28.03.2017   von rowohlt

Zwei Brüder. Eine Leiche. Jede Menge Ärger.

Ein turbulenter, spannender und überraschend lustiger Kriminalroman vom Autorenduo Rath & Rai

© Mirjam Knickriem
© Mirjam Knickriem

Holger Brinks ist Kommissar bei der Mordkommission. Sein Bruder Charlie schlägt sich als Privatschnüffler durchs Leben. Der eine ein korrekter Beamter mit Familie, der andere ein ausgebuffter Hallodri mit Bindungsproblemen. Als Charlie mal wieder von einer Beinahe-Traumfrau vor die Tür gesetzt wird, bittet er seinen Bruder um Obdach – und landet auf der Luftmatratze in Holgers Gartenlaube. Der Kommissar steht beruflich unter Druck: Der Kompagnon des Berliner Unterwelt-Bosses Bobby Schütz wurde tot im Aufzug eines Berliner Luxushotels gefunden - mit einem Koffer Kokain. Pikanterweise hat auch Charlie Verbindungen zu Schütz und seinem Clan ...


Hans Rath und Edgar Rai – zwei Autorenfreunde mit ihrem ersten Kriminalroman «Bullenbrüder». Starker Plot, jede Menge erstklassiger Sätze («Macht auf Pitbull, aber wenn er alleine ist, hört er Coldplay und trinkt Kamillentee») – und mit Charlie und Holger zwei Typen, denen man gern in weiteren Rath & Rai-Krimis begegnen würde. 

«Wo das Problem ist? Er ist das Problem!»


Dass Holger und Charlie Brüder sind, darauf wäre man auch nicht unbedingt gekommen. Holger hat als Kriminalkommissar lange und hart daran gearbeitet, als Old-School-Typ zu gelten.  Haus, Frau, Kind, Karriere, alles tiptop (zumindest auf den ersten Blick). Dagegen ist Charlie ein Freak. Mallorca, DomRep, Neuseeland, USA – ständig büxt er aus, wenn es mal nicht rund läuft. Was bei ihm praktisch immer der Fall ist, vor allem dann, wenn mal wieder eine seiner Traumfrauen das Weite gesucht hat. Dass einer wie Charlie nach der Rückkehr aus den USA seinen Lebensunterhalt ausgerechnet als Privatdetektiv verdienen will, ist ein Witz. Allein die Karre, in der der Herr Privatermittler durch Berlin gurkt – Bruder Holger kann nur den Kopf schütteln: ein metallicgrüner Gran Torino, «ein Auto, so unauffällig wie ein Zeppelin in einem Taubenschwarm.»


Diesmal ist es die schöne Hayat, die Charlie aus ihrer Leben (und was noch schwerer wiegt: aus ihrer Wohnung) rausgeschmissen hat. Liebe kommt, Liebe geht. Was liegt näher, als den Bruder zu bitten, ihm aus der Patsche zu helfen? Holger ist wenig erfreut; schließlich hat er sich «nicht achtzehn Jahre jeden Monat sechshundert Euro vom Gehalt abgespart und seinem Bruder überwiesen, damit ihm das ererbte Haus endlich allein gehört, um Charlie anschließend bei sich einziehen zu lassen». Der Kompromiss: Charlie darf eine Luftmatratze im Gartenhaus ausrollen – vorübergehend. So ist das mit den Bullenbrüdern. 


Bis Holgers neuer Fall die Brüder auf kuriose Weise zusammenschmiedet. Tatort: das «Kosmos», früher eine der glamouröseren Absteigen Westberlins, «Juhnke, Eden, Diepgen. So die Ära. Beste Ku'damm-Lage. Der Erste ist lange tot, beim Zweiten weiß man es nicht so genau, der Dritte schiebt inzwischen seine Enkel in einem dreirädrigen Kinderwagen durch den Prenzelberg.» Im «Kosmos» hat es einen Mord der bizarren Art gegeben, in der schwarzen Etage. Zutritt nur mit nummeriertem Schlüssel, Bezahlung in Cash, absolute Diskretion. 


