13.10.2017   von rowohlt

«Zeit ist das, was wir haben, wenn wir unsere Uhren wegwerfen»

Was die Zeit mit uns macht – Ein zeitlos schöner Band zum 20. Geburtstag von radio eins

© iStockphoto.com
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«Zeit macht nur vor dem Teufel halt, denn er wird niemals alt, die Hölle wird nicht kalt …», sang in den frühen Siebzigern Pop-Barde Barry Ryan. «Jeder weiß, was die Zeit ist. Eigentlich. Jedenfalls dann, wenn er nicht erklären muss, was es mit ihr auf sich hat», schreiben Dorothee Hackenberg und Robert Skuppin in der Einleitung des  hinreißenden Sammelbands, der zum 20. Geburtstag des RBB-Senders radio eins entstanden ist. In den mal heiteren, mal abgründigen Texten bleibt keine Frage zum Phänomen Zeit ungestellt. Was ist mit der Zeit, wenn man sie totgeschlagen hat? Kann man mit 50 noch länger als eine halbe Stunde am Tag 20 sein? Und hat am Ende nicht – wieder einmal! – Douglas Adams recht, der behauptet: «Die Menschen werden geboren, die Menschen sterben, und die Zeit dazwischen verbringen sie mit dem Tragen der Digitaluhren»?


Damit man sich nach Lust und Laune und doch gezielt durchschmökern kann, sind die vier Dutzend Beiträge auf 12 Kapitel verteilt. Kap. 1: Für Eile fehlt mir die Zeit – Leben in der Rushhour. Kap. 2: Der Moment, der alles ändert – von (Neu)anfängen. Kap. 3: Zu meiner Zeit – Zeitgenossenschaft und Generationsgefühle. Kap. 4: Zeit totschlagen – über Langeweile. Kap. 5: Zurück in die Zukunft – Zeitreisen aller Art. Kap. 6: Aus der Mode gekommen – wie der Zeitgeist uns bestimmt. Kap. 7: Morgens bin ich immer müde – Tages- und Nachtzeiten. Kap. 8: Zeit für mich – Quality Time, Eigenzeit und Zeitmanagement. Kap. 9: Ein ewiges Ticktack – das Diktat der Uhren. Kap. 10: Alle Zeit der Welt – auch mal unproduktiv sein. Kap. 11: Kondensierte Vergangenheit – über das Altern von Menschen und Dingen. Kap. 12: Das Zeitliche segnen – das Ende von Projekten, Phasen und der Lebenszeit.


Es schreiben u.a.: Boris Aljinovic, Jens Balzer, Pieke Biermann, Marion Brasch, Jochen Distelmeyer, Thea Dorn, Horst Evers, Flake, Kirsten Fuchs, Judith Holofernes, Wladimir Kaminer, Mely Kiyak, Harald Martenstein, Serdar Somuncu, Dirk Stermann, Antje Rávic Strubel, Jörg Thadeusz, Dietmar Wischmeyer, Jenni Zylka. Hier ein paar Auszüge:

«Die Jugend wäre eine schönere Zeit, wenn sie erst später im Leben käme» (Charlie Chaplin)


Adriana Altaras. «Also, worauf ich hinauswill: Zeit ist sowas von relativ, wie kaum etwas Anderes. Es gibt nicht nur eine, es gibt viele Zeiten. Das ist keine ganz frische Erkenntnis. Eine stunde beim Zahnarzt oder eine Stunde in der Gourmetabteilung des KaDeWe haben sehr unterschiedliche Längen. (…) Was mich allerdings seit Jahren mürbe macht, ist, dass so ziemlich alle anderen um mich herum so langsam sind. Und mit alle meine ich wirklich: ALLE. Sie denken und sprechen im Schneckentempo. Wo bitte soll das hinführen? Meine Lebenszeit ist begrenzt, ihre etwa nicht?»


