11.11.2016   von rowohlt

«Es liegt an euch, wer lebt und wer stirbt»

«Anonym» von Ursula Poznanski und Arno Strobel: ein Schocker von einem Buch, packend, drastisch, nervenaufreibend

© Gabi Gerster; Metal/Rusted0090/textures.com
© Gabi Gerster; Metal/Rusted0090/textures.com

Du verabscheust deinen Nachbarn? Du hast eine offene Rechnung mit deiner Ex-Frau? Du wünschst deinem Chef den Tod? Dann setze ihn auf unsere Liste und warte, ob die anderen User für ihn voten. Aber überlege es dir gut, denn manchmal werden Wünsche wahr... Es ist der erste gemeinsame Fall von Kommissar Daniel Buchholz und seiner Kollegin Nina Salomon, und er führt sie auf die Spur des Internetforums «Morituri». Dort können die Mitglieder Kandidaten aufstellen und dann für sie abstimmen. Dem Gewinner winkt der Tod. Und der Tod ist näher, als Buchholz und Salomon glauben ... 


Hamburger Abendblatt: «Ein eiskalter Thriller ohne Angst vor geradezu skandinavisch-verstörender Brutalität … Weitere Teile mit dem coolen Ermittlerpaar sind wünschenswert. Unbedingt.»


Gießener Allgemeine: «Aus der Frage, wozu Menschen gebracht werden können, wenn sie für ihre Taten nicht verantwortlich gemacht werden können, haben Poznanski und Strobel nicht nur eine Moralparabel gemacht, sondern vor allem auch einen hochspannenden Krimi.»

Einmal Herrscher über Leben und Tod sein!


Es ist eine Idee, die an Perfidie nicht zu überbieten ist. Irgendwer hat eine Website ins Darknet, die Dunkelkammer des Internets, gestellt. www.morituri.to – ein Name, der Programm ist: «Morituri», wie die Todgeweihten. Hier kann jeder im Schutz der Anonymität Menschen nennen, die «den Tod verdienen». Am Ende steht eine Hitliste der Todeskandidaten. Wer in der Kampfabstimmung vorne liegt, wird stirbt: ein Voting auf Leben und Tod. Der Mord wird im Netz vorangekündigt, das Opfer vor laufender Kamera exekutiert. Dann beginnt eine neue Spielrunde der Castingshow – dem «Gewinner» winkt der Tod. Das klingt auf Morituri so: «Wir alle müssen sterben, früher oder später. Für wen soll es, deiner Ansicht nach, früher sein? Die Spielregeln sind einfach. Ihr trefft eure Wahl, ich bin der Arm, der das Schwert führt. Unsere Arena ist Hamburg.» 


Von ihrer Laufstrecke weg wird Nina Salomon an ihrem ersten Arbeitstag beim LKA Hamburg direkt an einen Tatort beordert, zu einem heruntergekommenen Fabrikgelände auf der Veddel, draußen am Rande der Hansestadt. Der Tote ist der Rechtsanwalt Dr. Michael Kornmeier – er stand auf der Liste der Todeskandidaten ganz oben. Der Eppendorfer Prozessanwalt ist innerlich und äußerlich verblutet, nachdem man ihm zunächst ein Blutgerinnungsmittel eingeflößt und danach gezwungen hatte, Glasscherben zu schlucken. Und: Es war eindeutig kein Raubmord; in der Brieftasche des Toten steckten über 300 Euro. Weshalb musste Kornmeier sterben? Keine Indizien, kein erkennbares Motiv, aber eine erste Spur: www.morituri.to. 


Weil sie weder die Morde verhindern, noch die mörderische Website löschen können, geraten die Ermittlungsbehörden von Tag zu Tag mehr unter Druck. Fassungslose Hinterbliebene, hysterische Medien («Hunderttausende schauen Mann beim Sterben zu. Polizei hoffnungslos überfordert»): Panik macht sich breit. Schließlich könnte jeder auf der Todesliste im Darknet landen. Ob es der Fahndung nach dem Darknet-Killer guttut, dass Hauptkommissar Daniel Buchholz eine als äußerst eigensinnig bekannte neue Kollegin bekommt? Oberkommissarin Nina Salomon wurde aus Bremen nach Hamburg versetzt, ins LKA 4, Kapitaldelikte. Sie ist der komplette Gegenentwurf zu ihrem stets penibel gekleideten, besonnenen, hyperkorrekten Kollegen: Nina Salomon ist ungeduldig, forsch, laut und, wenn es sein muss, konfrontativ. In Sachen Tätersuche nimmt sie gern mal riskante Abkürzungen, gegen ermittlerische Alleingänge hat sie nichts einzuwenden – wenn sie es ist, die alleine loszieht. 


