02.01.2016   von rowohlt

«Zum Töten war er hergeschickt worden. Und zum Sterben.»

Teil 3 von Bernhard Jaumanns packender Krimireihe um die ehemalige namibische Polizistin Clemencia Garises

© iStockphoto.com
© iStockphoto.com

In Freiburg wird das Grab des berüchtigten Rassenforschers Eugen Fischer geschändet. In Windhoek wird Mara Engels, die Frau des deutschen Botschafters, entführt – zusammen mit einem schwarzen Jungen, den sie adoptieren will. In Berlin stirbt ein Polizist, als eine 70-köpfige Delegation von Hereros und Namas 20 in der deutschen Kolonialzeit geraubte Schädel mit zurück nach Namibia nehmen will … Bernhard Jaumann greift in «Der lange Schatten» gleich mehrere brisante Themen auf: die ungesühnten Verbrechen der deutschen Kolonialpolitik in Südwestafrika, das komplizierte Lavieren der SWAPO-Regierung zwischen Gestern und Heute und die Debatte um die Adoption afrikanischer Waisenkinder.


«Das bildreich geschilderte Namibia, die skurrilen Charaktere und die hitzegeschwängerte Katutura-Atmosphäre, flankiert von den stillen Oasen der Reichen hinter Elektrozäunen, bilden eine großartige Kulisse für den brillanten Fall.» (BÜCHER Magazin)

Genozid in «Deutsch-Südwest»

Bernhard Jaumanns Namibia-Romane faszinieren, weil sie zwar immer mit der komplexen Konstellation von Schwarz und Weiß im südlichen Afrika zu tun haben, sich in Sachen Moral aber dem simplen Schwarz-Weiß-Denken verweigern. Ein Krimi, so Bernhard Jaumann, «sollte eine Geschichte über die Auslieferung an das Ungeheuerliche sein und nicht eine verkappte Landschaftsbeschreibung mit Wiedererkennungseffekt für den einheimischen Leser». 


Jaumann lebte von 2006 bis 2012 in Namibia; dort schrieb er den Politthriller <«Die Stunde des Schakals», für den er 2011 den Deutschen Krimipreis erhielt. Nach «Steinland» ist «Der lange Schatten» der dritte Teil der packenden Krimireihe um die ehemalige Polizistin Clemencia Garises, die in Katutura zu Hause ist, einer Township vor Windhoek.


Ein Teil des Plots beruht auf einer wahren Geschichte: 2011 gab die Berliner Charité zwanzig Schädel zurück, die anthropologischen Sammlungen in Deutschland einverleibt oder für rassenkundliche Forschungen verwendet worden waren. Sie stammten von Opfern des Genozids in «Deutsch-Südwest», dem zwischen 1884 und 1915 bis zu 85.000 Hereros und Namas zum Opfer fielen. 

Triste Überreste der wilhelminischen Kolonialpolitik

Kaiphas Riruako hat sich auf dem Freiburger Friedhof die Lage des Grabes genau eingeprägt: Eugen Fischer, gestorben 1967. Was der Grabstein nicht verrät: Prof. Dr. Eugen Fischer, war als Vorsitzender des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik Spezialist für Rassenkreuzungen und später Befürworter der nationalsozialistischen Rassentheorien. Die Schändung von Grabstätten der Hereros und Namas während der Kolonialära war sein Fachbeitrag zum Genozid an den Ureinwohnern in Südwestafrika. 


Fischers Schädel ist Riruakos Kriegsbeute, mit seinem Schädel als Trophäe wäre Kaiphas in Nambia ein Held. «Er könnte sich einen Laden kaufen, eine Kneipe oder ein Taxi, er könnte sich eine Frau nehmen und ein paar Söhne zeugen, er könnte sonst was machen. Vielleicht würde er sogar ins Hereroland ziehen und Rinder züchten wie seine Vorfahren.» Keiner dieser Träume wird sich für den jungen Herero erfüllen, sein Weg wird auf brutale Weise, weitab von der heimatlichen Erde, zu Ende gehen. 


Claus Tiedtke, Clemencias «Wie-auch-immer-Freund», begleitet für die Windhoeker Allgemeine Zeitung die Reise der namibischen Delegation in die deutsche Hauptstadt. Dass die kaiserliche Schutztruppe vor einem Jahrhundert in Südwestafrika einen Kolonialaufstand mit wüster Gewalt niedergeschlagen hatte, steht außer Frage. Strittig war und ist aber noch immer, ob die Nachfahren der zu Zehntausenden massakrierten Namas und Hereros einen Rechtsanspruch auf Entschädigung durch Deutschland geltend machen dürfen. Die Übergabe der 20 Raubschädel an Namibia wäre ein Akt symbolischer Politik, nicht mehr. Manchen namibischen Hardlinern reicht das nicht; für sie Kaiphas Riruako das Werkzeug eines Plans jenseits bloßer Symbolik …

Der lange Schatten der Vergangenheit

In Windhoek wurde unterdessen Mara Engels, die Frau des deutschen Botschafters, entführt. Gemeinsam mit dem kleinen Herero-Jungen Samuel, den die Engels adoptieren möchten, war sie zum Wildpark Okapula nördlich von Windhoek gefahren; Clemencia Garises, mittlerweile Chefin der privaten Personenschutzfirma Argus, vermochte das Kidnapping nicht zu verhindern. Wird Maras Mann wirklich alles tun, um sie und den Jungen zu befreien? Der Preis wäre hoch – und Engels' politische Karriere unwiderruflich vorbei, würde er die Bedingung der Entführer erfüllen: 


«Sie werden eine öffentliche Rede halten. Und zwar bei der Gedenkfeier für die aus Berlin kommenden Schädel unserer Ahnen. Da werden Sie im Namen Ihrer Regierung ein eindeutiges Schuldeingeständnis für den Völkermord an den Hereros ablegen. Sie werden erklären, dass Deutschland zu seiner historischen Verantwortung steht und alles tun wird, um seine Schuld wiedergutzumachen … Eine gute Rede, und sie kommt unversehrt zu Ihnen zurück. Eine schlechte oder mittelmäßige Rede – und sie ist tot.»


Wie hatte Kaiphas Riruako ein gültiges Einreisevisum bekommen können? Wusste die namibische Delegation von dem unbekannten 71. Teilnehmer der Reise nach Berlin? Ist sich das Botschafterehepaar über die Adoption des Herero-Jungen einig – und wie weit würden sie gehen, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen, Stichwort: Baby-Shopping? 


Und welche Rolle spielt eigentlich der als SWAPO-Hardliner geltende Innenminister Kawanyama, der im Gespräch mit Botschafter Engels Klartext redet: «Es gibt keine Herero-Nation, es gibt nur eine namibische Nation. Deshalb muss jede Form von Tribalismus, die über Folklore hinausgeht, unterbunden werden»? 

Top