27.01.2019   von rowohlt

John Updike – Chronist der weißen amerikanischen Middle Class

«Wenn ich ihm etwas nachsagen dürfte, dann dies, dass er nicht nur ein großer Schriftsteller, sondern auch ein großer Menschenfreund war.» (Burkhard Spinnen)

© Martha Updike
© Martha Updike

Vor zehn Jahren, am 27. Januar 2009, starb John Updike im Alter von 76 Jahren an Lungenkrebs. «Kein Schriftsteller unserer Zeit ist in so emphatischen Sinne ein amerikanischer Autor gewesen wie Updike.» (FAZ) Er war «ein Autor von magischer Heiterkeit, von einem tiefen, natürlichen Charme. Seine Prosa knistert vor festlicher Energie; seine Brillanz wird so nachlässig aufgetragen, dass wir sie für selbstverständlich halten» (Spectator).Dass einer wie er von den Stockholmer Akademie-Granden nicht mit dem höchsten Preis der Literaturwelt bedacht wurde, entbehrt nicht einer gewissen Komik. «Updike ein würdiger Literatur-Nobelpreisträger? Wer, wenn nicht er!» (Marcel Reich-Ranicki)


Updike war der Mann, der ein halbes Jahrhundert lang mit geradezu preußischer Disziplin Jahr für Jahr ein neues Buch publizierte, Romane und Erzählungen, Essays und Dramen, Kritiken und Gedichte. Schreiben war sein Leben; er selbst nannte sich einmal den «letzten Berufsschriftsteller Amerikas»: «Das Schöne am Beruf des Schriftstellers ist, dass man nicht in Rente geschickt werden kann. Also schreibe ich weiter. Ich habe nämlich das Gefühl, gerade mal die ersten Tricks beim Schreiben gelernt zu haben.»

Von New York nach Massachusetts


John Updike, am 18.3.1932 in Shillington, Pennsylvania, geboren,
arbeitete zunächst als Kolumnist und Literaturkritiker in New York. William Shawn, dem Herausgeber des New Yorker, waren Updikes satirische Gedichte in einem Studentenmagazin der Harvard University aufgefallen; kurzerhand verpflichtete er den talentierten Jungspund als Stadtreporter und Literaturkritiker für sein Magazin. Nach drei Jahren im Herzen der rasenden Metropole ließ Updike New York (aber nicht den New Yorker) hinter sich, um als freier Schriftsteller in Ipswich, Massachusetts, seinen Traum zu leben.


Dort, in der amerikanischen Provinz, hatte er freien Blick auf «seine» Themen, er brauchte nur noch zuzugreifen: Ehe und Ehebruch, das Leben in der Suburbia, die sexuelle Libertinage einer ganzen Generation auf Kosten ihrer Kinder, die Tristesse des Alltagskonformismus, Trennung und Abschied. 1968, im Jahr der Revolte, erschien der Roman, der zum Weltbestseller werden sollte: Ehepaare. In ihm sind alle Themen schon angeschlagen, an denen sich Updike ein Leben lang abarbeitete.

Run, Rabbit, run!


Seine im Zehnjahresrhythmus erschienenen Rabbit-Romane (samt dem meisterhaften Epilog Rabbit, eine Rückkehr) sind das amerikanische Großepos schlechthin. Während vorne Harry Angstrom, genannt «Rabbit», über die Bühne stolziert, immer auf der Suche nach einer schnellen Liebesnacht oder einem «lucky punch» auf dem Golfplatz, läuft im Hintergrund stets die große Politik mit, wie ein Wochenschaufilm: die spießigen 1950er Jahre, Kuba-Krise und Mondlandung, Hippiehedonismus und sexuelle Revolution, Rassenunruhen und Vietnamkrieg, Ölkrise und Berliner Mauerfall, Nixons Watergate und Clintons Monicagate.


Harry Angstrom, genannt Rabbit: ein durch und durch mittelmäßiger Typ und doch eine Art all american hero. Als Ehemann stets auf der Flucht vor der Langeweile des Familienalltags mit Ehefrau Janice und Sohn Nelson. Als Vater ein ziemlicher Versager, als homo politicus ein reaktionärer Stammtischbruder, als Unternehmer eine Katastrophe. Tennis, Golf, Alkohol, fettes Essen, Ehebruch à la carte – das ist Rabbits Leben. Die Quittung folgt auf dem Fuß: Als er, der ehemalige Basketball-Crack, sich mit den Kids an der Ecke noch einmal unter dem Korb tummeln will, erleidet er seinen Herzinfarkt und stirbt, gerade einmal 56 Jahre alt. Für einen wie Rabbit ein standesgemäßer Tod.