Dirk Stermann. «Fünfzig ist das neue vierzig, sagt man, aber tatsächlich ist fünfzig das verkackte, alte fünfzig. Sind wir doch ehrlich mit uns. Ein befreundeter Popmusiker, der in London lebt, sagte einmal resignativ: ‹Es gibt immer wieder neue, jüngere mit engeren Hosen!› Ich selbst habe einen kleinen Sohn, den ich jeden Morgen mit dem Kinderwagen durch den Bezirk schiebe. Immer wieder muss ich an den Satz eines ebenfalls befreundeten Kabarettisten denken: ‹Der Vorteil beim Kinderwagen für ältere Väter ist, dass sie ihn gleichzeitig als Rollator verwenden können.›» 


Nilz Bokelberg. «Aber man wird älter. Und Langeweile wird plötzlich, kaum spürbar, zu etwas nicht mehr ganz so Doofem. Je älter ich werde, desto mehr lerne ich Langeweile zu schätzen. Diese Momente, in denen einfach mal nichts passiert. Man sitzt dann auf der Couch und überlegt, den Fernseher anzumachen oder die Konsole. Oder gleich die Stereoanlage? Und man macht: nichts. Man bleibt ganz still sitzen. Hört dem eigenen Atem zu. Lauscht, welche Geräusche von draußen eindringen. Wieso klingt dieser Vogel so komisch? Warum fährt das Auto langsam und beschleunigt dann so übertrieben? Irgendwas tickt. Ich bleib sitzen. Ich stehe jetzt nicht auf. Ich lass diesen Moment jetzt so. Was für ein Luxus, was für eine herrliche Nutzlosigkeit. Was für eine Rebellion gegen Zeitoptimierung.»


Bettina Rust. « Tja, oder die Langeweile, ein harter Gegner. Alles ist irgendwie eher Moll als Dur, uns fehlt die Lust zu allem, kein Impuls dringt durch. Unsere Dopamin-Rezeptoren stehen abgewandt mit verschränkten Armen im Gehirn herum und lassen sich partout nicht davon überzeugen, durch irgendetwas getriggert zu werden. Wie ein alter Kaugummi fühlt sich Langeweile an, zäh, freudlos, ohne Geschmack und klebrig. Haben wir das falsche oder zu wenig Werkzeug, um uns aus diesen Minuten und Stunden herauszufräsen? Wie machen das die anderen bloß?»


Ulrike Sterblich. «Vermutlich ist die Zeit verschachtelt und verschwurbelt, dreht sich um mehrere dilatierende Achsen und krümmt sich durch eine elfdimensionale Supergravitation. Man kann das möglicherweise errechnen, aber wahrnehmen kann man es nicht, oder vielleicht teilweise, mit etwas Glück und Meskalin, aber wahrscheinlich nimmt man dann auch wieder nur einen anderen kleinen Aspekt von Zeit wahr, der genauso verzerrt ist wie der, den wir sonst erleben.
Vermutlich, möglicherweise, vielleicht, wahrscheinlich. Ich weiß offensichtlich auch nichts Näheres, ich äußere nur Spekulatives. Aber in hoffnungsvoller Absicht.»

«Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende» (Woody Allen)


Thea Dorn. «Irgendwann in den späten Achtzigern, kurz vor dem Abitur, muss es gewesen sein, dass mein damaliger Deutschlehrer, Weltkriegsveteran, zu mir sagte: ‹Fräulein Scherer, bisweilen habe ich den Eindruck, Sie sind älter als ich.› Nach wie vor empfinde ich diesen Satz als eins der schönsten Komplimente, die mir je gemacht worden sind. Selbst heute, wo die Vorboten des Alters unmissverständlich anklopfen – ich erwähne nur das perfide, von Martin Walser in einem seiner Romane geprägte Wort vom «Gorgonzolabein», das langsam Gestalt annimmt – , will es mir nicht gelingen, mich nach jener Zeit zurückzusehnen, in der ich laut Ausweispapieren als «jung» zu gelten hatte.»


Boris Aljinovic. «Es ist jetzt neunzehn Uhr und fünfundvierzig Minuten. In etwas mehr als einer Viertelstunde werde ich auf der Bühne sein und vor Hunderten Menschen zum ersten Mal das lang Studierte vorführen. Ich bin Schauspieler, und ich habe in diesem Augenblick einen wunderbaren und gleichzeitig erschreckenden Rausch. Da alles getan ist, kommt die Zeit der Untätigkeit: Beim Warten vor dem Start kann ich nichts tun außer warten; schon in vollem Lauf auf das Ziel muss ich nun stillhalten. Während die Ängste sich in den Wochen vorher verschieben ließen, ist jetzt jeder Aufschub unmöglich, denn es ist Zeit für Angst und für nichts sonst.»