Die Suche nach dem Darknet-Killer wird zu einem Wettlauf mit der Zeit; die nächsten vier Kandidaten stehen bereits zur Wahl. Mit dabei: ein 13-jähriges Mädchen, das die Katze ihrer Freundin ertränkt hat. Währenddessen findet Morituri findet immer mehr Zulauf – Trajan, der Administrator der Killer-Website, versteht sein Handwerk. Nina Salomon ist erschüttert, in welchem Tempo die Zahl der User in die Höhe schießt. «Ich starre auf den Bildschirm. Die Mitgliederzahl des Forums erhöht sich stetig, vor meinen Augen, und das Bewusstsein, dass wir dem machtlos gegenüberstehen, weckt in mir den Wunsch, etwas kaputt zu machen. Vielleicht Buchholz' merkwürdige Designer-Schreibtischlampe, die aussieht wie ein sich im Wind blähendes chromfarbenes Segel.»  


Auch Buchholz reagiert entsetzt auf das düstere Spektakel in der Cyberwelt: «Ich bin aufgewühlt, kann nicht einschlafen. Zu viele Dinge, die mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Der Mord. Dieses Forum, dessen Betreiber, die Gründe für sein Tun.» Über die nächsten Opfer wird ein Millionenpublikum richten: Menschen, die sich im Schutz der Anonymität am zynischen Todes-Casting beteiligen, aus Sensationsgier und anderen niederen Motiven. Daumen hoch, Daumen runter: Leben oder Tod, was soll's? 

«And the winner is … dead»


In «Anonym» wird konsequent weitergedacht, was heute schon Realität ist: Enthemmung im Netz, Online-Mobbing, Hasskommentare, Shitstorms, Gewaltaufrufe. Was im geschützten Raum des Internets möglich ist, hat man zuletzt beim Terroranschlag von München gesehen. Dort hatte ein 18-jähriger Schüler im Juli 2016 neun Menschen mit Waffen erschossen, die er über einschlägige Seiten im Darknet erworben hatte. 


Mit Ursula Poznanski und Arno Strobel haben sich zwei der besten deutschsprachigen Spannungsautoren zu einem starken Thrillerduo zusammengetan. «Anonym» ist aus doppelter Ich-Perspektive geschrieben: einmal aus dem Blickwinkel von Nina Salomon, dann aus dem ihres Kollegen Buchholz – der perfekte Kniff, um am Ende die Spannung fast ins Unerträgliche zu steigern. Mit «Fremd» landeten Poznanski/Strobel 2015  ihren ersten gemeinsamen Coup – die dramatische Geschichte einer jungen Frau, Joanna, in deren Haus plötzlich ein Mann aufkreuzt und behauptet, Erik, ihr Lebensgefährte, zu sein. Aber sie kennt den Mann nicht, glaubt ihn nie zuvor gesehen zu haben. Je mehr beide die Situation zu verstehen versuchen, desto verwirrender wird sie. Irgendetwas ist in und mit ihrem Leben passiert. Aber was?


Die LKA-Ermittler Salomon und Buchholz geben in ihrer Gegensätzlichkeit ein tolles Ermittlerpaar ab. Hier treffen sich zwei, von denen man unbedingt mehr erfahren will. Nina Salomon etwa fordert sich sportlich gern bis an ihre Grenzen, ob beim Taekwondo oder beim Laufen: «Fünfeinhalb Kilometer, und es fühlt sich immer noch scheiße an. Puls 172, zeigt die Uhr an meinem Handgelenk … Ich erhöhe mein Tempo, entweder es geht dann endlich besser, oder ich kotze eben in die Außenalster.» Auf eine solche Idee käme Hauptkommissar Buchholz erst gar nicht. «Sie kommen direkt vom Sport? – Ja. Und Sie? Vom Shoppen?» Zwei Ermittler mit Potential – in jeder Beziehung. So kann's weitergehen!

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