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Albert Camus – Stationen eines Lebens

Algerischer Camus, französischer Camus

camus
© Rowohlt Archiv

Antitotalitärer Moralist und Sartre-Gegner, Pariser Starautor und Frauenheld, moderner Klassiker und «säkularer Heiliger», desillusionierter Intellektueller und Vordenker eines posttotalitären Europa: Albert Camus' Faszination ist bis heute ungebrochen. Iris Radisch, Feuilleton-Leiterin der ZEIT, nimmt uns mit auf eine faszinierende Reise durch  Leben und Werk des in Paris nie heimisch gewordenen Algerienfranzosen, der am 7. November 2013 hundert Jahre alt geworden wäre.


«Unverständlicherweise wird Camus … in der Literaturgeschichte überwiegend als französischer Autor geführt, als Pariser Starautor und Held des Quartier Latin. Es wird Zeit, sich dem algerischen Camus zuzuwenden.» Das ist eine der großen Stärken von Iris Radischs neuer Camus-Biografie: die unauflösliche Bindung an seine algerische Heimat und das Fremdheitsgefühl gegenüber Frankreich/Paris herauszustellen. Der Aufbau von Radischs Biografie orientiert sich an Camus' zehn Lieblingswörtern – Sehnsuchtsbildern, ohne die Camus' literarische und philosophische Texte nicht ihre Form besäßen: Die Welt, der Schmerz, die Erde,, die Mutter, die menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer.

Kältetrauma und Sonnenglut


Die Mutter. Wer (außer Goethe) wagt schon, seine eigene Geburt zu beschreiben? Camus – in seinem letzten Werk «Der erste Mensch». Neben einem prasselnden Holzfeuer sei er zur Welt gekommen, am 7. November 1913 nachts um halb zwei, mit der Hilfe einer Araberin und der Kantinenwirtin des Gutes; sein erstes Lebenszeichen: ein «unterirdisches Knirschen».  Wenige Monate nach der Geburt des Sohnes fällt sein Vater Lucien Auguste Camus in der Marne-Schlacht: «Der abwesende Vater ist die erste große Leerstelle in seinem Leben.» Seine Mutter Catherine Camus, geborene Sintès, «eine fast stumme, seelisch gestörte Analphabetin», verehrt er wie eine Heilige, obwohl er sie als unzugänglich, j abweisend, apathisch und schicksalsergeben beschreibt: eine Analphabetin. «Die Mutter,» so Iris Radisch, «steht am Anfang und am Ende seines Weges. (…) Die Mutter ist der Maßstab, den Camus an die Welt anlegt.» Wenige Monate nach Albert Camus' Unfalltod stirbt auch Catherine Camus.


Die algerischen Jahre 1. Albert Camus wird im Sommer 1918 mit anderen Kolonistenkindern («Pied-noirs») aus dem Armenviertel Belcourt eingeschult; seinem Lehrer Louis Germain bleibt er ein Leben lang verbunden – «eine Initiation in eine vollkommen fremde Welt» (I. Radisch). Die unbeschwerten Sommertage an der Plage des Sablettes – für Camus ein Leben lang Urbilder des Glücks – sind zu Ende. Im Alter von 16 Jahren erkrankt er lebensgefährlich an Tuberkulose – und entdeckt die Welt der Bücher. 1939 veröffentlicht er in einer Auflage von 225 Exemplaren vier kurze lyrische Prosatexte, die zu den schönsten Essays seines Werkes zählen: «Noces» («Hochzeit des Lichts». «Alle Romane und Erzählungen Camus' – alle bis auf «Der Fall» und «Jonas oder Der Künstler bei der Arbeit» – sind Sommerbücher. Sie sind durchflutet von Licht und elektrisiert von der Hitze des Mittags. der nie zu enden scheint.»


