der Weg nach ganz unten

Der Weg nach ganz unten

Ein Buch voll Härte, Schmutz und Mitgefühl:

Heinz Strunks Roman über den Frauenmörder von St. Pauli

Der goldene Handschuh
Der goldene Handschuh

Dieser phantastisch düstere, grell komische und unendlich traurige Roman ist der erste des Autors, der ohne autobiographische Züge auskommt. Ein Strunkbuch ist es trotzdem ganz und gar. Sein schrecklicher Held heißt Fritz Honka – für in den siebziger Jahren aufgewachsene Deutsche der schwarze Mann ihrer Kindheit, ein Frauenmörder aus der untersten Unterschicht, der 1976 in einem spektakulären Prozess schaurige Berühmtheit erlangte. Honka, ein Würstchen, wie es im Buche steht, geistig und körperlich gezeichnet durch eine grausame Jugend voller Missbrauch und Gewalt, nahm seine Opfer aus der Hamburger Absturzkneipe „Zum Goldenen Handschuh“ mit.

Wer war Fritz Honka?

Am 17. Juli 1975 wird die Feuerwehr in die Zeißstraße 74 in Hamburg-Ottensen gerufen. Nachdem der Brand gelöscht ist, machen die Feuerwehrleute einen grausigen Fund. In der Wohnung des 39-jährigen Mieters Fritz Honka werden verweste und mumifizierte Körperteile von mehreren Opfern entdeckt.

Der Fall Honka elektrisiert den Boulevard; wochenlang gibt es kein anderes Thema in der Hansestadt.

Doch wer ist der Mann, der zwischen 1970 und 1975 insgesamt vier Frauen tötet, zersägt und die Leichenteile in seiner Mansardenwohnung, in unmittelbarer Nähe außerhalb seiner Wohnung und auf dem Dachboden versteckt?

Fritz Honka wird 1935 in Leipzig geboren. Als er fünf ist, schlägt ihn sein Vater halb tot. Weil die Mutter mit zehn Kindern heillos überfordert ist, wächst der Junge in Kinderheimen auf. Er will Autoschlosser werden, aber dafür ist er zu schlecht in der Schule. Eine Maurerlehre bricht er allergiebedingt ab. Nach einem Selbstmordversuch verlässt er mit 16 die DDR und geht in den Westen. Er jobbt mal hier, mal dort: auf dem Bau, in der Landwirtschaft. Ein schwerer Unfall mit dem Fahrrad lässt bei ihm ein entstelltes Gesicht zurück. Er schielt seither stark, kann keine körperlich schweren Arbeiten mehr annehmen. «Ein ärmeres Würstchen lässt sich ja kaum vorstellen», sagt Heinz Strunk.

1956 kommt Honka nach Hamburg, wo er sich als Werftarbeiter verdingt. Er führt eine unglückliche Ehe, säuft, betrügt und schlägt seine Frau. Immer häufiger taucht Honka in Kiezkneipen auf – das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Im Goldenen Handschuh am Hamburger Berg, später Honka-Stube genannt, ist Honka Stammgast. Hier trifft er seine späteren Opfer – sozial entwurzelte, einsame Frauen, die sich für Unterkunft, Alkohol und wenig Geld prostituieren.

Niemand, der ihn damals kannte, hätte ihm seine Taten zugetraut. Aber diesen Honka hat es zwei Mal gegeben: den schüchternen, im Gesicht entstellten Mann mit Sprachfehler, der anderen kaum in die Augen schauen kann. Und den anderen Honka, den sexgierigen, der sich in alkoholisiertem Zustand zum Herrn über Leben und Tod aufschwingt.

Im November 1976 beginnt der Prozess gegen Fritz Honka, «ein kleines, schüchternes, mitleiderregendes Männchen», wie Strafverteidiger Gunter Widmaier notiert. Im Urteil vom 20. Dezember 1976 wird eine schwere «seelische Abnormität» festgehalten; Honka wird wegen Mordes in einem und Totschlags in drei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren und Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung verurteilt.

Seine Strafe verbüßt Honka im Klinikum Ochsenzoll. Nach 15 Jahren wird er entlassen, zieht – unter dem Pseudonym Peter Jensen – in ein Altenheim in Scharbeutz/Ostsee. Am Ende führt sein Weg wieder zurück in die Psychiatrie. Am 19. Oktober 1998 stirbt Fritz Honka im Alter von 63 Jahren an den Folgen einer Herzschwäche und eines Asthmaleidens.

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Heinz Strunk über sein Buch

Über Heinz Strunk

Heinz Strunk
© Dennis Dirksen

Der Schriftsteller, Musiker und Schauspieler Heinz Strunk wurde 1962 in Hamburg geboren.

Sein Buch «Fleisch ist mein Gemüse» verkaufte sich fast 500.000-mal. Es ist Vorlage eines preisgekrönten Hörspiels, eines Theaterstücks und eines Kinofilms. Auch die darauf folgenden Bücher des Autors wurden zu Bestsellern.

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