Mely Kiyak. «Ehrlich, ich kann es bald nicht mehr hören. Eine Gesellschaft, die ihre Schnelllebigkeit beklagt und sich gleichzeitig freiwillig in alle möglichen Verbindungen verpflichtet, kommentiert, zu Tode diskutiert. Ein Kollege hat mir eine Uhr geschenkt. Zu jeder vollen Stunde zwitschert eine andere heimische Vogelart. Voila, mein Twitter. Ich hatte mal einen Liebhaber, der vorschlug, mit Doodle ein Rendezvous auf die Reihe zu kriegen. Ich sagte, excuse-moi, aber so abgefuckt bin ich noch nicht.
Um mich dem Trubel der Großstadt zu entziehen, ziehe ich oft für mehrere Wochen ans Meer. Dort gehe ich im Wesentlichen spazieren und zähle Möwenschiss. Ich sage immer, wer hat, der hat! Um Zeit zu vertreiben, muss man sie nämlich erst einmal haben. Ich lebe Nietzsche extrem. Wer von einem Tag nicht zwei Drittel für sich hat, der ist ein Sklave, schrieb er. Mir gehören sogar alle 24 Stunden.»


Dorothee Hackenberg. «Dass unsere heutige Zeitrechnung nicht naturwüchsig entstanden ist, sondern von Menschen gemacht wurde, ist allgemein bekannt. Unser Kalender geht auf Papst Gregor XIII. zurück, der Ende des 16. Jahrhunderts die bis dahin gültige julianische Zeitrechnung korrigierte. Ein Münchner Germanist namens Heribert Illig toppt mit seinen Thesen die Erkenntnis einer willkürlich festgelegten Zeitrechnung. 1991 behauptete er, dass in unseren Kalendern dreihundert Jahre erfunden worden seien, dass nämlich im 7. Jahrhundert auf das Jahr 614 das Jahr 911 gefolgt sei und somit das halbe Mittelalter überhaupt nicht stattgefunden habe. Angeblich historische Personen wie Karl der Große und andere Karolinger seien Phantasiegestalten dieser sogenannten Phantomzeit gewesen.»


Robert Skuppin. «Ich wollte mich mit der Armbanduhr beschäftigen und dem Wahn der Männer für kleine mechanische Wunderwerke, die einen Stunde für Stunde dem Tod näher bringen, unglaubliche Summen Geld auszugeben. (…) Die Geschichte sollte hier und da ein Schmunzeln ermöglichen und dann mit einer lange geplanten Pointe auf eine Rolex-Armbanduhr enden. Ich hatte deshalb das Netz auf Witze zur Marke Rolex durchsucht und war fündig geworden. Ich fand auch mehrere Listen der teuersten Armbanduhren der Welt und führte Interviews mit Uhrenverkäuferinnen, wobei es zu erstaunlichen Äußerungen kam: ‹Männer sollten keine Angst vor zu klobigen Uhren am Handgelenk haben, sie sind ebenso ein Hingucker wie große Brüste.›»


Jenni Zylka. «Bislang führte die 1875 geborene Jeanne Calment die Liste der ältesten Menschen an, eine Französin, die sich von Olivenöl und Portwein ernährte, sämtliche Ehemänner, Kinder und Enkelkinder überlebte, und mit 90 ihre hübsche kleine Wohnung in der Altstadt von Arles gegen eine monatliche Zahlung einem Notar übereignete: Bis zu ihrem Lebensende wollte der Mann Jeanne jeden Monat 2500 Franc zahlen, dann sollte die Wohnung an ihn übergehen. Der Notar starb 30 Jahre später an Krebs, doch Jeanne lebte immer noch und hatte ihm inzwischen fast eine Million Franc abgeluchst. Sie starb 1997 mit 122 Jahren. Wenn ich im Jahre 2092 mit 123 Jahren sterbe, habe ich hoffentlich ähnlich vorausschauende Geschäfte tätigen können …»

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