Paris: Krieg, Untergrund. Am 16. März 1940 kommt Albert Camus in Paris an, der «für alle Zeit die einzig benutzbaren Wüste», wie er im Tagebuch notiert.  Das Gefühl wird ihn nie verlassen, in Paris ein Außenseiter zu sein und zu bleiben: fremdes, kaltes Exil. Paris wird Camus verändern. «Die sonnendurchglühte, emphatische Tonlage seiner frühen algerischen texte wird er nie wieder finden. Und den anspielungsreichen, perlend-urbanen Stil der Pariser Intelligenz wird er nie beherrschen. Aus dieser Not entsteht der Ton des «Fremden».» Camus arbeitet zunächst bei Paris-Soir, später bei der Untergrundzeitung Combat.


Sisyphos und das Absurde. Camus' Philosophie gründet im familiären Kälte-Trauma. «Das Absurde ist der Zusammenprall des menschlichen Rufes mit dem unbegreiflichen Schweigen der Welt.» Und noch etwas gilt: «Man muss sich Sisyphos als Dandy vorstellen …» Eine hinreißende Beschreibung des Absurden findet sich in «Der Fremde». Mersault, der Araber am Strand, das Messer, die blendende Sonne, der tödliche Schuss – am Ende steht das Begreifen der «zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt». Im Februar 1941 ist Camus mit dem Sisyphos fertig, damit sind seine «drei Absurden» («Caligula, der Fremde», «Der Mythos von Sisyphos») beendet


Frauen, Freundinnen, Nebenfreundinnen. Zwei Ehen, zahllose Liebschaften. Die unter absurden Voraussetzungen zustande gekommene Ehe mit Simone Hié wurde nach dreizehn Monaten geschieden, die mit Francine Faure aus Oran hielt bis zu Camus' Tod – glücklich war auch sie nicht; daran ändert auch die Geburt der Zwillinge Jean und Cathérine im September 1945 nichts. Schon in Algier hat Camus ständig neue Geliebte, oft parallele Affären. Er ist ein Frauenschwarm, «ein großer Frauenverbraucher, einer, der sich selber und alle um ihn herum verbrannte.» Im September 1937 ist Camus 23; hinter ihm liegen eine 26 Monate währende Ehe und eine 24-monatige Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Frankreichs (Ausschluss wegen «Trotzkismus»). In Algier und später in Paris gibt es neben Francine eine ganze Reihe «wichtiger Frauen» für ihn: Yvonne Ducailar, Maria Casarès, Patricia Blake, Catherine Sellers, schließlich die dänische Malerin Mi. Für einen Mann, der ohne Frauen nicht leben konnte, pflegt er ein merkwürdiges Frauenbild; in den «Tagebüchern» heißt es: «Außer in der Liebe ist die Frau langweilig.» Und die Zwillinge Jean und Cathérine nennt er einmal seine «Nebenwerke».


Das Mittelmeer. Jean Grenier ist Camus' Lehrer, Mentor und Ersatzvater – und Propagandist der Mittelmeeridee. «Die Mittelmeerutopie,» schreibt Radisch, «ist für Lehrer und Schüler die einzige Alternative zu den Totalitarismen ihrer Epoche. Das Mittelmeer wird zur Erlösungsmetapher – zum Ausweg aus der Sackgasse des 20. Jahrhunderts.»


Widerstand gegen die deutschen Besatzer. «Camus liefert seiner Zeit das entscheidende, gefährliche Stichwort: Gleichgültigkeit» – bevor er mit seinem zweiten Werkzyklus («Der Mensch in der Revolte»,« Die Pest») einen ganz anderen Ton anschlägt: Revolte, Widerstand, Kampf gegen die «braune Pest». Mit dem Erstarken der Résistance radikalisiert sich Camus; mit einem Fuß ist er im Untergrund, mit dem anderen als Lektor bei Gallimard.


