![]()
698 neue Worte für alle Lebenslagen, das ist doch mal ein Projekt! Was die leidgeprüfte DUDEN-Redaktion von Neologismen wie Nobbing, Teletic oder überwegs hält, wissen wir (noch) nicht. Ist auch egal, macht diese witzige, funkensprühende Zusammenstellung von mehr oder weniger einleuchtenden Neuwörtern doch zunächst mal eines: Spaß!
Die NEON-Kolumne «Wortschatz» erfreut sich großer Beliebtheit; eine Zusammenarbeit mit dem Strategieberater (und Chefirokesen) Sascha Lobo bot sich an, weil dieser ein bekennender Fan von Pliasmen (also: erfundenen Fremdwörtern) ist. Nobbing, Amoksitzen, Präsentariat: wie konnten wir auf diese Neusprech-Preziosen nur verzichten?
Eigentlich ist das herrlich pinke Büchlein eine einzige Hommage an Philipp von Zesen, den Guru der Selbstzweck-Worterfinder. «Das ewige Vorbild, der Abgott der Worterfinder, ist ein Mann, dem jedes deutschsprachige Worterfindungsbuch zwingend gewidmet sein muss. Noch immer ist er zu vielen Leuten unbekannt. Es gibt nicht einmal eine Philipp-von-Zesen-Straße in Deutschland. Nur einen Philipp-von-Zesen-Gedenkwanderweg bei Raguhn-Jeßnitz, wie zum Hohn. Dabei hat Philipp von Zesen die deutsche Sprache mit seinen Worterfindungen geprägt wie niemand anders.» Gotteshaus, Emporkömmling, Nachruf, Rechtscheribung, Sterblichkeit, Vollmacht, Weltall, alles Zesen!
Hier einige Kostproben aus drei Rubriken (natürlich von NEON/Lobo und nicht von von Zesen; der hätte sich über Sachen wie Alkopulieren, Verappung oder Schlangst nicht mal amüsieren können – kein Wunder bei einam alten Herrn des Jahrgangs 1619):
KRAWATTIG. Es muss die Ironie des Wortgottes sein, dass Krawalle und Krawatte derart ähnliche Wörter sind. Denn krawattig sind Leute, deren Porträt auf der Unternehmenswebsite auch durch eine Krawatte ersetzt werden könnte, und niemand würde es bemerken.
EXCEM. Allergische Reaktion auf Excel. Excel ist gesundheitsamtlich als einziges Virus anerkannt, das vom Computer auf den Menschen übertragen wird und in manchen Firmen einen Verbreitungsgrad von 104 % (bei Einberechnung freier Mitarbeiter) erreicht.
FEUCHTAKQUISE. Die Feuchtakquise oder feuchte Akquise hat zwei Dimensionen der Schlüpfrigkeit. Die erste beruht darauf, dass die meisten Geschäfte nicht im Meetingraum, sondern an der Hotelbar getätigt werden. Dabei versuchen die Geschäftspartner per Alkoholvergiftung die Erträglichkeit der zukünftigen Zusammenarbeit mit dem Geldwert der Leistung in Einklang zu bringen. Die Leistung selbst spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Sie ist in den meisten Fallen austauschbar, außer bei der Feinschlosserei Buckenberg & Compagnie aus Beutenbuttel im Südharz, die tatsächlich die besten Gewinde-Flanschmuffen aus 1000er Titanstahl fertigt, die am Weltmarkt zu beziehen sind. Die zweite Dimension der Schlüpfrigkeit ist noch wesentlich schlüpfriger als die erste, denn hierbei wird die feuchte Akquise im Hotelzimmer fortgeführt.
EXENVERBRENNUNG. Die Exenverbrennung erfolgt kurz nach dem Moment, an dem anderthalb bis drei Wochen nach dem endgültigen Ende der Beziehung der Liebeskummer in Wut umschlägt. Eben täuschte man sich selbst noch vor, gar nicht mehr so genau zu wissen, wo genau die Habseligkeiten des Expartners in der Wohung herumlägen. Schon rennt man herum, sammelt Liebesbriefe, Erinnerungsfotos und andere Beweise der einstigen Zusammengehörigkeit, wirft sie in die Badewanne und zündet sie an. Nach der Exenverbrennung reinigt man sich traditionellerweise durch rituelles 24-stündiges Weinen. Anschließend lügt man sich und den Freunden vor, dass alles wieder gut sei.
IKEABEL. Eine Partnerschaft erweist sich als ikeabel, wenn ein samstäglicher Besuch bei IKEA weder zur sofortigen Trennung noch zu tagelangen Liebe & Sex-Diskussionen über Nachwuchsplanung führt. In einigen urbanen Subkulturen hat der gemeinsame IKEA-Besuch die Verlobung vollständig ersetzt.
GESINGLE. Sehr abwertend gemeinte Mischung aus Gesindel und Single. Es handelt sich um den Teil des Freundeskreises, bei dem nicht einmal mehr untereinander eine Verkupplungschance besteht. Mit dem Gesingle ist es wie mit dem letzten Dutzend unansehnlicher Tomaten im Biomarkt: egal, wie lange man wartet, niemand will sie haben. Dann lieber keine Tomaten.
MEDIOT. Bei deutscher Aussprache Bezeichnung für eine Person, die Teil der Medienlandschaft ist. Bei englischer Aussprache dagegen verwandelt sich der Mediot in einen ichfixierten Idioten und erreicht so eine 97%ige Bedeutungskongruenz mit dem Ursprungswort Idiot selbst.
HOLLIG. Wenn ein Film offensichtlich hollywoodig wirken möchte, es aber einfach nicht dazu reicht, spricht man von hollig. Hollige Filme hinken konzeptionell, qualitativ sowie von Ausstattung und Umsetzung ihren Vorbildern hinterher. Sie erreichen den Level, der fünfzehn Jahre zuvor in Hollywood als Standard galt. Wenn überhaupt.
BRECHGEIZ. Der ökonomisch begründete Widerwillen, sich nach einer Flasche Champagner zu erbrechen, für die man vorher viel Geld bezahlt hat. Die Brechgeizgrenze ist individuell unterschiedlich, tritt im Schnitt aber bei Preisen ab dreißig Euro ein.