Dort oben, im ominösen 5. Stock des Etablissements, liegt, neben einem aufgerissenen Koffer ein Mann – so tot, wie man nach drei sauberen Schüssen halt tot ist. Der Boden des Fahrstuhls ist mit Blut, Scherben und einer puderzuckerfeinen weißen Schicht bedeckt: Kokain. «Holger blickt in den Fahrstuhl. Und versteht es nicht. Weshalb richtet jemand ein solches Blutbad an – und lässt anschließend einen Koffer voller Kokain liegen?» Die Videoaufzeichnungen aus der Tiefgarage zeigen drei Männer, die sich mit einem zweiten, vermutlich ebenfalls kokshaltigen Koffer im (geklauten) 3er BMW aus dem Staub machen. Wer sind die Typen – die Killer einer konkurrierenden Organisation, die wir der Einfachheit halber an dieser Stelle mal die Lolek-und-Bolek-Bande nennen wollen? 

Das riecht nach Ärger!


Der Tote ist Cedric van de Wedel, Statthalter von Unterweltboss Jimmy Schütz; nach einem Schlaganfall sitzt der ehemalige «Pate von Berlin»  im Rollstuhl. Van de Wedel hat er fürs operative Geschäft eingesetzt, weil er seinem nicht allzu hellen Sohn, Spitzname «Bobby, der Bruchpilot», nicht zutraut, im komplizierten Berliner Drogengeschäft eine vernünftige Rendite einzufahren. Weil Bobby sich in der fraglichen Nacht «zufällig» auch in der schwarzen Etage aufhielt, zählt er für die Polizei zum engsten Kreis der Verdächtigen. 


Aber nicht nur Bobby vergnügte sich zur Tatzeit im «Kosmos», auch andere erlesene Gäste wären gut beraten, den Leuten vom LKA Berlin  ein astreines Alibi zu präsentieren. Etwa Stardirigent Kershaw aus Boston, der vor großen Konzerten nach erotischer Tiefenentspannung giert. Auch dabei: ein Staatssekretär aus dem Wirtschaftsministerium, ein Musikproduzent, ein VW-Aufsichtsratsmitglied und mit N'ogo Mugwebe sogar ein Mitglied der Fifa-Ethikkommission. Alles feine Herren, gut betucht, ethisch tadellos. Am interessantesten aber, speziell für Charlie, ist Nikita, bürgerlich: Nicoletta Szabatzki. Eine Frau von atemberaubender Schönheit und einem «Augenaufschlag wie eine Baseballkeule», angeblich Kunststudentin im fünften Semester. Aber was macht eine Kunststudentin im 5. Semester nachts in der schwarzen Etage? Völlig egal, findet Charlie. Einer Göttin wie Nicoletta würde er so gut wie jeden Fehltritt verzeihen. 


Dumm nur, dass Charlie, um seine Spielschulden zu begleichen, sich ein paar Tütchen aus dem konfiszierten Kokainkoffer vom Tatort geschnappt hat. Ehe er sich von Ole, Bobbys Mann fürs Grobe, das Gesicht demolieren und die Knochen brechen lässt, bezahlt er seine Schulden lieber mit weißem Pulver . Das ja quasi herrenlos ist, also niemandem gehört, argumentiert Charlie tollkühn: «Meine Schulden, mit Zinsen. Das Zeug ist rein wie Quellwasser.» 


Charlie ist leichtfertig, aber blöd ist er nicht. Er kapiert schon, dass er in der Scheiße sitzt. Und zwar mehr als knöcheltief. Dem Bullenbruder konfisziertes Kokain zu klauen, um damit Spielschulden zu begleichen, darauf muss man erst mal kommen. Was tun? «Das ist der Moment, in dem Charlie mit sich selbst einen Pakt eingeht: Er wird für Bobby Schütz arbeiten und wird, im Rahmen des moralisch Vertretbaren, Informationen, die er von Holger erhält, an Bobby weitergeben. Im Gegenzug – um sein Gewissen zu entlasten und die Aufklärung des Falls voranzutreiben – wird er wiederum Informationen, die er von Bobby erhält, an seinen Bruder weiterzureichen. Im Kalten Krieg nannte man solche Menschen Doppelagenten.»


Wie Charlie aus der Nummer wieder rauskommt (und sein großer Bruder mit ihm) – darauf kann man gespannt sein. Nur das sei hier verraten: Cedric van de Wedel wird nicht die letzte Leiche sein, vor der die Bullenbrüder stehen. Holger höchstpersönlich schickt seinen kleinen Bruder, den Möchtegern-Doppelagenten, mit einem alles andere als ungefährlichen Ermittlungsauftrag nach Tschechien. Dank eines Abschleppseils bringt Charlie sich dort in den Besitz von Unterlagen, die die polizeilichen Ermittlungen auf einmal in eine völlig andere Richtung lenken …

Top