Die algerischen Jahre 2. Im Sommer 1938 stellt Pascal Pia Camus als Redakteur bei der links-undogmatischen Tageszeitung Alger Républicain ein; zum ersten Mal rückt Frankreichs Kolonialherrschaft in Algerien in den Fokus von Camus' politischem Denken (Reportagen aus der Kabylei). Eineinhalb Jahrzehnte später wird der mit aller Brutalität geführte Algerienkrieg zu seiner größten politischen Katastrophe: Er, der sich selbst als Algerier, bezeichnet, akzeptiert im Grunde das kolonialistische Abhängigkeitsverhältnis zwischen Algerien und dem «Mutterland» Frankreich; seine Idee einer arabisch-französischen Konföderation, eines  gewaltfreien Dritten Wegs, ist ein schöner, naiver Traum – nicht mehr.

Besser mit Sartre irren als mit Camus recht behalten?
Sartre & Camus 1. «Sartre ist immer schon da, wo er hingehört. Camus wird von der Rue de Lyon in Algier bis zum Boulevard Saint-Germain in Paris knapp tausend Kilometer in der Luft und gut fünfhundert Jahre in der Menschheitsgeschichte zurücklegen.» Befreundet waren die Großdenker Sartre und Camus nie. Nach einem wüsten Verriss von Camus' «Der Mensch in der Revolte» 1953 in Sartres Zeitschrift Les Temps Modernes herrscht zwischen beiden kalter Krieg. Camus prangert die Kapitulation vieler französischer Linksintellektueller vor dem Stalinismus, allen voran Jean-Paul Sartre an, während dieser sich über den «Parvenü und Provinzjournalisten» (I. Radisch) mokiert. In ihrer wechselseitigen Verachtung stehen sie sich in nichts nach. Weltgewandt der eine, ein intellektueller Bohemien (mit der unermüdlichen Simone de Beauvoir als «Pressesprecherin») – seinen algerischen Wurzeln fest verbunden der andere.


Sartre & Camus 2. Sie sind wie Feuer und Wasser: hier der führende Kopf der «Mandarine von Paris», dort der Pied-noir-Moralist und Prophet der Einfachheit, der inmitten des intellektuellen Getöses der französischen Hauptstadt seiner Mittelmeerutopie anhängt. Im Oktober 1951 erscheint Camus' Essay «Der Mensch in der Revolte» bei Gallimard. Mit Sartres vernichtender Kritik  –«philosophische Inkompetenz», «voller eilig und aus zweiter Hand zusammengesuchter Erkenntnisse» – stehen er und Camus endgültig in zwei feindlichen Lagern. «Das ist auch die Geschichte zweier Feinde, die von Anfang an wissen, wie sehr die Welt des anderen die eigene von Grund auf in Frage stellt,» schreibt Iris Radisch. «Wenn zuträfe, was Sartre behauptete, und Camus die Einfachheit allein aus Verlegenheit über seine Herkunft zu seinem intellektuellen Hausmittel erhob, dann bliebe von Camus' Lehre von der mediterranen Einfachheit und dem schlichten menschlichen Anstand wenig übrig. Wenn umgekehrt Camus recht behielte und Sartres hochmütiger Dogmatismus jedes Mitgefühl mit de Opfern des Totalitarismus und jedes politische Augenmaß ausschloss, dann wäre Sartres Philosophie im Innersten beschädigt.»


Die Pest. Der unter inneren Qualen entstandene Roman erscheint 1947; er macht Camus zum Bestsellerautor. Die Geschichte eines neun Monate währenden fürchterlichen Ausnahmezustands in der von der Pest heimgesuchten Stadt Oran wird in Frankreich als Metapher auf die Zeit unter nazideutscher Besatzung gelesen – auch wenn der erste Anstoß, sich mit dem Stoff zu befassen, auf das Jahr 1934 zurückgeht, als Antonin Artauds legendärer Essay «Das Theater und die Pest» erschien. «Die Pest» ist das erste große Werk von Camus' zweitem Werkzyklus, der auch noch den Essay «Der Mensch in der Revolte» und das Drama «Die Gerechten» umfasst.

