12.01.2016   von rowohlt

Eine Ballade von Liebe, Verlust und Tod

«Jhumpa Lahiri – ein Weltstar der Literaturszene» (NDR Kultur)

© Unlisted Images/Corbis
© Unlisted Images/Corbis

Pulitzer-Preisträgerin Jhumpa Lahiri erzählt in ihrem mitreißenden Roman «Das Tiefland» vom Schicksal der Brüder Subhash und Udayan Mitra. Mitte der sechziger Jahre in einem Vorort Kalkuttas fast wie Zwillinge aufgewachsen, trennen sich später die Wege der Unzertrennlichen. «Das Tiefland» ist ein Kontinente und Generationen umspannendes Familiendrama um Liebe und Verrat, Schuld und Vergebung. Weite Perspektiven, klare, schnörkellose Sprache – große Literatur.

Stimmen zum Roman

DER SPIEGEL: «‹Tiefland› ist ein großer Roman … Manchmal steigen einem beim Lesen die Tränen in die Augen, manchmal hofft man inbrünstig mit den Figuren, dass alles gut werden möge, und muss sich selbst daran erinnern, dass dies eine fiktive Geschichte ist.»
KHALID HOSSEINI: «Eine wunderschöne, elegante Prosa, Figuren, die von Leid, Isolation, großen und kleinen Tragödien heimgesucht werden, und vor allem eine alles durchdringende, tiefe Menschlichkeit.»

«Udayan getötet. Komm zurück, wenn du kannst …»

Kalkutta in den 1960er Jahren. Die Gasse, in der das bescheidene Haus der Mitras liegt, ist so eng, dass kaum ein Auto hindurch passt. Von der schmalen Terrasse aus sieht man auf zwei Teiche, feuchtes, sumpfiges Tiefland. Dicht bewachsen mit Wasserhyazinthen, umflattert von Reihern, weiße und grüne Flecken unter dem Blau des Himmels. Hier, im armen Südwesten der Millionenmetropole, spielen die beiden Söhne der Mitras ihre Jungsspiele: Subhash, der Pflichtbewusste, Vorsichtige; Udayan, sein ungestümer, entdeckungsfreudiger jüngerer Bruder. Jahrzehnte später, wenn diese Geschichte endet, wird es das Tiefland nicht mehr geben. Häuser werden dort sein, Straßen, Geschäfte. Und niemand wird sich mehr daran erinnern, was einst am Ufer des Tieflands geschah: die kaltblütige Exekution eines jungen Mannes.


Es sind unruhige Zeiten in Indien. «Unter den Kommunisten Indiens herrschte Uneinigkeit wegen des Grenzkonflikts mit China, der zwei Jahre zurücklag. Eine Gruppe, die sich hinter China stellte, spaltete sich ab und nannte sich jetzt Communist Party of India, Marxist: die CPI(M).» Wenige Jahre später, an einem 22. April, Lenins Geburtstag, gründete sich noch eine weitere KP, die CPI(ML), die sog. «Naxaliten». Mit ihrem Namen erinnerten die maoistischen Rebellen an den blutig niedergeschlagenen Bauernaufstand im westbengalischen Naxalbari.


Die Naxaliten werden zu Udayans Schicksal. Während Subhash in einem ruhigen Küstenstädtchen an der Ostküste der USA an seiner Promotion arbeitet, führt Udayan ein gefährliches  Doppelleben. Tagsüber unterrichtet er seine Schüler, wohnt bei den Eltern, führt ein unauffälliges Leben; in der klandestinen Sphäre des maoistischen Untergrunds aber verfolgt er ein verwegenes Ziel, die gewaltsame «Vernichtung des Klassenfeinds»: Parolen sprühen,  Bomben bauen, Agitation unter rechtlosen Arbeitern und Pächtern auf dem Land. Diesen Harakiri-Kampf, das weiß man als Leser von Lahiris großem Roman sehr früh, wird Udayan nicht überleben. Ganz am Ende werden wir Zeuge seiner kaltblütigen Exekution im Tiefland, wenige Schritte von seinem Elternhaus entfernt.

«Ich habe niemals irgendwo gelebt, wo ich voll akzeptiert war»

Für seinen toten Bruder kann Subhash nichts mehr tun. Aber er kann Gauri, Udayans schwangerer Frau, eine Alternative bieten. Von den Schwiegereltern abgelehnt, von ihrer eigenen Familie isoliert, bleibt ihr nur ein Ausweg: das hinter sich zu lassen, was sie geliebt hat. Als Subhash sie bittet, ihn zu heiraten und ihm nach Rhode Island zu folgen, willigt sie ein. Aus Selbstschutz, aus Verzweiflung, nicht aus Liebe. Ihr Kind will Gauri in einer weniger feindseligen Umgebung zur Welt bringen. So beginnt der zweite Strang des Romans.


Wie Jhumpa Lahiri die Biografien ihrer Protagonisten in einer Sprache von leuchtender Klarheit auffächert, ist meisterhaft: Subhash, der mit verzweifelter Zähigkeit am Traum einer eigenen Familie festhält. Gauri, die traumatisiert vom Tod Udayans, auch durch die Geburt ihrer Tochter Bela keinen inneren Frieden: Sie stürzt sich in ein Philosophie-Studium, promoviert und denkt, allen Schuldgefühlen zum Trotz, über einen radikalen Bruch in ihrem Leben nach – über ein Leben ohne Bela und Subhash. Und Bela? Sie glaubt, dass Subhash ihr Vater ist, von Udayan weiß sie nichts. Abgeschnitten von ihrer eigenen Geschichte, wird sie eines Tages aufbrechen, ihren ganz eigenen Lebensplan zu verfolgen.


Fremdheit, kulturell determinierte Randständigkeit – darum kreisen alle Texte Lahiris, die 2000 für «Melancholie der Ankunft», eine Kurzgeschichtensammlung über Immigrantenschicksale zwischen zwei Kulturen, den Pulitzerpreis erhielt. Nach mehreren Jahren mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Rom ist Jhumpa Lahiri 2015 in die USA zurückgekehrt, um in Princeton eine Professur anzutreten.

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