«Ein Genie der Gegenwartsentschlüsselung in Geschichten» (Die Welt)


Seine elegant-beschwingte Art,
über Sex zu schreiben, sucht ihresgleichen: Niemand hat den Paarungswilligen in den weißen Vorstädten genauer auf die unkeuschen Pfoten geschaut als er. Updikes Männerfiguren wurden älter und zynischer und träumen doch ihre testosterongeschwängerten Träume von Freiheit und Abenteuer bis zum letzten Atemzug. Vermutlich finden erfahrene Updike-Leser in seinem Alterswerk nichts wirklich Neues – und sind doch fasziniert von der schlafwandlerischen Sicherheit, mit der er seine Figuren und uns, seine Leserinnen und Leser, durch die Höhen und Niederungen des Lebens führt.


«Sie haben einiges gemeinsam, der amerikanische Schriftsteller John Updike und etliche der Helden seiner Romane: Vor allem werden sie gemeinsam alt.» (NDR) Ob Harry Angstrom alias Rabbit oder Owen Mackenzie, der aus der besten Mannesphase in die Jahre gekommene Computerpionier, der kaum eine erotische Chance verstreichen ließ, bis er seine zweite Frau Julia kennenlernte: Sie alle haben die Zeit des sexuellen Freibeutertums in vollen Zügen genossen. Waren es nicht großartige Jahre in der sozialen Übersichtlichkeit der Vororte und Kleinstädte, da, wo jeder jede kannte und man den erotischen Kick nicht mit einer anonymen Barbekanntschaft suchte, sondern mit der Nachbarin oder der besten Freundin der eigenen Frau? Cocktailpartys, Golf und Ehebruch, das kleine Einmaleins der Vorstadtlibertinage.

60 Bücher in 50 Jahren!


Sein Vorrat an Themen, behaupteten manche seiner Kritiker, sei recht übersichtlich – ein zweifelhafter Einwand, vor allem in Anbetracht des mittleren und späten Werks. Eine Inspektion im Schnelldurchlauf:


Erinnerungen an die Zeit unter Ford: Vordergründig eine vergleichende Untersuchung über die US-Präsidenten James Buchanan (Amtszeit 1857–1861) und Gerald Ford, tatsächlich aber eine «Geschichte des Geschlechtsverkehrs»: von der Prüderie über den Orgasmuszwang zum Aids-Trauma.


Gertrude und Claudius: Ein so origineller wie prunkender Hamlet-Roman.


Bech in Bedrängnis: Eine feurige Satire auf den Literaturbetrieb. Golfträume, eine Meditation des Altmeisters (Handicap 18!) über Golf als Metapher für das Leben mit seinen Aufs und Abs, Birdies und Bogeys. Brasilien: «So ungestüm muss der literarische Nachwuchs erst einmal werden.» (Der Spiegel)


Sucht mein Angesicht: «Ein Künstlerroman, leicht, kenntnisreich, ohne Furcht vor den Trivialitäten des Lebens geschrieben» (Literaturen), mit einem Protagonisten (Zack McCoy), der unschwer als Jackson Pollock, Säulenheiliger des Abstrakten Expressionismus und Propagandist einer dramatischen Ausdruckskunst, zu identifizieren ist. Landleben: Kleinstadt-Sex und große Träume – «eine perfekte Mischung aus Altersweisheit und Jungs-Charme» (Brigitte). Terrorist: Im New Yorker Lincoln-Tunnel plant ein Terrornetzwerk einen Bombenanschlag: «Ein brillantes Gegenwartspanorama!» (taz).


2008 dann Die Witwen von Eastwick – eine fulminante Fortschreibung seines Erfolgsromans Die Hexen von Eastwick (1987 verfilmt mit Cher, Susan Sarandon und Michelle Pfeiffer). Seine nachgelassenen Erzählungen Die Tränen meines Vaters aufs Schönste. In ihnen erwies sich John Updike ein letztes Mal als «Meister der unangestrengten Bewegung» (Ian McEwan), als «Genie der Gegenwartsentschlüsselung in Geschichten» (Die Welt).

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