Die Wüste. Das Absurde. Die Revolte – Ein Leben in Großmetaphern
Literaturnobelpreis 1957. Am 16. Oktober 1957, in einer Phase schlimmster Depression und existenzieller Verunsicherung (die «öffentliche Hinrichtung» durch Sartre, der Verlust alter Freundschaften, das private Drama um seine Frau Francine, der Algerienkrieg) erreicht ihn die Nachricht vom Stockholmer Komitee. Seine Dankesrede am 10. Dezember widmet er dem alten Grundschullehrer Germain; den Frack bringt er in Paris dem Kostümverleih zurück. Er ist jetzt weltberühmt; seine Verzweiflung verschärft das nur. Einzige Hoffnung: ein ruhiges Leben in Lourmarin. Viel Zeit bleibt Camus nicht mehr.


Lourmarin 1. Im September 1946 war mit algerischen Freunden nach Lourmarin im Luberon gereist, um dort den provenzalischen Schriftsteller Henri Bosco zu besuchen. Camus' Freund, der Dichter René Char, lebt ganz in der Nähe des Dorfes. Es wird aber noch bis 1958 dauern, bis er genau in diesem Ort sein Sehnsuchtshaus findet, seine Fluchtburg vom aufreibenden Pariser Alltag. 1946 notiert er: «Lourmarin. Der erste Abend nach so vielen Jahren. Der erste Stern über dem Luberon, das gewaltige Schweigen, die Zypresse, deren Wipfel in der Tiefe meiner Müdigkeit bebt. Ein Land, feierlich und herb – trotz seiner überwältigenden Schönheit.» Am 3. Januar 1960 steigt er zu seinem Freund, dem Verleger Michel Gallimard, ins Auto, das ihn von Lourmarin nach Paris bringen soll. Am Tag darauf verunglückt der von Gallimard gesteuerte Facel Vega auf der platanengesäumten Route nationale zwischen Sens und Paris. Camus ist sofort tot, Gallimard stirbt wenige Tage später; Janine Gallimard und ihre Tochter Anne überleben unverletzt. In Camus' Aktentasche liegen eine Ausgabe von Nietzsches «Fröhliche Wissenschaft» – und die 144 Seiten von «Der erste Mensch»,  das Cathérine Camus 1994, 34 Jahre nach dem Tod des Vaters,  veröffentlichte.
 
Lourmarin 2. «Als er schließlich das Haus in Lourmarin bezogen, Paris hinter sich gelassen und die Einfachheit gefunden hatte, nach der er sich sehnte; als es ihm schließlich gelungen ist, seinen Stil so zu verwandeln, dass er die wortlose und stille Welt seiner Mutter wiederauferstehen lassen kann – stirbt er. Es ist das größte Paradoxon seines Lebens: Er stirbt buchstäblich in den Augenblick, in dem alles beginne könnte.» (Iris Radisch)

Camus

Iris Radisch nimmt den Leser mit auf eine faszinierende Reise durch Camus' Leben und Werk. Dieser Autor ist kein Heiliger. Sein Leben und seine Bücher erzählen von der Sehnsucht nach den großen, elementaren Erlebnissen, vom Glück der Beschränkung auf das Essentielle, vom Zauber der Einfachheit. Camus verwickelt seine Leser in die grundlegenden Fragen nach richtig und falsch, nach gut und böse, und seine Werke fordern heraus zu einem neuen Nachdenken über die Natur des Menschen.

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Iris Radisch, geboren 1959 in Berlin. Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie in Frankfurt am Main und Tübingen. Tätig als Literaturkritikerin; seit 1990 Literaturredakteurin der ZEIT, seit 2013 dort Leiterin des Feuilletons. Daneben Tätigkeit als Fernsehmoderatorin. 2008 wurde sie mit dem Medienpreis für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache ausgezeichnet. 2009 ernannte die französische Kulturministerin Iris Radisch zum «Chevalier des Arts et Lettres».

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