24.03.2017   von rowohlt

Zwei Schwestern vor der Entscheidung ihres Lebens

Petra Oelker entwirft in ihrem neuen Buch ein faszinierendes Bild der Hamburger Reformationszeit

© Andrea Offermann; Thorsten Wulff
© Andrea Offermann; Thorsten Wulff

Martin Luther hat zur Reformation aufgerufen, die Hamburger sind ihm gefolgt – eine neue Zeit bricht an. Das gilt auch für Reimare Hogenstraat: Sie war Nonne, jetzt ist sie nur noch eine Jungfer ohne den Schutz des Ordens, ohne den vertrauten Halt ihrer Gemeinschaft, ohne das Reglement des alten Glaubens. All ihrer Aufgaben beraubt, muss sie ihr Leben neu ordnen, einen neuen Sinn finden. Ist eine Heirat die Lösung?  Die wohlhabende Witwe Anna Bünnfeld unterstützt ihre jüngere Schwester nach Kräften. Auch sie sucht ihren Weg in dieser unsicheren Zeit. Ein Testament muss geschrieben, ihr Vermögen neu geordnet werden – gilt es, selbst darin neuen Werten zu folgen? 

DAS INTERVIEW


Ihr neuer Roman ist anno 1533 angesiedelt, in einer «unruhigen Zeit». Es geht also um die Umbrüche durch die Reformation?
Ich erzähle eine wichtige Episode im Leben zweier sehr unterschiedlicher Schwestern. Es geht um Lebenskrisen, eine zeitlose Konstellation. Aber die Reformation spielt immer eine Rolle, wenn man sich mit jener Zeit befasst. In Norddeutschland ging diese tiefgreifende Veränderung vergleichsweise friedlich vor sich. Der Hamburger Rat ist der mächtig gegen die katholische Kirche und ihre Vertreter rumorenden Bevölkerung u. a. mit öffentlichen Disputationen zwischen Vertretern der Katholiken und der Lutheraner begegnet, die die Lutheraner gewannen. Mit der Entwicklung einer neuen Hamburger Kirchen- und Schulordnung durch Bugenhagen, einen Vertrauten Luthers, war die Reformation praktisch vollzogen. 


Das hört sich erstaunlich friedlich und gar nicht nach wütendem Bildersturm an ...
Relativ friedlich, ja. Weil sich Volk und Obrigkeit hier ziemlich bald einig waren. Wer katholisch bleiben wollte, hatte allerdings keine Erfolgschancen mehr in der Stadt. Die Nonnen im einzigen Frauenkloster Hamburgs standen ganz oben auf der Verliererseite. Reformator Bugenhagen hatte Nonnen allgemein als Lügenbräute Christi bezeichnet, Aufgabe der Frauen sei nicht, hinter Mauern zu beten, sondern der Familie zu dienen. Die meisten der damals etwa fünfzig Hamburger Zisterzienserinnen verweigerten das, verweigerten auch einem evangelischen Prediger die Kanzel ihrer Kirche. Daraufhin kam ein Rollkommando, angeführt von den Oberen der Hamburger Kirchspiele, und machte kurzen Prozess. Auch um die Folgen für diese entwurzelten Zisterzienserinnen geht es in meiner Geschichte von den zwei Schwestern.


Also geht es um zwei ehemalige Nonnen ...
Nein, nur die jüngere, Reimare, muss als ehemalige Nonne und Lehrerin nach der Zerstörung ihres Klosters neuen Sinn und Inhalt für ihr Leben finden. Plötzlich ist sie nur noch eine wenig geachtete Jungfer in mittleren Jahren, ohne sinnvolle Aufgabe und von tiefen religiösen und moralischen Zweifeln gequält. Sie weiß inzwischen um positive Seiten der lutherischen Reformation. Aber sie kann lebenslange Überzeugungen wie auch ihre Gelübde nicht ruckzuck und leichten Herzens ablegen oder verleugnen. Ihre Schwester Anna, es gibt auch einen Bruder mit viel Familie, viel Geld und kaufmännischem Pragmatismus, macht fabelhafte Heiratspläne für die um eine Generation jüngere Reimare, sucht aber als wohlhabende Witwe selbst nach einem Weg, mit dem Verlust vieler Gewissheiten über Himmel und Hölle, irdische Regeln und neue Freiheiten klarzukommen, das eigenständiges Denken in Sachen Religion zu üben. Ich mag beide Frauen, Reimare und Anna, wirklich sehr. Jede auf ihre Art. Selbst ihr pfeffersäckischer Bruder ist mir ans Herz gewachsen.


Was gab letztlich den Anstoß für die Beschäftigung mit diesen beiden Schwestern und ihrer konfliktreichen Welt?
Das Thema Reformation und deren individuelle Folgen, besonders für die Frauen, beschäftigt mich schon lange. Wenn man in älterer Geschichte stöbert und gründelt, ist das nahezu unvermeidlich. Zur Geschichte des einzigen Hamburger Frauenklosters habe ich ebenfalls früher schon recherchiert. Konkret zu dieser Geschichte hatte mich ein Mitarbeiter des Hamburger Staatsarchivs angeregt, als er mich auf das dort verwahrte Testament einer Bürgermeisterwitwe jener Zeit aufmerksam machte. Sie hatte nach langem Hadern ihr erhebliches Erbe völlig neu verteilt und das mit ihren Erkenntnissen durch die neue Religion begründet. Eine warmherzige, sehr kluge und mutige Frau. Sie ist so etwas wie ein Vorbild für meine alte Anna Bünnfeld. Da entstanden in meinem Kopf schnell die ersten Bilder. Allerdings ist ihre ganz und gar erfundene jüngere Schwester Reimare, um die sie sich sorgt, in meiner Fantasie ins Zentrum gerückt.


Letztlich dreht sich in dieser Geschichte alles um Familie und Religion. Damit beschäftigen Sie sich oft.
Stimmt. Dem scheine ich nicht zu entkommen. Aber – was prägt und bewegt uns mehr? Familienbeziehungen knüpfen von jeher das festeste Band, im Guten wie im Schlechten oder gar Bösen. Das ist auf sehr vielfältige Weise ein unerschöpfliches Thema. Ich gehöre selbst und sehr gerne zu einer Familie, auch die Erfahrungen und Schicksale der Eltern und Voreltern sind Teil davon und haben Einfluss auf mein Leben. Das ist mit einer gewissen Ausweglosigkeit verbunden, unsere Wurzeln sind ja kaum zu lösen. Ich finde die Beschäftigung damit immer wieder spannend, auch berührend. Die Religion beeinflusst als dickster Pfeiler unserer Kultur unser Fühlen, Denken und Handeln enorm. In unserem Kulturkreis hat der Glaube die Menschen in älterer Zeit sehr viel stärker bestimmt, ebenfalls im Guten wie im Bösen, noch drängender die mächtige Kirche und ihre Vertreter, die Ideologien, das Spannungsfeld zwischen Güte und Liebe einerseits, Strafe und drohender Vernichtung andererseits, es ging schließlich um einen Weg zur Erlösung oder ewiges Höllenfeuer. Das bewegt mich immer wieder, je nach gerade bereistem Jahrhundert mit anderen Aspekten.


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