdrehung weiter.»
Der Tagesspiegel: «So klein wie fein … Kehlmann inszeniert mit sparsamen Mitteln und in einer klaren, nüchternen Sprache ein Spiel mit Raum und Zeit.»
Die Zeit: «Selten hat Kehlmann ein derart raffiniertes Realitätslabyrinth entworfen, selten den Leser so tief ins Dickicht des Zweifels geschickt.»

Verloren im Geisterhaus


Über den Ferientagen in den Bergen liegt von Anfang an ein Schatten. Eigentlich will der Ich-Erzähler an seinem Text arbeiten, einer Fortsetzung der erfolgreichen Beziehungskomödie «Allerbeste Freundinnen». Aber in seinem Kopf herrscht ein heilloses Durcheinander: keine inspirierende Idee, kein spritziger Dialog. Nur mühsam vermag er seine Versagensängste zu kaschieren, Panikattacken quälen ihn – von Urlaub keine Spur. Mit seiner Frau Susanna streitet er um Nichtigkeiten, eine Spitze jagt die nächste. 


Er spricht von seinem «Werk». Sie kontert: «Du meinst dein Drehbuch?» Er erinnert sie daran, dass sein «banales Drehbuch» die Ratenzahlung für die Wohnung absichere. Sie erwidert, sie habe nichts gegen seine Komödien, solange er« bitte nicht so tun wolle, als handle es sich um Minna von Barnhelm oder den Zerbrochenen Krug – immer muss sie Klassiker erwähnen, um mich daran zu erinnern, dass sie einen Abschluss in Deutscher und in Klassischer Philologie hat, während ich nie auf der Universität gewesen bin.»


Das Filmdrehbuch gerät bald völlig in den Hintergrund. Im Haus ereignet sich Seltsames, Unerklärliches – Halloween-Spuk und Geisterstunde in einem. Warnungen der Dörfler gab es ja genug: «‹Geht schnell weg›, sagte sie». Nichts scheint mehr zu sein, wie es vorher war. Bilder hängen da, wo am Abend zuvor leere Wände waren. Das eigene Spiegelbild löst sich im Spiegel auf. Flure, die länger und länger werden. Zimmer, wo vorher keine waren. Man tritt aus der Haustür, um wieder im Wohnzimmer zu landen. Das kleine Mädchen, das ins Babyphon schreit, obwohl es still und fest schläft. Kein rechter Winkel im ganzen Haus, «die passen nie, die Winkel da oben». Ein Weg ins Tal hinunter, der exakt zum Ausgangspunkt zurückführt, zum Geisterhaus. 

«Ein Buch für einen späten Abend und eine unruhige Nacht»


Die Dimensionen von Zeit und Raum lösen sich auf. Noch versucht er sich zu beruhigen: «Im Grunde ist ja kaum etwas passiert … Es muss eine Erklärung geben.» Muss es das? Da entdeckt er auf Susannas Handy eine Nachricht, die seine mühsam aufrechterhaltene Fassade zum Einsturz bringt. Die Katastrophe ist da, seine Frau reist ab und lässt ihn allein mit dem Kind zurück. Wie geht es weiter, wenn das entfesselte Unheimliche sich Bahn bricht? Was ist, wenn all das, was uns sicher erschien, nichts mehr gilt?


Nach seinem mehr als zwei Millionen mal verkauften Bestseller «Die Vermessung der Welt» (2005) hat Kehlmann, wie Peter Henning auf Spiegel Online notiert, mit «Ruhm. Roman in neun Geschichten» (2009) und «F» (2013) sein «poetologisches Programm konsequent weitergeführt: ein zwischen dem experimentellen Nabokov der Romane ‹Einladung zur Enthauptung› oder ‹Fahles Feuer›, der poststrukturellen Verspieltheit eines Jorge Luis Borges und seiner ‹Ficciones› und dem magischen Realismus eines García Márquez oszillierendes Erzählen.» Nicht umsonst tragen seine Frankfurter Poetikvorlesungen den von Shakespeare entlehnten Titel «Kommt, Geister». Dazu passt das von dem Künstler Thomas Demand gestaltete Cover der neuen Erzählung: verschachtelte Gänge, labyrinthische Fluchten, irritierende Perspektiven. 


Jeremias Gotthelf, Edgar Allan Poe, Kafka, Borges, Leo Perutz, Stephen King, David Lynch – es gibt vielerlei literarische und filmische Anspielungen, die einem in den Sinn kommen könnten. «Man braucht diese Referenzen aber nicht unbedingt zu kennen, um an der Lektüre dieses kleinen Büchleins trotzdem Vergnügen zu finden.»  (Wiener Zeitung)

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